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Fazit / Archiv | Beitrag vom 21.05.2007

"Brandauer benutzt seine Gaukler-Talente"

Literaturkritiker Krause und Theaterexperte Krug über Peter Steins "Wallenstein"

Moderation: Stephan Detjen

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Klaus Maria Brandauer in Schillers "Wallenstein" (AP)
Klaus Maria Brandauer in Schillers "Wallenstein" (AP)

Der Literaturkritiker Tilman Krause hat Peter Steins Inszenierung von Schillers "Wallenstein" als einen "theaterhistorischen Einschnitt" von "allergrößter Bedeutung" bezeichnet. "Hier haben wir jetzt einen Spieler", sagte Krause über die Rolle des Titelhelden, gespielt von Klaus Maria Brandauer. Der Theaterkritiker Hartmut Krug sprach dagegen von einer "spannenden, aber gleichzeitig auch höchst problematischen Geh- und Steh-Theaterinszenierung".

Stephan Detjen: Im Studio ist Hartmut Krug, unser Theaterkritiker. Herr Krug, was haben Sie denn am Wochenende in diesen zehn Stunden Wallenstein erlebt?

Hartmut Krug: Na ja, so richtig meinen Frieden mit Peter Stein habe ich noch nicht gemacht. Die Inszenierung ist erst einmal eine Behauptung, indem sie behauptet, es müssen wirklich sämtliche 7.600 Zeilen des Wallenstein auf der Bühne zu hören sein. Und er hat dann wirklich, glaube ich, nur ein Zehntel – 700 Zeilen – gestrichen. Das begründet diese Inszenierung dann inszenatorisch nicht. Also, es gibt wahnsinnige Längen, es ist auch so, dass so in der letzten Zeit der Inszenierung, den letzten anderthalb Stunden, das Publikum wirklich schon fast angezählt auf den Sitzen liegt.

Aber dass natürlich dieser Impuls zu sagen: "Ich will diese Geschichte ungeheuer durchgehend erzählen!" beeindruckend ist, und so verstehe ich auch die Kollegen in ihren ersten Kritiken. Ich habe den Anfang, das Tableau von Wallensteins Lager, als einen Schlag in die Magengrube erlebt, weil, so wie dort operettig, bunt, Volksleben in einem Kriegerlager gezeigt wird. So hat es das noch nicht mal mehr in den 50er Jahren in Bielefeld oder andernorts gegeben. Und auch sonst, wenn ich mal vom theatralischen nehme, ist das eine spannende, aber gleichzeitig auch höchst problematische Geh- und Steh-Theaterinszenierung, wo man schon sagen kann, es ist ein Setzen gegen ein vorherrschendes Regietheater, was mit Bildern und Action vor allen Dingen arbeitet.

Detjen: Also, nicht so ganz zufrieden, Hartmut Krug, unser Theaterkritiker.

Krug: Nein.

Detjen: Im Studio begrüße ich auch Tilman Krause. Er ist nicht Theater-, sondern Literaturkritiker bei der Tageszeitung "Welt", auch hier bei uns im Programm. Also, mir ging das so, ich hab das gestern gesehen, dass ich auch nach der ersten Stunde, nach dem ersten Teil, Wallensteins Lager, fast rausgerannt wäre. Dann habe ich noch eine Stunde gebraucht, um mich zu erholen, aber dann hatte man ja noch acht Stunden. Und da bin ich mehr und mehr gefangen genommen worden von diesem großen Drama. Wie ging Ihnen das, Herr Krause?

Tilman Krause: Ja, mir ging es genauso wie Ihnen. Ich würde übrigens auch jedes Wort von Hartmut Krug, den ich als Theaterkritiker ja sehr schätze, bestreiten wollen. Vollkommen anderer Meinung bin ich. Erstens mal habe ich nie ein Problem mit Peter Stein gehabt. Ich halte ihn für einen der größten und für einen der sorgfältigsten und ernsthaftesten Regisseure, die wir haben. Ich habe auch überhaupt kein Problem damit, dass eine historische Aufführung nicht in allen Facetten unseren heutigen Vorstellungen von Theater entspricht.

Und als Literaturkritiker bin ich ohnehin unendlich dankbar dafür, dass ich endlich mal einen Schiller gesehen habe, in dem ich Schiller wiedererkenne, in dem ich auch mein Lektüreerlebnis von Schiller wiedererkenne. Das ist diese Aufführung von der ersten bis zu letzten Minute gelungen. Und das Umfeld, das bei mir saß, kann ich nur sagen, hat dieser Aufführung mit einer Aufmerksamkeit, mit einer Neugierde, mit einer Begeisterung gelauscht, da war also überhaupt nichts von irgendwelchen Ermüdungserscheinungen zu spüren.

Wenn es Ermüdungserscheinungen gab, dann hatten sie etwas mit dieser schrecklichen Bestuhlung zu tun, aber doch überhaupt nicht mit dem theatralischen Geschehen. Und ich muss Ihnen sagen – ja du liebe Güte – natürlich ist das operettenhaft, dieses Tableau, Wallensteins Lager, nicht, diese erste Stunde, das so stimmungsmäßig einführt in dieses Theaterstück, natürlich hat das was mit Operette zu tun.

