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Studio 9 | Beitrag vom 26.03.2018

Boykott gegen Nestlé-MineralwasserEin Getränkehändler gegen den Großkonzern

Von Uschi Götz

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Der Getränkehändler Marco Grötzinger (Uschi Goetz)
Der Getränkehändler Marco Grötzinger wagt den Aufstand gegen Nestlé (Uschi Goetz)

Ein schwäbischer Getränkehändler verbannt Nestlé-Getränke aus seinem Laden und erntet erstaunliche Zustimmung von seinen Kunden, selbst aus dem Ausland. Was bewegt den Unternehmer zu seinem Boykott? Wir haben vor Ort nachgefragt.

Ein Getränkehändler aus dem schwäbischen Ostelsheim beschließt, Nestlé Mineralwasser aus seinem Sortiment zu nehmen. Aus ethischen Gründen, wie er sagt. Seine Entscheidung kündigt er in den sozialen Medien an. Die Community ist begeistert, auch die Kunden ziehen mit. Der Mann bekommt zustimmende E-Mails aus Kalifornien, Anrufe aus ganz Deutschland, und über eine Million haben seine Mitteilung auf Facebook gesehen.

Großer Medienrummel

Den Getränkehändler beeindruckt das wenig, er macht sein Ding einfach weiter, wie Uschi Götz bei einem Besuch im Getränkemarkt festgestellt hat: "Kannst Du in den Laden?" Marco Grözinger ruft seinen Vater. Er gibt das nächste Interview, immer noch ist der Medienrummel groß. Mit seinen Eltern führt der Mann mit einem eindrücklich wilden Bart das kleine Familienunternehmen in dritter Generation.

Post aus Kalifornien

Über eine Million haben auf Facebook die Seite des Getränkehändlers aus Ostelsheim nahe Calw schon aufgerufen, Tausende haben gelikt. Grözinger wurde angeboten, er könne in einem Musikvideo mitmachen.

Er bekommt Anrufe und sogar Post aus Kalifornien: "E-Mails kamen aus Kalifornien, direkt kam eine, dass sie stolz darauf sind, dass man das in Deutschland auch merkt, weil sie sind direkt betroffen", sagt er. Grözinger freut das. Geplant war dieser Hype allerdings nicht, es ist ihm auch längst zu viel. 

Regionale Produkte

In einer früheren Autowerkstatt finden sich auf rund 200 Quadratmeter vor allem regionale Getränke. Mineralwasser aus der Region, Bier aus Manufakturen, Wein aus Württemberg. Grözinger weiß genau, woher was kommt. Nestlé ist der weltweit größte Produzent von Mineralwasser in Flaschen. Dabei kauft das Schweizer Unternehmen weltweit Wasserrechte, um so viel überhaupt anbieten zu können. Etwa in Südafrika oder Pakistan. In einigen Gebieten falle deshalb der Grundwasserspiegel, Brunnen versiegen, sagen Kritiker. Betroffene würden dadurch gezwungen, ihr Wasser von Nestlé zu kaufen. Immer wieder gibt es Boykottaufrufe.

PET-Flaschen vor der Abfüllung (picture alliance/dpa - Ralf Hirschberger) (picture alliance/dpa - Ralf Hirschberger)

Anscheinend hat der schwäbische Getränkehändler den Nerv vieler Verbraucher getroffen, er erfährt durchweg Zuspruch und erzählt: "Die sind gekommen: Klasse Aktion! Super, gibt auch regionales Wasser. Ich sehe immer mehr fremde Gesichter, die aufgrund dieser Aktion mal herkommen, sich das mal angucken und sich auch vergewissern wollen, ob das wirklich so ist, ob das irgendein Fake ist, irgendein viraler Fake, und die klopfen dann auf die Schulter: "Gut gemacht!"

Zustimmung der Kunden

Ein etwa 25-Jähriger Mann schiebt einen Wagen mit zwei Bierkisten zu seinem Auto. Auf die Frage, was er von dem Nestlé Boykott hält, sagt der Schwabe: "Ja deswegen bin ich da eigentlich auch hin, weil ich habe das bei der Facebook-Seiten von denen gesehen und seitdem kaufe ich eigentlich nur noch da."

Wird ihm beim Einkauf künftig etwas fehlen? Ein älterer Herr geht in Richtung Laden und sagt: "Habe ich nie gebraucht, ich habe eigentlich nur Getränke geholt." Dass Nestlé auch Mineralwasser im Angebot hat, wusste er gar nicht. Auch eine jüngere Kundin nicht, sie kaufte bis vor ein paar Wochen Mineralwasser des Schweizer Unternehmens.

Nun sagt sie: "Dass was mit Babynahrung in Verbindung mit Nestlé war, das habe ich irgendwie gehört und hatte ich im Hinterkopf." Dem Getränkehändler bleibe sie treu, und habe schon beim letzten Einkauf ein regionales Wasser gekauft.

Auch Handelsketten machen mit

Zurzeit kündigen auch große europäische Handelskonzerne an, alle Nestlé Produkte aus dem Sortiment nehmen zu wollen. In Deutschland ist es etwa Edeka. Doch den Großen geht es um bessere Einkaufskonditionen, Marco Grözinger spricht von der Ethik: "Die haben einen anderen Grund, das zu tun. Bei mir geht es um ethische Gründe, ganz einfach. Ich kann das nicht akzeptieren und finde das nicht gut, was Nestlé macht, und mich hat es nicht viel Überwindung gekostet, die Aktion zu starten."

Es gehe auch um Verantwortung, sagt der Kleinunternehmer, der auch Fußballtrainer beim VfL Ostelsheim ist. Grözingers Frau schiebt einen Kinderwagen durch den Laden, er sitzt an der Kasse.

Spendenbox aufgestellt

Auf einem Schild vor der Kasse steht: "Wir spenden für Viva con Agua"  Er sagt: "Die setzen sich ein für weltweit menschenwürdiges und sauberes Trinkwasser. Der hat eine positives Feedback abgegeben für die Nestle Aktion und dann habe ich gesagt, dann machen wir jetzt von Mitte März bis Ende April eine Spendenaktion, stellen eine Spendenbox auf. Von jedem verkauften, regionalen Produkt gehen die nächsten Wochen zusätzlich je fünf Prozent an die Wasserinitiative.

Hinweis: Die Firma Nestle möchte sich zu dem konkreten Fall nicht äußern und verweist dazu auf die Firmenwebseite. (Den Hinweis in der vorherigen Version haben wir redaktionell bearbeitet.)

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