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Länderreport | Beitrag vom 22.01.2021

BrandenburgWas tun, wenn der See immer weiter absinkt?

Von Annika Jensen

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Der Seddiner See, im Vordergrund ein Boot, am Rand ein breiter, sandiger Uferstreifen (Deutschlandradio / Annika Jensen)
Der Seddiner See in Brandenburg ist ein Idyll. Allerdings sinkt der Wasserspiegel in dem grundwassergespeisten Gewässer dramatisch. (Deutschlandradio / Annika Jensen)

Dem Seddiner See geht es schlecht. Hydrologen erwarten, dass der Wasserspiegel 2050 anderthalb Meter tiefer liegt als heute. Ähnliche Probleme haben auch andere Grundwasserseen in Brandenburg. Ein neuer Umgang mit Klärwasser könnte die Rettung sein.

"Ein Fischer ohne See geht eigentlich nicht. Schon allein das Ambiente. Und nichts mehr zu fangen, bereitet mir Bauchschmerzen", sagt Fischer Mirko Mannheim. "Aber es geht weiter. Solange der Fischhandel noch bestehen bleibt und es noch Fische gibt, machen wir weiter."

Manuela Liebig erzählt, sie habe als Kind noch ganz anders baden können: "Wir haben da noch keine Sandbank gesehen. Wir haben da noch im Wasser gestanden, knietief. Und konnten da mit Bällen spielen, Ringe werfen und sonst was alles machen. Und das können unsere Kinder so jetzt nicht mehr miterleben."

Gemeindevertreter Jürgen Wagler sagt, "dass hier eine andere Politik gestaltet werden muss, um den See überhaupt noch zu retten. Wenn nichts passiert, dann wird dieser See sehr bald nicht mehr in der Form da sein, in der er jetzt noch da ist."

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Die achtjährige Antonia berichtet: "Meine Freundin hat mir erzählt, sie hat mal einen Steg gesehen, der so groß ist wie ich, und da konnte man früher immer ins Wasser reinspringen, und jetzt springt man da ins Gras."

Der Wasserspiegel ist um 1,50 Meter gesunken

Der Hydrologe Olaf Miet erläutert: "Die Tendenz ist so, dass bekannte Hydrologen gesagt haben, im Jahr 2050 wird der See noch mal 1,50 Meter tiefer liegen als heute. Dann hätte der See insgesamt drei Meter Seespiegel verloren. Das wäre mehr als die Hälfte seines gesamten Volumens."

Dem Seddiner See geht es schlecht. Er liegt etwa 20 Autominuten westlich von Potsdam in der gleichnamigen Gemeinde. Noch. Denn allein in den vergangenen drei Jahren ist sein Wasserstand um 1,50 Meter gesunken. Von den einst rund 217 Hektar Fläche hat er einige eingebüßt. Er ist ein Beispiel dafür, wie die Oberflächengewässer auf den Klimawandel reagieren. Ganz besonders im Osten Deutschlands, in dem in den vergangenen drei Jahren sehr wenig Regen gefallen ist.

Einer, der dem See quasi jeden Tag beim Verschwinden zusehen kann, ist Fischer Mirko Mannheim. Gemeinsam mit seinem Vater Manfred, der vor 48 Jahren als Lehrling an den Seddiner See kam, betreibt er die einzige Fischerei am See. Bald will der Sohn den Betrieb übernehmen.

Probleme für den Fischereibetrieb

Mirko Mannheim steht am See, es ist ein grauer Morgen. Die andere Uferseite ist hinter dichtem Nebel versteckt. "Man sieht sehr schön die große Sandbank, die sich über hundert Meter rausstreckt und hier vorne sieht man unsere Fischhälterkästen", weist Mannheim auf den See. "Vor zwei Jahren, also 2018, hälterten wir da noch Fische. Und das ist alles trocken. Schlimm."

Fischer Mirko Mannheim in seinem Fischereibetrieb am Seddiner See mit einem Kescher in der Hand. (Deutschlandradio / Annika Jensen)Mirko Mannheim in seinem Fischereibetrieb am Seddiner See. (Deutschlandradio / Annika Jensen)

In der Fischhälteranlage konnten die Mannheims ihre Fische lebend lagern. Jahr für Jahr hätten sie die drei mal drei Meter große Anlage, in die Netze eingehängt waren, weiter rausgeschoben, erzählt Mirko Mannheim. Bis es nicht mehr ging.

Das ist allerdings nicht die einzige Auswirkung des sinkenden Wasserpegels auf den Fischereibetrieb. "Zum ersten fängt man nichts mehr aus dem See, also sehr, sehr wenig. Wir müssen jetzt 90 Prozent dazukaufen. Und dadurch haben wir höhere Betriebskosten, zum Beispiel Energie, da wir die Fische, die wir zukaufen, in Extra-Becken hältern müssen – und die müssen belüftet werden und das geht nur mit Strom."

