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Fazit / Archiv | Beitrag vom 12.03.2017

Brechtfestival AugsburgBertolt Brecht und der Feminismus

Von Noemi Schneider

Szene aus "Die Welt ist schlecht! Und ich bin Brecht" beim Brechtfestival Augsburg 2017 (Foto: Brechtfestival Augsburg / Kai Wido Meyer)
Szene aus "Die Welt ist schlecht! Und ich bin Brecht" beim Brechtfestival Augsburg 2017 (Foto: Brechtfestival Augsburg / Kai Wido Meyer)

Am Abend ist das 8. Brechtfestival in Augsburg zu Ende gegangen, das erste unter dem künstlerischen Leiter Patrick Wengenroth. Es überraschte mit sezierten Lehrstücken, Performances, lyrischen Gedankenspielen und einem Feminismus-Schwerpunkt.

"Wir müssen etwas sagen! Wir melden, den Tod eines Genossen!"

Zum Auftakt gab es Brechts umstrittenstes Lehrstück "Die Maßnahme", seziert von Selcuk Cara.

"Wer hat ihn getötet?"

"Was ist ein Mensch?" lautet die zentrale Frage des Stücks, in dem sich vier Agitatoren für den Tod eines jungen Genossen verantworten müssen. Nach lang anhaltendem Applaus verließen die Zuschauer lautstark über Parteiräson, Kommunismus und Freiheit diskutierend das Gaswerkgelände im Augsburger Industriegebiet, im Brecht'schen Sinne.

Brechts verkorkstes Verhältnis zu den Frauen

Der Feminismus-Schwerpunkt des diesjährigen Festivals dagegen hätte bei Brecht vermutlich für Irritationen gesorgt.

"Feminismus ist für alle da."

Darüber diskutierten die britische Feministin und Journalistin Laurie Penny, unter anderem Autorin des Buches "Fleischmarkt. Weibliche Körper im Kapitalismus" und der Autor Jack Urwin in der ausverkauften Brechtbühne, während draußen vor der Tür Studenten der Hochschulgruppe der Deutsch-Israelischen Gesellschaft der Universität Augsburg Laurie-Penny-kritische-Broschüren verteilten, in denen der Autorin antisemitische Äußerungen unterstellt wurden. Zurück zu Brecht. Brecht und die Frauen, ein eher schwieriges Thema, stellte die Moderatorin der Diskussion, die Journalistin Meredith Haaf gleich zu Beginn fest:

"Also, ich persönlich weiß, dass ich so mit fünfzehn, sechzehn totale Aggressionen gegen Brecht entwickelt habe, nachdem ich so ein paar Briefe gelesen hatte, die er an Frauen geschrieben hat und feststellen musste, dass dieser so wahnsinnig kluge und richtig liegende Autor ein ziemlich verkorkstes Verhältnis zu Frauen hatte, und zwar zu vielen Frauen."

Was jedoch Jack Urwin, Laurie Penny und Bertolt Brecht verbinde, sei dieselbe Zielrichtung:

"Ich glaube, wir haben es hier mit Laurie und Jack mit einer neuen Generation von Autoren zu tun, die eigentlich schreiben um Politik zu machen!"

"Toxische Männlichkeit" und Kapitalismus

Im Gespräch verknüpfte Laurie Penny die Krise des Kapitalismus mit der Krise der Männlichkeit. Jack Urwin unterstrich das mit seiner These von der "toxischen Männlichkeit".

"Toxische Männlichkeit hindert uns daran, einige der ursprünglichsten menschlichen Dinge zu tun. Sie verhindert, dass wir unseren Nächsten unsere Liebe zeigen."

Die Diskussion fand auf Englisch statt, was einige Augsburger zunächst irritierte, doch innerhalb des Publikums wurde sofort solidarisch flüsternd übersetzt, bis Schauspieler aus den Werken zu lesen begannen.

"Mit Sicherheit wissen wir, dass die Gender-Rollen Mann und Frau, Junge und Mädchen, etwas an sich haben, was die Menschen furchtbar unglücklich macht."

(Foto: Brechtfestival Augsburg / Kai Wido Meyer)8. Brechtfestival Augsburg 2017 (Foto: Brechtfestival Augsburg / Kai Wido Meyer)

Der künstlerische Leiter des diesjährigen Festivals Patrick Wengenroth ist ein begeisterter Laurie-Penny-Leser, kein Wunder also, dass auch in seiner Brecht-Revue eine Penny-rezitierende Schauspielerin mit Baseballschläger in der Hand auftauchte, bevor das Lied vom Ende des Kapitalismus gesungen wurde:

"Vorbei, vorbei, vorbei"

Keine Wohlfühl-Brecht-Heimspiele

Patrick Wengenroth führte als Zeremonienmeister Brecht durch den bunten, streckenweise sehr klamaukigen Abend "Die Welt ist: schlecht! Und ich bin: Brecht!", als dessen grausames Herzstück sich das selten gespielte, ganz und gar nicht klamaukige "Badener Lehrstück vom Einverständnis" entpuppte.

"Der Führer des gelernten Chors wendet sich an die Menge. Betrachtet unsere Clownsnummer, in der Menschen einem Menschen helfen!"

Zwei Clowns sägen einem dritten Clown, genannt Herr Schmitt, mit seinem Einverständnis, nacheinander die Körperteile ab.

"Auaauaaua!"
"Danke, Danke!"

Bei der Publikumsbefragung ließ ein älterer Augsburger dann verlauten, er liebe Brecht, aber nicht das, was er gerade gesehen habe, das schlage ihm auf den Magen.

Getreu dem Motto: "Ändere die Welt, sie braucht es!", bot das diesjährige Festivalprogramm keine Wohlfühl-Brecht-Heimspiele. Statt Klassikern gab es zersägte und sezierte Lehrstücke, Performances, Konzerte, lyrische Gedankenspiele und geballte Frauenpower. Dem ein oder anderen älteren Augsburger vielleicht ein bisschen zu assoziativ. Das junge Publikum war begeistert und hofft auf eine Fortsetzung unter Patrick Wengenroth.

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