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Fazit / Archiv | Beitrag vom 03.01.2010

Brecht und Wedekind zu Gast in Paris

Neuer Theaterdirektor von "La Colline" setzt auf deutsche Autoren

Von Siegfried Forster

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Der Schriftsteller und Dramatiker Bertolt Brecht auf einem undatierten Archivbild. (AP)
Der Schriftsteller und Dramatiker Bertolt Brecht auf einem undatierten Archivbild. (AP)

Seit Jahresbeginn ist der 45-jährige Theatermacher Stéphane Braunschweig neuer Theaterdirektor der nationalen Schaubühne "La Colline" in Paris. Als Rezept für eine erste Theatersaison dienen ihm dabei vor allem Autoren und Regisseure aus Deutschland.

Klingend und klirrend hört es sich an, wenn Stéphane Braunschweig Ibsens Versen auf den Leib rückt. Der 45-jährige Braunschweig steht für zeitgenössisches Denken im klassischen Text-Gewand. Inzest, Rufmord und drei Selbstmorde in Ibsens "Rosmersholm" ist für ihn kein Grund zum Verzweifeln, sondern Material für die theatrale Zukunft. Ähnlich wie das Schicksal der rätselhaften und skrupellosen Hauptfigur Rebecca im Stück:

"Das ist eine moderne Frau in einem klassischen Werk. Das gesamte Stück handelt davon, wie man seiner Vergangenheit entkommen kann, um sich in die Gegenwart und die Zukunft zu projizieren."

Braunschweig, ein Theaterregisseur, der das Bühnendekor oftmals selbst entwirft. Als frisch ernannter Schaubühnen-Direktor zimmert er nun an einem Theater à la Braunschweig. Als Erstes schnitt der neue Kopf alte, zu lang gewordene Zöpfe ab: Das für ihn zu pompös klingende Théâtre National de la Colline heißt ab sofort so, wie es auch alle Anwohner nennen: "La Colline", "der Hügel". Denn sein Theater steht auf einer Anhöhe, aber auf keinem Podest:

"Mir gefällt es, dass dieses Theater eher etwas abseits des Stadtzentrums liegt, im 20. Pariser Arrondissement. Das ist eine Bühne, die wirklich ein junges Publikum ansprechen kann. Menschen, die mit dem Theater einen Blick auf die Gegenwart werfen wollen. Das ist mein Ziel."

Volksnähe war einer der ersten und wichtigsten Schlüsselbegriffe, die Braunschweig sich auf seiner Wanderung durch die Theaterwelt zu eigen machte. Erfahren hat er sie als Schüler bei Antoine Vitez, einer zentralen Figur der französischen Theaterszene in der Nachkriegszeit. Für Vitez verkörperte die Bühne ein unersetzbares gesellschaftliches Kraftfeld. Heute proklamiert Braunschweig sein "elitäres Theater für alle". Texte versteht er dabei nicht als Schlachtfeld, auf dem sich Regisseure austoben können. Geprägt durch seine Opern-Inszenierungen respektiert er die Werke Wort für Wort, wie Noten einer Partitur.

"Ja, ich verwende die Theatertexte wie Musikpartituren. Ich bin jemand, der präzis und rigoros arbeitet, aber ich bin nicht starr. Ich kann ein Theaterstück hernehmen und kürzen, aber nicht bei Ibsen. In diesem Jahr werde ich Lulu inszenieren. Da kann ich ein Drittel des Texts streichen, weil es hier um eine Geste geht, die auch durch Streichungen erhalten bleibt. Bei Ibsen ist es genau wie eine Musikpartitur geschrieben, wie ein Quartett. Wenn man ein Stück herausnimmt, versteht man nichts mehr. Mir geht es darum, dass man die Dinge versteht."

Als Rezept für eine erste erfolgreiche Pariser Theatersaison dienen Braunschweig dabei vor allem Autoren und Regisseure aus Deutschland: Frank Wedekind, Dea Loher, Marius von Mayenburg, Michael Thalheimer - die vielen deutschsprachigen Denker im Programm verraten seine langjährige Auseinandersetzung und Zusammenarbeit mit der Theaterszene des Nachbarlandes. Der 73-jährige Brechtspezialist Bernard Sobel findet in "La colline" einen neuen Hafen für sein Engagement - genauso wie Stanislas Nordey für seine zuvor in Saint-Denis gescheiterten Utopien. "Träume von Heldentum und Radikalität" hat Stéphane Braunschweig seine erste Saison überschrieben. Unterdessen will der Staat das Budget für rein künstlerische Ausgaben bis 2011 von 1,6 Millionen Euro auf die Hälfte zusammenkürzen. Will Braunschweig mit der Utopie auf der Bühne gegen die Realität an der Theaterkasse ankämpfen?

"Wir sind gezwungen, diese Realität zu sehen. Unser Budget ist kleiner geworden, der künstlerische Spielraum ist kleiner geworden. Objektiv gesehen müssen wir heute mehr Einnahmen einspielen. Wir müssen die Realität der Abendkasse zur Kenntnis nehmen. Aber deshalb können wir auf der Bühne trotzdem noch viele Utopien und Träume behalten."

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