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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 13.02.2014

BrasilienSpurlos verschwunden

Bernardo Kucinski: "K. oder Die verschwundene Tochter"

Von Johannes Kaiser

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Militärputschisten auf dem Weg nach Rio de Janeiro, 1.4.1964 (AP)
Militärputschisten auf dem Weg nach Rio de Janeiro, 1.4.1964 (AP)

Die Schwester von Bernardo Kucinski gehörte in den 1970er-Jahren zu den Menschen, die während der brasilianischen Militärdiktatur spurlos verschwanden. Jetzt hat er diese Tragödie zur Grundlage seines Buches gemacht.

Das ist der Albtraum aller Eltern: Ihr Kind verschwindet über Nacht und bleibt verschwunden, unauffindbar. Auch wenn es schon erwachsen ist, werden sie alle Hebel in Bewegung setzen, um herauszufinden, was geschehen ist, ob es noch lebt, werden Freunde, Bekannte, Kollegen befragen, die Polizei einschalten. Es ist der Beginn einer verzweifelten Suche.

Als K. nach zehn Tagen immer noch kein Lebenszeichen von seiner Tochter, Chemikerin an der Universität, bekommen hat, wird er nervös. Dass erwachsene Kinder mit ihren Eltern plötzlich nichts mehr zu tun haben wollen, ist nichts Außergewöhnliches. Allerdings sind die Zeiten alles andere als normal.

Zwischen Hoffnung und Verzweiflung

K, einst mit seinen jüdischen Eltern aus Russland nach Brasilien emigriert, hat sich nie um Politik gekümmert, sich in jüdische Literatur vergraben. Plötzlich muss er sich mit der politischen Situation auseinandersetzen, der herrschenden Militärdiktatur. Wohin er sich auch wendet, er stößt auf eine Mauer des Schweigens, ängstlichen Wegsehens, provozierenden Leugnens.

Offenkundig gibt es überall politisch motivierte Verhaftungen, wie er bei einem Treffen von Angehörigen ebenfalls Verschwundener erfährt. Ehemänner, Ehefrauen, selbst Kinder werden von Polizisten oder Militärs abgeholt und tauchen nie wieder auf. Die staatlichen Organe behaupten, von nichts zu wissen, streiten jegliche Beteiligung ab. K. sucht weiter, zwischen Hoffnung und Verzweiflung schwankend.

Der Roman des brasilianischen Autors Bernado Kucinski ist stark von der Familienbiografie geprägt. Seine Schwester, die sich während der Militärdiktatur einer Widerstandsgruppe angeschlossen hatte, wurde 1974 verhaftet und verschwand spurlos. Der Roman schildert, wie Kucinskis Vater, im Roman nur als K. vorgestellt, sich auf die Suche begibt. Sein Sohn, als kritischer Journalist 1970 vor der Militärdiktatur ins Exil nach London geflohen, kehrte 1974 nach Brasilien zurück, half seinem Vater bei der Suche und engagierte sich fortan für die Sache der Verschwundenen.

Opfer aus dem Vergessen reißen

Sein Roman erinnert an eine Periode der brasilianischen Geschichte, die nicht zuletzt aufgrund einer Amnestie für die Generäle und ihre Helfershelfer bis heute nicht aufgearbeitet worden ist. Das Buch ist allerdings weit mehr als nur der Versuch, das eigene Familiendrama zu bewältigen. Wir sehen die Geschehnisse nicht nur aus der Perspektive des suchenden Vaters. In kurzen Episoden kommen auch andere Beteiligte zu Wort.

Der Schwiegervater der verschwundenen Tochter erzählt, was für ein Mensch sein Sohn war. Ein Spitzel beichtet, wie er von der Geheimpolizei erpresst wurde, seine Genossen zu verraten. Selbst den Folterern hört der Autor beim Lamentieren über die Mühseligkeit ihrer Mordtaten zu. Kucinski wechselt dabei ständig die stilistischen Mittel, nutzt die Briefform, Reportageelemente, die persönliche Rede, die Perspektive des neutralen Beobachters.

So wird sein Roman zu einem vielstimmiger Chor von Zeitzeugen jener dunklen Jahre brutaler Repression und allgemeiner Angst, aber auch furchtlosen gewaltlosen Widerstands von Seiten der Angehörigen der Verschwundenen. Ein halbfiktives, beklemmendes Zeitdokument, das die Opfer aus dem Vergessen reißt, eine Geschichte, wie sie überall und jederzeit in allen Diktaturen vorkommen kann, ein Roman, der verstört und unter die Haut geht.

Bernardo Kucinski: K. oder Die verschwundene Tochter
Aus dem Portugiesischen Sarita Brandt
Transit, Berlin 2013
144 Seiten, 16,80 Euro

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