Der Seddiner See ist wie viele Seen im Nordosten Deutschlands ein grundwassergespeister See. Fällt der Grundwasserpegel, fällt auch der Pegel des Sees. Doch anders als für die meisten Seen in Deutschland liegt für den Seddiner See eine große Datenmenge vor. Seit über 30 Jahren beobachtet ihn nämlich Olaf Mietz, Leiter des Instituts für angewandte Gewässerökologie, das sich am See angesiedelt hat.

Er und sein Team führten auch von 2006 bis 2009 die Restaurierung des Sees durch. Dadurch konnte der Nährstoffgehalt des Sees drastisch gesenkt und das Gewässer damit aufgeklärt werden. Doch weil der See in den vergangenen sieben Jahren mehr als ein Viertel seines Volumens verloren habe, seien die positiven Effekte der Seesanierung in Gefahr, sagt Olaf Mietz:

"Das Schilf steht im Trockenen, das heißt, das Schilf arbeitet nicht mehr aktiv in der Biofiltration mit. Das Selbstreinigungspotential des Sees ist drastisch heruntergesetzt worden. Sie sehen am Ufer unendlich viele tote Muscheln. Diese Muscheln fehlen auch als Filtrierer. Wenn es kein Schilf mehr gibt, was im Wasser steht, dann haben die Fische keine Brutflächen."

Außerdem nimmt bei sinkendem Seepegel die Algenproduktion zu, weil bei weniger tiefen Seen das Wasser mehr Licht durchlässt. Auch der Einfluss der Sedimente auf das Wasser nimmt zu, und das führt zu einem internen Düngungsprozess.

Dass der Pegel des Seddiner Sees sinkt, ist kein neues Phänomen. Nur das Tempo ist neu. Olaf Mietz zu den Gründen, die zum Verschwinden des Sees führen:

"Durch den Klimawandel haben wir es damit zu tun, dass wir höhere Temperaturen haben, höhere Strahlung haben, geringere Niederschläge haben, eine andere Verteilung der Niederschläge. Und dies führt dazu, dass die Grundwasserneubildungsrate weniger geworden ist, dass die Grundwasserstände absinken und damit auch die Seespiegelstände. Je trockener es ist, desto mehr Wasser wird auch entnommen, und die Kette geht dann auch durch die Nutzer weiter ins Negative."

Die Bürgerinnen und Bürger engagieren sich

Die Seddinerinnen und Seddiner haben die Folgen des Klimawandels direkt vor der Haustür. Und sie haben den Eindruck, dass zu wenig passiert, um sie aufzuhalten. Deswegen engagieren sich immer mehr Bürgerinnen und Bürger der Gemeinde – und das auf unterschiedlichste Weise.

Tony Hollmann ist eine von ihnen. Mit fünf weiteren Frauen steht sie auf dem Spielplatz in Neuseddin, einem Ortsteil der Gemeinde. Es ist ein Nachmittag im Oktober. Die Kinder der Frauen spielen an den Geräten oder mit einem Fußball.

Hollmann erzählt, wie sie gemeinsam mit einer Freundin im Sommer eine Unterschriftensammlung startete. Und wie sie bastelt, weil sie die Kinder in ihren Protest einbeziehen will.

So entstehen zahllose aus Papier gebastelte Zauberstäbe, die sie zusammen mit über 640 Unterschriften den Gemeindevertreterinnen und -vertretern Ende September übergeben, an einem Tag, an dem in einer Sitzung über den See diskutiert wird.

Die Kita-Mütter und -Kinder fordern die Mitglieder der Gemeindevertretung und den Bürgermeister auf, die Fee vom Seddiner See zu sein, deswegen die Zauberstäbe. "Das geht natürlich an den Kindern auch nicht vorbei", sagt Hollmann, "dass plötzlich der Strand viel gößer ist, dass die Boote nicht mehr im Wasser sind, dass die Stege nicht im Wasser aufhören, sondern irgendwie zehn Meter weit vor dem Wasser an manchen Stellen. Und natürlich muss man das mit den Kindern besprechen. Also, meine Tochter fragt ganz neugierig."

Und die zehnjährige Tamina Reinhard sagt, sie habe den See schon im Alter von ein oder zwei Jahren kennengelernt: "Ich habe auch gemerkt, dass er immer weiter zurückgeht und zurückgeht. Und ich möchte, dass der See erhalten bleibt, weil Kinder dort Spaß haben oder schwimmen lernen."

