Montag, 10.12.2018
 

Nachspiel | Beitrag vom 17.06.2018

Boxen, Karate, WendoWie Kampfkunst Kinder stark macht

Von Silvia Plahl

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Am 25.02.2012 nahmen über 150 Kinder und Jugendliche aus 11 Vereinen an der ersten offenen Kinder- und Kadetten-Karatemeisterschaft im traditionellen Karate, ausgerichtet vom Fachverband Shotokan Ryu in Deutschland e.V. (SRD e.V.) teil. Der SRD e.V. hat sich seit mittlerweile 20 Jahren der Förderung der japanischen Stilrichtung Shotokan verschrieben. Neben der Pflege traditioneller Aspekte wie Konzentration, Selbst- und Körperbeherrschung, gehört dazu auch der sportliche Wettkampf. - Foto: Hans Wiedl (picture alliance/dpa-Zentralbild/Hans Wiedl)
Kampfsport bringt Kindern Selbstbewusstsein und bessere Körperbeherrschung. (picture alliance/dpa-Zentralbild/Hans Wiedl)

Keine Angst mehr auf dem Schulhof haben, die eigene Kraft und Stärke spüren: Wenn Kinder Kampfsport treiben, hat das viele positive Effekte. Und so schicken viele Eltern schon kleine Kinder zu Karate, Boxen oder Wendo. Doch das birgt auch Risiken.

"Go!" 

"Kiai!"

"So. Jetzt möchte ich, dass alle einmal die Kata laufen. Ich möchte die Atmung hören und ich möchte schöne Stände. Verbeugen. Körper stark. Vorbereiten. Geki Sai Dai Ichi! Hajime!"

13 Mädchen und Jungen folgen einem festgelegten Weg und einer festen Abfolge von Angriffs- und Abwehrbewegungen. Ein Bein im Ausfallschritt, den Arm angewinkelt nach vorn und wieder zurück. Die sieben- bis elfjährigen Karátekas kämpfen gegen imaginäre Gegner.

"Gut, bisschen grader noch, schön stark groß machen, Janice, noch bisschen grader den Kopf! Mit dieser Körperhaltung laufen wir jetzt Pinan Shodan so grade. Als wenn ich sage: Pass auf! Pinan Shodan! Und wie hört sich der Kiai an?"

"Kiai!"

"Genau. Hau ab! Jetzt!"

Kontrollierte Stöße und Schläge

Die Mädchen und Jungen lernen, Schritte, Tritte und Schläge in die Richtung eines Gegenübers konzentriert und kraftvoll zu demonstrieren und gleichzeitig zu beherrschen.

"Wir werden auch wieder Pinan Nidan laufen. Wer weiß noch, wie die geht? Das rechte Bein geht nach hinten, und jetzt nach vorne."

Ein Bein zurück – und dann mit Schwung direkt nach vorne zum Gegner.

"Und zweite Mal, dritte Mal, vierte Mal."

"Kiai!"  

Kontrollierte Stöße, Schläge und Fußtritte von Kindern. Sie sollen sie verinnerlichen, um sich verteidigen zu können. Man verbeugt sich – und zeigt die eigene Stärke. Karate ist ein höflicher Schlagabtausch: Der Gegner wird geachtet, der Tritt vor ihm gestoppt. Sieben Mädchen und sechs Jungen im Grundschulalter trainieren in der Karate-Schule "Budo-Akademie Berlin". Im weißen Anzug und mit bunten Gürteln in der Farbe ihres Könnens: braun, blau, grün und orange. Die Sieben- bis Elfjährigen finden langsam in diesen Wechsel aus Angriff und Verteidigung hinein. Man sieht es ihnen an: Die Mienen werden entschlossener. Die Körper straffen sich. 'Kiai!' – Der japanische Kampfschrei ertönt lauter und deutlicher.

Karate hat sich in Japan zu einem Kampfsport mit klar definierten Regeln entwickelt. Jede Stunde hier im Dojo, dem Trainingsraum auf Japanisch, folgt also festen Ritualen und Abläufen. Der Gong und der konzentrierte Kniesitz zur Begrüßung. Die gleichmäßige Verteilung auf den blauen und roten Bodenmatten. Die synchronen Bewegungen vor der Spiegelwand.

