Freitag, 03.07.2020
 

Fazit | Beitrag vom 25.01.2020

Brechts "Im Dickicht der Städte" in MünchenGruppenzärtlichkeit im Klassenkampf

Von Christoph Leibold

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Szenenfoto: Zwei einander umschlingende Frauen hängen von der Decke. (Julian Baumann)
Regisseur Christopher Rüping inszeniert mit "Im Dickicht der Städte" an den Münchner Kammerspielen ein weiteres Frühwerk Brechts. (Julian Baumann)

Brechts "Im Dickicht der Städte" handelt vom Kampf eines jeden gegen jeden. Es geht um das Niederringen des anderen, aber auch um Zärtlichkeit. Christopher Rüping inszeniert dieses Frühwerk ein wenig zu deutungsoffen, meint unser Kritiker.

Die Stärke dieses Stücks ist zugleich seine Schwäche. Fernab seiner späteren Lehrstück-Dramaturgie breitet Brecht hier eine Handlung aus, die sich simplen Deutungsversuchen entzieht. Eine Herausforderung im besten Sinne. Manches bleibt dabei allerdings arg kryptisch.

Christopher Rüping bahnt sich seine eigenen verschlungenen Wege durch den Text-Dschungel, reichert ihn mit Improvisationen an, erliegt aber nie der Versuchung, das Dickicht zu lichten. So nimmt er manchen Irrweg in Kauf. Sein Mut aber, sich auf das Stück in seiner Vieldeutigkeit einzulassen, verdient Respekt.

Szenenfoto: Ein Mann in einem blauen Kleid, eine Frau in einem roten Kleid. Beide sitzen auf einem Bett und schauen auf das linke Knie des Mannes, auf das er mit dem Finger zeigt. (Julian Baumann)In dieser Inszenierung werden die Rollen cross-gegendert, wie Leibold erklärt. Im Mittelpunkt steht nicht der Kampf der Geschlechter, sondern der zwischen Arm und Reich. (Julian Baumann)

Die Form dieses frühen Brecht-Stücks findet ihre Entsprechung in seinem Inhalt. So wie sich das Stück gängigen Gesetzmäßigkeiten der Dramaturgie entzieht, folgt auch der Kampf zwischen dem Holzhändler Shlink und dem Bibliotheksangestellten George Garga, von dem es erzählt, keinen schlüssigen Regeln.

Es tritt an: ein Besitzender gegen einen Mittellosen. Geld gegen Geist. Anfangs will Shlink Gargas Meinung zu einem Buch abkaufen. Dann aber bietet er ihm einen Rollentausch an, überlässt Garga sein Hab und Gut. Worauf Garga – der Erniedrigte, nun Erhobene – sofort das tut, was er von den Herrschenden gelernt hat: Er erniedrigt seinerseits Shlink. Es entspinnt sich ein Kampf mit vollem Einsatz, bei dem die Kontrahenten alles auf Spiel setzen, was sie haben.

Jede und jeder kämpft für sich

Christopher Rüping interessiert sich dabei vor allem für die Ambivalenz dieses Kampfes. Einerseits geht es darum, den Gegner nieder zu ringen. Andererseits ist es auch ein Ringen um Nähe. Anfangs kullern einige der Darstellerinnen und Darsteller eingeschlossen in Plastikblasen auf die Bühne. Das lässt an Menschen in Filter Bubbles denken. Ein Bild der Vereinzelung.

Die moderne Welt, für die das Großstadtdickicht bei Brecht steht, ist knapp 100 Jahre nach seiner Uraufführung noch komplizierter, undurchschaubarer geworden. So kämpft jede und jeder für sich. Aber auch gesellschaftliche Gruppen kapseln sich ab voneinander: Die Schere zwischen Arm und Reich klafft immer weiter auseinander. Der Graben zwischen den politischen Lagern wird immer tiefer.

Dagegen setzt Rüping später in der Aufführung eine Utopie: Bis auf die Unterwäsche entkleidet verschwindet das Ensemble unter einer großen Steppdecke: maximale körperliche Nähe als Ausdruck von Gemeinschaft und Solidarität. Sie scheitert an den Egoismen der Einzelnen.

Ausweitung der Kampfzone ins Globale

Bühnenbildner Jonathan Mertz hat die Spielfläche mit Rollkisten vollgestellt, aus denen nach und nach Requisiten und Kulissenteile zum Vorschein kommen. Versatzstücke einer fragmentierten Welt, die kein geschlossenes Bild mehr abgibt. Die Schauspielerinnen und Schauspieler sprechen, ihrer unterschiedlichen Herkunft gemäß, Deutsch, Englisch, Arabisch und Serbisch. Die Mehrsprachigkeit hat etwas erfreulich Selbstverständliches.

Fast wie nebenbei gelingt Rüping damit eine Ausweitung der Kampfzone ins Globale. Dass Frauen bei ihm (nicht durchgängig, aber teils) Männer spielen und umgekehrt, und dass die Rollen munter durchgetauscht werden (es gibt nicht nur einen Shlink und auch nicht nur einen Garga), betont zudem das Universelle dieses Kampfes.

Allerdings macht es den Abend auch noch chaotischer als das Stück ohnehin schon ist. Mit anderen Worten: Rüping übertreibt es ein wenig mit dem (an sich erfreulichen) Mut zur Mehrdeutigkeit. Dass macht das Ringen um Bedeutung auch für das Publikum stellenweise zu einem einsamen, aussichtslosen Kampf, bei dem es von der Regie alleine gelassen wird.

Im Dickicht der Städte nach Bertolt Brecht
Inszenierung: Christopher Rüping
Münchner Kammerspiele

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