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Länderreport | Beitrag vom 01.10.2018

Braunkohletagebau Garzweiler IIVerheizte Heimat

Von Claudia Hennen

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Ein Motorrad fährt durch das Dorf Keyenberg: Von den rund 800 Einwohnern haben sich viele schon umsiedeln lassen; Aufnahme vom August 2016 (picture alliance / dpa)
Von den rund 800 Einwohnern des Erkelenzer Ortsteils Keyenberg haben sich schon viele umsiedeln lassen. (picture alliance / dpa)

Der Braunkohletagebau Garzweiler hat in den vergangenen Jahrzehnten bereits 16 Dörfer geschluckt - weitere sollen folgen. Dass der Abbau in den nächsten Jahren gestoppt wird und sie in ihrer Heimat bleiben können, glauben die Bewohner nicht mehr.

Oliver Kanneberg steht hinter seinem Backsteinhaus in Kuckum, einer über 1000 Jahre alten Ortschaft im Nordosten der Stadt Erkelenz. Er blickt in seinen idyllischen Garten und seufzt. Die Tage von Haus und Grund sind gezählt.

"Bis vor eineinhalb, zwei Jahren war die Hoffnung noch da. Aber derzeit ist eine große Barriere gefallen – das ist die Autobahn 61, die ist jetzt lahmgelegt worden. Das war für uns lange wie eine Chinesische Mauer, wo wir gedacht haben, dass RWE da nicht drüber geht. Das ist aber jetzt erfolgt. Und dementsprechend stellt man sich das vor, man stellt sich das jeden Tag eigentlich vor."

Mit "das" meint Kanneberg die Schaufelradbagger, die immer näher rücken. Spätestens 2029 soll in Kuckum Braunkohle gefördert werden, der Umsiedlungsprozess hat im vergangenen Jahr begonnen. Oliver Kanneberg steht in Verhandlungen mit RWE über ein Ersatzgrundstück im Norden der Stadt Erkelenz. Bislang ohne Erfolg.

"Die Grundstücke, die man dort zur Auswahl hat, sollten eigentlich vergleichbar sein mit den Grundstücken, die man am alten Ort hat. Das ist aber in recht wenigen Fällen die Praxis. Diese sehr gute Lage finden wir am neuen Ort definitiv nicht wieder. Die gibt es einfach nicht."

Viele kehren der Region den Rücken

Oliver Kanneberg überlegt mittlerweile, mit seiner Familie die Region zu verlassen. Er geht davon aus, dass nur ein Drittel der 400 Dorfbewohner überhaupt umsiedeln wird. Der 52-jährige technische Angestellte führt alle paar Wochen nach Feierabend Interessierte durch die schwindenden Dörfer des Tagebaugebiets. Das Motto seiner privaten Exkursion: "Verheizte Heimat".

Neben der Kuckumer Hauptstraße stehen vereinzelt Container vor den Backsteinhäusern. Manchmal sind auch Schächte davor ausgehoben – das heißt, dass die Häuser bereits unbewohnt und von der Strom- und Wasserversorgung abgeschnitten sind.
 
"Die Menschen fangen schon weit, weit im Vorfeld an, sich zu zerstreuen. Das ist ein Sterben in kleinen Schritten, das muss man schon sagen. Dieses Wegsterben eines intakten Ortes, der Menschen, der Infrastruktur - man hat es leider Gottes jeden Tag vor Augen. Das ist nicht schön zu sehen, definitiv nicht."

Oliver Kanneberg vor seinem Haus in Kuckum, einem Ortsteil von Erkelenz, der umgesiedelt werden soll (Deutschlandradio/ Claudia Hennen)Oliver Kanneberg vor seinem Haus in Kuckum, einem Ortsteil von Erkelenz, der umgesiedelt werden soll (Deutschlandradio/ Claudia Hennen)
Am Ortsrand trifft Oliver Kanneberg auf einen Großbauern. Der kräftige, braun gebrannte Mann um die 60 verhandelt mit RWE um Ausgleichsflächen. Bislang vergeblich:

"Die Landwirte haben nicht so viel Eigenland. Der größte Anteil ist gepachtet. Und auf ein Pachtland bekommt man kaum noch Optionen. Und wenn der Betrieb dann um die Hälfte verkleinert wird, dann ist die Existenznot da."