Mentale und körperliche Disziplin werden miteinander verzahnt

Marion Hornung, Karate-Lehrerin in Berlin-Steglitz, ist Trägerin des vierten Schwarzgurts. 64 Jahre alt, kurzes graues Haar, schwarz lackierte Nägel. Sie treibt die Kinder fröhlich und unerbittlich an. Die Kinder mögen das offensichtlich und sind aufmerksam. Die Stimmung wirkt angespannt, zugleich aber auch harmonisch. Jaden, acht Jahre alt, sagt etwas schüchtern: "Die Techniken macht Spaß und dass ich mich abwehren kann, wenn jemand mich angreift. An der Schule auch ganz oft."

Franziska ist zehn Jahre alt: "Wenn man beim Karate war, dann fühlt man sich halt besser, weil man sich dann verteidigen kann."

Die Kunst des Kämpfens für Kinder. Kräftig, wendig und standfest sein. Stärke zeigen und kontrollieren. Das Beispiel Karate macht deutlich: Bei den traditionellen Kampfkünsten aus dem asiatischen Raum können schon Grundschulkinder die Verzahnung von körperlicher und mentaler Selbstdisziplin erfahren und selbst üben. Die Trainerin: 

"Karate ist in der Öffentlichkeit immer so dargestellt: Wir schlagen und zerschlagen Ziegel und Bretter, und macht immer diese Bewegungen. Kleiner hat ne Vorstellung, dass es erst mal mit viel Gymnastik, Koordination und Kondition zu tun hat. Das ist eine Sportart, die sehr viel Disziplin erfordert. Nicht um die Techniken korrekt auszuführen – das auch, aber es ist eine Kampfsportart. Und wenn wir sagen: Wir kämpfen auch! muss jedes Kind auf Schnipp reagieren, wenn ich sage: Stopp."

Am 25.02.2012 nahmen über 150 Kinder und Jugendliche aus 11 Vereinen an der ersten offenen Kinder- und Kadetten-Karatemeisterschaft im traditionellen Karate, ausgerichtet vom Fachverband Shotokan Ryu in Deutschland e.V. (SRD e.V.) teil. (picture alliance/dpa-Zentralbild/Hans Wiedl)Gerade Mädchen können durch Kampfsport mehr Selbstvertrauen gewinnen. (Archivbild) (picture alliance/dpa-Zentralbild/Hans Wiedl)

Marion Hornung treibt die Kinder zuerst in den Kampf.

"Also immer erst Richtung Nase - ohne zu treffen - und Bauch, hier auf die Jacke, könnt ihr nachher ran schoppen. Verbeugen und Hajime! Eine Minute."

Und sie zeigt streng die Grenzen auf. Wer sich nicht daran hält, fliegt raus: "Niemand wird den Kopf treffen. Niemand wird unterhalb des Gürtels treten, schlagen oder andeuten. Ihr werdet immer so viel Abstand haben, dass der andere euch mit ausgestrecktem Arm nicht erreichen kann. Ich möchte, dass ihr die Jacke berührt, sonst ist es Pillepalle."

Schon die Ausstrahlung demonstriert Kraft

Die Kinder leben im Verlauf der Stunde auf. Sie bewegen sich allmählich frei und dynamisch in diesem Spannungsfeld. Viele von ihnen sagen, sie wollen keine Angst mehr auf dem Schulhof haben oder sich von Älteren bedroht fühlen. Die gerade Haltung, der feste Stand und das Vertrauen in ihre Muskeln und die trainierten Stöße und Tritte geben ihnen offenbar die Zuversicht, sich dieser Angst und Bedrängnis zu stellen. Janice ist neun Jahre alt, Marlene elf.

"Dann wackelt man nicht. Man bleibt so stehen. Ich denke, dass du mir nichts antun kannst."