Übernutzung im Einzugsgebiet

Jürgen Wagler hat sich extra in die Gemeindevertretung wählen lassen, weil er gemerkt hat, dass politische Ämter helfen können. In seiner Jugend hat er viele Sommer am Seddiner See verbracht. Seine Eltern hatten dort ein Wochenendhaus. Vor fünf Jahren ist er mit seiner Frau und dem gemeinsamen Kind hergezogen. Aus seinem Arbeitszimmer heraus blickt er auf den See. Was treibt ihn an?

Jürgen Wagler steht am Ufer des Seddiner Sees auf einem sandigen Strand. (Deutschlandradio / Annika Jensen)Jürgen Wagler engagiert sich in der Gemeindevertretung für den Seddiner See. (Deutschlandradio / Annika Jensen)

"Wenn man selber als Kind hier noch gebadet hat, hier gebaut hat, dann war die Emotion natürlich: Man sieht den See rapide absinken, man kann manchmal zuschauen, das sind manchmal fünf, sechs, sieben Zentimeter Wasserstand in einer Woche, in den Sommermonaten 2018, 2019, und auch in diesem Jahr gewesen", erläutert der 40-Jährige.

Beim Blick auf den See sage man dann: "Da muss man doch was machen, man kann doch nicht zugucken, wie hier einfach zu viel Wasser verbraucht wird, durch Agrarnutzung, durch Golfsport, durch private Nutzer, wie wir es sind, die hierhergezogen sind, weil es so schön ist, und die dann feststellen müssen, dass das Einzugsgebiet das eigentlich alles gar nicht aushält."

Ein Seenbündnis für Brandenburg

Mittlerweile hat Wagler ein Bündnis mit dem Namen Pro Seen mitgegründet. Ein Zusammenschluss mehrerer entsprechender Initiativen in Brandenburg. Mit dem wollen er und seine Mitstreiterinnen und Mitstreitern auf den aus ihrer Sicht problematischen Umgang mit Wasser aufmerksam machen:

"Dass sich hier einfach was ändern muss im Umgang mit Wasser. Wie man Wasser betrachtet. Ob man Wasser einfach so wegschütten kann, wenn es doch hier in der Heimat so viel gebraucht, so viel mehr gebraucht wird. Weil es ja nicht mehr zurückkommt über die Regenmengen."

Und genau das ist der Ansatz, den Wasserfachleute für den einzig gangbaren Weg halten. Es muss mehr Wasser in der Landschaft gehalten werden. Bei der Lösung des Problems könnte die Kläranlage der Nachbarstadt Beelitz eine Rolle spielen. Ob deren geklärtes Wasser zurück in das Grundwasser um den Seddiner See geleitet werden kann, soll eine Machbarkeitsstudie herausfinden.

In Deutschland geben die meisten Kläranlagen ihr Abwasser nicht ins Grundwasser zurück. Dazu fehlt ihnen eine ausreichende Reinigungsstufe. Bislang leiten sie es in die Flüsse ab, dadurch landet es in Nord- und Ostsee und ist so für die Landschaft verloren.

Neuer Umgang mit Klärwasser

Karsten Rinke sagt dazu: "Aber auf europäischer Ebene gibt es mehrere Rahmenrichtlinien und Empfehlungen, die Versickerungen von Kläranlagenabläufen zu forcieren. Man hat also erkannt, dass man das langfristig verstärken muss."

Rinke ist Leiter der Abteilung Seenforschung am Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung Magdeburg. Er tauscht sich seit einigen Monaten mit Olaf Mietz über den Seddiner See aus. Ein gemeinsames Projekt gibt es noch nicht. Allerdings stehen die Chancen dafür gut.

Rinke sagt gar, es könnte ein Beispiel für viele andere leidende Seen in Deutschland werden. "Ich habe den Eindruck, dass am Seddiner See die Randbedingungen dafür sehr gut sind, weil das Problem massiv auftritt. Abfall des Grundwasserpegels, Wasserverlust der entsprechenden Oberflächengewässer und damit einhergehende Qualitätsminderung dieser Oberflächengewässer. Wir haben die sehr gute Datenlage bezüglich der Wasserqualität im Seddiner See und wir haben eben die wichtigsten Einflussgrößen für das regionale Wasserbudget, die haben wir auf dem Tisch. Wir kennen die Wassernutzung durch die Landwirte, durch den Golfplatz, wir kennen die Abwasserströme und die entsprechenden Möglichkeiten der Abwasserwiederverwendung."

Ob es den Seddinerinnen und Seddinern und den Wissenschaftlern gelingt, dem See nachhaltig zu helfen, ist noch nicht absehbar. Fischer Mirko Mannheim und sein Vater machen indes weiter. Der Verkauf boomt. Die Fische sind weiter im Großhandel zu kriegen. "Nochmal ausnehmen, Innereien raus und nachwaschen", sagt Mannheim.

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