Für die Bauern ist kein Platz nach der Umsiedlung

Der Lössboden im Gebiet Garzweiler ist besonders fruchtbar. RWE hat dies auch erkannt und begonnen diesen Boden abzutragen. Jährlich über eine Million Kubikmeter Erde sollen in einem Teil des Tagebaus, der nicht mehr für den Braunkohlenabbau gebraucht wird, aufgeschüttet werden. Doch das tröstet den Landwirt nicht:

"Gewachsener Boden, den kann man einfach nicht ersetzen. Den kann man zwar abtragen und woanders wieder aufkippen, aber er ist ja über Jahre gewachsen, gedüngt, bearbeitet worden. Dann ist da keine Struktur mehr, das ganze Boden-Lebewesen ist ja nicht mehr da. Das kann man nicht mehr herstellen. Das ist ein ganz großer Verlust!"

Für die verbliebenen zehn Großbauern im Tagebaugebiet Garzweiler wird es keinen Platz im umgesiedelten Ort geben. Milchvieh zu halten wird nicht erlaubt sein:

"Aber nein, weil es reine Wohngebiete sind, und in Wohngebieten sind keine Nutztiere erlaubt. Am Hof haben wir drei Hektar Wiesen, die hätte ich gerne zurück!"

Seinen Namen will der betroffene Bauer nicht nennen, noch verhandelt er mit RWE. Die Fahrt geht weiter – nach Keyenberg. Auf dem Platz vor der Kirche spielen Kinder.

Geschichte wird ausgelöscht

Dass das Dorf bis 2023 dem Erdboden gleich gemacht werden soll - eine absurde Vorstellung an diesem sonnigen Spätsommernachmittag. Auch die prächtige neugotische Heilig-Kreuz-Kirche, die in den Grundfesten über tausend Jahre alt ist und unter Denkmalschutz steht, wird dann weggebaggert.

Küsterin Hedwig Drabik weiß, was es heißt, die Heimat zu verlieren. Die 84-Jährige wurde als Kind aus dem Sudetenland vertrieben.

"Also das ist praktisch wie eine neue Vertreibung. Das kann man nicht begreifen. Es sind sehr viele schon hier krank geworden, gestorben darüber, vor lauter Gram."

Jüchen: Schaufelradbagger arbeiten sich im Tagebau Garzweiler durch das Erdreich. (picture alliance/Federico Gambarini/dpa)Die Bewohner haben die Hoffnung aufgegeben, dass ihre Dörfer verschont bleiben. (picture alliance/Federico Gambarini/dpa)
Im umgesiedelten Ort wird nur eine kleine katholische Kapelle stehen – sie muss dann auch den Gemeinden Kuckum und Berverath genügen, deren jahrhundertealten Kirchen ebenfalls dem Tagebau zum Opfer fallen. Aus Platzgründen, so die Argumentation des Aachener Bistums, kann nur ein Bruchteil des historischen Inventars mitgenommen werden – der prächtige holzgeschnitzte Keyenberger Hochaltar etwa wird nicht dabei sein. Der Keyenberger Ingo Bajerke will das nicht hinnehmen, er wurde in der Kirche getauft, war von klein auf in der Gemeinde aktiv:

"Alles, was mit der Geschichte unseres Ortes zu tun hat, befindet sich hier in der Kirche. Wir haben hier eine Zeitkapsel und ich habe gedacht, wir nehmen diese Zeitkapsel mit an den neuen Ort und haben dann praktisch einen Ort der Erinnerung, einen Ort der Geschichte, wo Geschichte erlebbar ist. Aber die Kirche lässt uns das nicht mitnehmen. Es wird praktisch die Erinnerung ausgelöscht."

Im Kirchturm hängt eine jahrhundertealte Glocke. Auch sie wird nicht in die neue Kapelle kommen und stattdessen wie auch der Altar auf andere Kirchen irgendwo in Deutschland verteilt.