Das ist die Vielfalt der Genres, derer sich Schiller hier bedient. Und da muss man natürlich mit einem Glas Champagner eigentlich sitzen und sich das Ganze – mal etwas mehr, mal etwas weniger aufmerksam – anhören. Aber das hat eine wundervolle, einführende Atmosphäre geschaffen, auf der nachher die eigentliche, intellektuelle Konzentration aufbauen konnte.

Detjen: Also, ich würde sagen, eher böhmisches Bier vielleicht dazu.

Krause: Meinetwegen auch das.

Detjen: Aber: Das Ganze, ich glaube, da sind sich alle einig, wird natürlich ganz stark zusammengehalten von diesem Hauptdarsteller, Klaus Maria Brandauer, in dieser riesigen Rolle. Eine wirklich – die taz schreibt heute – eine sportliche Leistung, das überhaupt erst mal zu memorieren, diesen enormen Text. Herr Krug, ein Wort zu diesem Klaus Maria Brandauer. Sind Sie heute Morgen der letzte und einzige Theaterkritiker, der gegen den etwas einzuwenden hat?

Krug: Nein, es ist ja so, dass eigentlich alle ein wenig Angst davor hatten, dass Klaus Maria Brandauer diese Rolle spielen wird. Weil er doch ein Schauspieler ist, der sehr gern in die große Pose und an die Rampe tritt, und wie er hier zum ersten Mal seit langem wieder mit einem großen Regisseur gearbeitet hat und wie Peter Stein ihn dazu gebracht hat, sich sehr zurückzunehmen, sehr genau die Psychologie der Figur zu entwickeln und es auch langsam aufzubauen und ganz zum Schluss erst in die großen Posen zu kommen – das ist schon sehr beeindruckend, muss ich schon sagen.

Man hat das nicht erwartet, oder ich habe das nicht erwartet, und er ist neben Jürgen Holtz, was ich doch noch mal sagen möchte, der den Buttler spielt, einer der beiden großen Darsteller, die die Verse von Schiller auch wirklich sprechen können. Manchmal – für mich – klappern die dann in dieser Inszenierung doch noch ein wenig so wie die sprichwörtlichen Sätze, die man aus Schiller dann im Alltag noch kennt.

Detjen: Was Peter Stein wollte war, dieses Stück hinstellen. Und lassen Sie uns über diesen Wallenstein reden. Herr Krause, Sie haben gesagt, Sie haben dieses Stück vor allem erlebt, dieses große …

Krause: Ja, aber ich möchte gerne noch was zur Figur des Wallenstein selber sagen, wie ihn Brandauer spielt. Da hatte ich tatsächlich Probleme mit dem Stück, die sich aber im Laufe des Stückes gegeben haben. Ich glaube, was wir hier erleben, ist ein theaterhistorischer Einschnitt allergrößter Bedeutung. Wir hatten ja sehr viele verschiedene Wallenstein-Verkörperungen im Laufe der Theatergeschichte, der Rezeptionsgeschichte. Wir hatten den Helden, wir hatten den Verzweifelten, wir hatten den Fatalisten, wenn man an die Astrologie denkt.

Hier haben wir einen Spieler. Brandauer benutzt seine komödiantischen, seine Gaukler-Talente, die er ja auch hat, um aus dieser Figur einen Spieler zu machen. Wir wissen eigentlich bis zum Schluss der Aufführung nicht: Meint der das eigentlich ernst? Er hat sich hier an eine Stelle gehalten in den Piccolomini im ersten Akt, wo, glaube ich, im Gespräch mit Illo der Brandauer – der Brandauer, sag ich schon! – der Wallenstein fragt: Woher weißt Du eigentlich, dass ich Euch nicht zum Besten halte?

Das ist eine Stelle, die viele andere Theaterregisseure gar nicht inszenieren oder gar nicht groß für wichtig halten. Aber das ist sozusagen der Punkt, wo diese Figur einhakt und das macht die Darstellung so interessant. Und – um ihre Frage nun zu beantworten – damit haben wir auch sozusagen einen ganz bestimmten Wallenstein.

Wir haben eigentlich einen Wallenstein – und deswegen hat das auch hier nichts mit Texttreue in einem sklavischen Sinne zu tun – wir haben hier einen Wallenstein, der über Schiller hinausgeht. Wir haben einen postmodernen Wallenstein. Denn für Schiller ist Wallenstein sozusagen Hamlet …, der Zweifler. Der Machtmensch zwar auch, aber der Zweifler. Und hier haben wir jetzt einen Spieler. Das ist natürlich auch sehr schillerisch gedacht, aber es ist dennoch eine Weiterdrehe gegenüber dem, was wir bisher theaterhistorisch hatten.

Detjen: Und vielleicht da auch ein zeitgenössischer Wallenstein.

Krause: Absolut!