"Dass einem dann ja nichts passiert, kann man sich ja auch dann immer einreden und wenn man sich das ja auch einredet, dann passiert es ja auch meistens und das ist ja auch so, weil wir ja alles können – und deswegen macht mir auch Karate Spaß." 

"Ich habe eine Kraft, ohne dass ich zuschlage. Weil die Ausstrahlung schon Kraft demonstriert." Davon ist die Trainerin zutiefst überzeugt. Die Kunst des Kampfsports macht Mädchen und Jungen stark. Egal in welcher Disziplin. Ob beim Karate oder durchs Boxen.

Mit einem straffen Körper, angespannten und trainierten Muskeln, mit Beweglichkeit und einer lauten Stimme spüren und erleben sie ihre eigene Kraft. Innerlich und äußerlich. Aufrecht, gerade und mit erhobenem Kopf treten sie selbstbewusster auf und werden auch so wahrgenommen. Die Kinder kennen und steuern diese Stärke. Davon profitieren sie in allen Lebenslagen. Das gefällt vielen Eltern:

- "Ich denke, das stärkt nicht nur vom Körper das Selbstbewusstsein, auch von der Psyche. Wenn ein Mädchen selbstbewusst ist und sich gegebenenfalls zu wehren weiß, ist das immer schön. Selbstbewusst der Mutter gegenüber auch."

- "Das war ihre eigene Entscheidung und jetzt hat sich das als gut heraus gestellt. Dass sie auch diszipliniert arbeitet, trainiert, also, ich finde das gut. Ich finde die Körperertüchtigung gut, das Straffen im Körper und dann natürlich auch eben das Selbstvertrauen, was sie nach draußen aufbringen kann."

- "Es gibt einfach ganz, ganz viele Bereiche, Konflikte, wo ein Kind sich auch wehren muss, und sich auch behaupten muss. Also sie tritt selbstbewusster auf, sie steht sehr bei sich. Weiß einfach, was sie will und nimmt da auch ihren Raum ein und traut sich aber auch zu sagen: Bis hier hin und nicht weiter. Ich glaube, das muss jeder lernen, sowohl Junge als auch Mädchen."

Der positive Effekt ist kein Automatismus

Im Kampfsport können sich Kinder ausprobieren und den ganzen Körper trainieren, darin sind sich die Fachleute einig. Kinder lernen hier Fairness und Teamgeist und entwickeln Selbstvertrauen, Selbstwirksamkeit und Empathie. Dies jedoch sei kein Automatismus. So warnen Sportwissenschaftler. Und argumentieren zusammengefasst:

Die Effekte auf Körper und Psyche der Kinder sind stark abhängig von der Gestaltung des Trainings, dem Verhalten des Trainers oder der Trainerin, der Einstellung und möglichst freiwilligen Motivation der Kinder und auch der Atmosphäre in der Gruppe. Dominante wie zurückhaltende Kinder sollten sich erwünscht, respektiert und geborgen fühlen.

Auch bei der Kampfkunst für Kinder gelte es wie überall, den Sport nicht zu überschätzen, betonen die Wissenschaftler. Wie sich Judo, Thaiboxen, Capoeira oder Taekwondo im Wesen und Leben der trainierenden Mädchen und Jungen abbilden, kann im Grunde nur immer wieder neu beobachtet werden und ist schwer zu verallgemeinern. Dies schmälert allerdings nicht das Potenzial, das die Kunst des Kämpfens für Kinder bereit hält. Der Bonner Sportwissenschaftler Till Thimme hat versucht, dies in der Arbeit mit psychisch erkrankten Kindern und Jugendlichen genauer zu dokumentieren. Thimme ist auch therapeutisch ausgebildet und veröffentlichte 2017 einige Praxisbeispiele mit etwas älteren jugendlichen Patienten.

"Fallbeispiel 1: Kendo mit Essgestörten – oder was Schwertkampf mit Entscheidung zu tun hat."