Energiesicherung hat Vorrang

Nur noch wenige Keyenberger protestieren gegen den Abriss ihres Dorfes und seiner Kirche. 2013 hatte das Bundesverfassungsgericht die Klage eines Betroffenen aus der Region abgewiesen.

Ein Recht auf Heimat gäbe es nicht, der Braunkohle-Abbau sei verfassungskonform, denn er diene der Energiesicherung und damit dem Gemeinwohl, entschieden die obersten Richter. Als der benachbarte Immerather Dom im vergangenen Jahr weggebaggert wurde, schwand bei vielen endgültig die Hoffnung auf eine Rettung der verbliebenen Kulturdenkmäler im Tagebaugebiet.

"Viele haben mit der Sache abgeschlossen, man braucht sie nicht mehr anzusprechen, die wollen nichts mehr hören. Man wird auch für verrückt erklärt, die sagen, nimm das Geld, schließ‘ doch damit ab. Aber es gibt noch eine kleine Gruppe – wir nennen uns ‚histories‘ – wir haben alte Bilder gezeigt, einen Geschichtsrundgang organisiert, um den Leuten klar zu machen: Was geben wir eigentlich auf?"

Bagger beginnen am 08.01.2018 in Immerath (Nordrhein-Westfalen) mit dem Abriss der Kirche. (picture alliance / dpa / Henning Kaiser)Der sogenannte "Immerather Dom" wurde im Januar 2018 abgerissen. (picture alliance / dpa / Henning Kaiser)
Einzig der erbitterte Widerstand gegen die Abholzung im Hambacher Forst lässt Ingo Bajerke noch hoffen:

"Wie viele Leute da auf den Beinen sind! Früher waren nur noch diese Aktivisten dort, und nun sah man Familien mit Kindern, man sah Leute aus der Bevölkerung, eine riesige Menschenmasse, die zeigt: Die Zeit der Braunkohle ist vorbei. Und das macht mir schon Mut."

Der Kuckumer Oliver Kanneberg ist pessimistischer. Er kann sich zwar vorstellen, dass noch innerhalb des kommenden Jahrzehnts der Braunkohle-Abbau gestoppt wird. Für die Häuser sei es aber bereits zu spät. Aber vielleicht bliebe der Boden:

"So dass man zumindest zu dem Boden zurückgehen kann und sagen kann: Da hat mal mein Haus gestanden. Das ist ja sonst im luftleeren Raum, da ist ja gar nichts mehr."

Auf dem "Friedhof der Dörfer"

Zum Abschluss der Tour fährt Oliver Kannenberg noch durch einen Teil der wieder aufgeschütteten Tagebaus Garzweiler. Hier standen mal die Dörfer Otzenrath, Königshoven, Garzweiler. Seltsam verwaist wirkt die Landschaft, überall surren riesige Windräder von RWE.

"Wo wir hier stehen, ist alles aufgeschüttet – hier ist alles umgegraben."

Die Fahrt endet auf einer kleinen Anhöhe, unweit der Königshovener Kapelle, die Dorfbewohner wieder aufgebaut haben. Hinter einer Reihe von Bäumen zeichnen sich die Umrisse einer Mülldeponie von RWE ab. Schilder verbieten den Zutritt. Oliver Kanneberg nennt es auch den "Friedhof der Dörfer", zeigt mit dem Finger auf eine Grube hinter den Baumwipfeln. Dort landet seit bald zwei Jahrzehnten der Schutt der weggebaggerten Ortschaften:

"Hier verschwinden wirklich alte Gutshöfe drin, hier verschwinden Kirchen, letztlich auch Teile von Friedhöfen. Es ist sicherlich würdelos und es ist auch eine Nichtachtung unserer Kultur. Ich sage immer, wenn mal in zehntausend Jahren die Archäologen diese Dinge finden, dann wird man sich über Jahrhunderte die Frage stellen, was hat man damals gemacht? Was hat man damals gemacht mit all diesen Dörfern?"

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