Detjen: Man kann diesen Wallenstein, Herr Krug, ja in verschiedenen Epochen ansiedeln. Man kann ihn einmal wirklich als Figur des Dreißigjährigen Krieges sehen, des 17. Jahrhunderts, man kann ihn aber natürlich auch in der Zeit sehen, in der Schiller dieses Drama geschrieben hat, 1799, die Zeit der Napoleonischen Kriege. Was ist das Zeitgenössische an diesem Stück?

Krug: Das Zeitgenössische ist, da gebe ich dem Herrn Krause recht, natürlich, dass er ihn als einen Spieler zeigt. Nur muss ich sagen, das ist die bisherige Interpretation dieses Stückes in den letzten sechs, sieben Jahren. Das ist in Dresden mit Hasko Webers Inszenierung begonnen worden, das ist vor sechs Monaten bei dieser großen Wallenstein-, auch den gesamten Text liefernden Inszenierung von Wolfgang Engel in Leipzig genauso gemacht worden.

Es wird da – und das ist das Aktuelle eigentlich – es wird immer gezeigt, wie hier, ohne dass das jetzt aktualisiert auf der Bühne ist, wie hier ein Mensch Macht benutzt, wie er versucht, mit der Macht zu spielen, wie er mit seiner Rolle zu spielen versucht, wie er aber auch gleichzeitig erfährt, dass die Macht in dem Moment, in dem er sie benutzt, dann sich verändert in ihrer Wirksamkeit. Das ist das Hochaktuelle, wo auch Peter Stein mal gesagt hat, natürlich kann das auch irgendwo in der Wirtschaftsebene jetzt heutzutage unter Managern spielen. Das ist genau …

Das ist ja ein Männerstück, bei dem der Krieg auf der Bühne eigentlich gar nicht gezeigt wird, sondern in der Psychologie und in dem Handeln der Personen gezeigt wird und die auch die Gewalttätigkeit darin gezeigt wird. Und das ist das höchst Aktuelle und da gebe ich natürlich dem Peter Stein auch recht, der gesagt hat, das muss ich nicht direkt auf der Bühne zeigen, das kommt aus dem, was die Menschen an den, die Zuschauer an den Figuren erleben. Und das ist das höchst Aktuelle, ich würde das nicht für einen Meilenstein in der Theatergeschichte halten, das ist eine Interpretation, die gängig ist, seitdem der Wallenstein wieder gespielt wird.

Detjen: Herr Krause, aktuell nur, oder hauptsächlich in der Person Wallenstein – oder auch in dem größeren, politischen Bezugsrahmen – mich hat noch mal erstaunt, wie europäisch dieses Stück ist, wie europäisch, wie multikulturell dieses Heerlager von Wallenstein ist, also wirklich, europäische Armee, Europa, der Frieden in Europa immer wieder der Bezugsrahmen, auf den sich dieser Wallenstein bezieht.

Wie sieht man dieses Stück in Zeiten, in denen ja auch wieder von einer Rückkehr der Geopolitik die Rede ist, von wechselnden Bündnissen, strategischen Allianzen in der Weltgeschichte?

Krause: Ja, die Geopolitik ist natürlich immer aktuell gewesen, obwohl das nicht alle Meisterdenker gewissermaßen wahrhaben wollten, aber natürlich haben Sie vollkommen recht. Das ist ein europäisches Stück, das ist ein Stück, in dem um die Einheit Europas gerungen wird. Der Große-Bruder-Krieg, die Zerfleischung sozusagen Europas durch den Konfessionenstreit ist natürlich das Zeitgebundene. Aber es geht im Grunde schon um etwas, was dann durch Friedrich den Großen, durch Napoleon, nicht zuletzt auch natürlich vor allem nach 1945 durch die EU weiter fortgeführt wurde, es geht um die Einigung Europas. Und in sofern ist das ein aktuelles Stück, das stimmt schon.

Es ist auch ein aktuelles Stück – jetzt mal an der Figur des Wallenstein vorbei –, weil wir spüren, wie Mechanismen der Macht sich verselbstständigen. Das ist ja eine Illusion natürlich von Wallenstein, zu glauben, er sei der Spieler, der alle Fäden in der Hand halte. Er wird ja nachher auch … Er fällt ja auch. Also, ich meine, er muss es sozusagen auslöffeln, die Suppe, die er sich eingebrockt hat. Aber, wir stellen es fest, bei allen Figuren, die hier eine Rolle spielen. –

Und natürlich ist es ein Männerstück, es ist ein Stück, wo Männer um Macht kämpfen, ihr Terrain, ihr Revier verteidigen, und es möglichst natürlich noch erweitern – wie alle diese Leute im Grunde, so sehr sie auch versuchen, das große Stück des Kuchens für sich rauszuholen – und der Piccolomini hat ja am Schluss dann die Genugtuung, also Octavio, dass er gefürstet wird, damit endet ja das Stück, also er ist sozusagen auf der Karriereleiter eins raufgekommen – trotzdem immer wieder Rückschläge erleiden, immer wieder von irgendwelchen Seiten torpediert werden. Sie wissen eigentlich gar nicht, wie ihnen geschieht. Und das ist das Interessante und auch Aktuelle. Die ganze Sphäre der Macht ist im Grunde eine undurchdringliche Sphäre. So wird sie hier geschildert.

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