Die 15-jährige magersüchtige Clara "schottet" sich beim Schwertkampf zunächst ab und distanziert sich, sie wird in den Sporttherapiestunden dann aber phasenweise wacher und konzentrierter. Beim Kendo wird auch deutlich, dass Clara insgesamt mit den Themen Anspruchsniveau, Selbstwert und Konkurrenzdruck zu kämpfen hat.

"Fallbeispiel 3: Ringen, Raufen, Kämpfen mit expansiven Kindern – oder was Kräfte-Messen mit Respekt zu tun hat."

Leon ist 12. Er hat laut Diagnose Probleme im Sozialverhalten, ist sehr impulsiv, hypermotorisch und unaufmerksam, er 'strotzt' sozusagen vor Energie. Leon, so der Therapeut Thimme, müsse lernen, seine große Kraft und Stärke in der Gruppe mit Respekt einzusetzen. Das klare Regelwerk im "Dojo"-Raum und mit der "Dojo-Etikette" helfen ihm dabei. Neben konkreten Verhaltenstechniken.

Till Thimme empfiehlt am Ende dieser Beispiele, "einen intuitiven Zugang zu der Kunstform zu ermöglichen (…). Des Weiteren scheint wichtig, dass das Kämpfen immer als freiwilliges Angebot formuliert wird. (…) Damit sich Kinder und Jugendliche nicht aus gruppendynamischen Zwängen dazu verleiten lassen, über eigene Grenzen hinaus zu gehen. Das Gefühl von Selbstsicherheit ist die Basis für selbstbestimmte Lernschritte aus der Komfortzone heraus."

Kampfsport und das Aus-sich-heraus-Gehen im Angesicht eines vermeintlichen Gegners kann einiges auch aus jungen Menschen herauslocken und sichtbar machen. Genau genommen müssten sie dann von ihren Trainerinnen und Trainern sehr individuell weiter angeleitet werden. Dafür ist in allgemeinen Sportgruppen sicher nicht der Raum und die Zeit. Sport – das gilt auch für die Kampfkünste – muss vor allem Spaß machen. Sonst hören auch Fünf-, Acht- oder Elfjährige ganz schnell wieder damit auf.

Junge Mädchen knien während einer Trainingsstunde im Karate. Viele Eltern, besonders die kleiner Mädchen legen großen Wert darauf, dass ihre Kinder schon früh lernen, wie sie sich effektiv verteidigen können. Foto: Hans-Jürgen Wiedl/dpa-Zentralbild/ZB (picture alliance / Hans-Jürgen Wiedl/dpa-Zentralbild/ZB)Junge Mädchen knien während einer Trainingsstunde im Karate. Viele Eltern, besonders die kleiner Mädchen legen großen Wert darauf, dass ihre Kinder schon früh lernen, wie sie sich effektiv verteidigen können. Foto: Hans-Jürgen Wiedl/dpa-Zentralbild/ZB (picture alliance / Hans-Jürgen Wiedl/dpa-Zentralbild/ZB)

"Wie wir hier kämpfen, das begreife ich eher spielerisch. Das ist 'ne Sportart, die ist nicht für alle was!"

Trainerin Sina vom Verein "LowKick-Berlin – Selbstverteidigung und Thai-/Kickboxen für Frauen und Mädchen".

"Wo ich eben das auch rauskitzeln möchte, dass das aus denen auch raus kommt!"

Der Verein LowKick, 2009 gegründet, will explizit Mädchen und Frauen stärken – in ihrer positiven Körperwahrnehmung und in ihrem Körperbewusstsein. Die Trainerinnen verknüpfen in der Fabriketage in einem Kreuzberger Hinterhof den Kampfsport mit Selbstverteidigung und Selbstbehauptung: ab fünf Jahren in WenDo und beim Kickboxen für die Mädchen ab neun Jahren.

Die Jüngste in einem der LowKick-Kurse ist tatsächlich fünf Jahre alt. Sie rennt gerade mit sieben weiteren Mädchen durch die Halle. Trainerin Elise verschafft sich in der aufgeregten Runde Gehör.  

"Auch wieder zu zweit und eine greift so ins Pad rein und hält es dann an die andere Schulter, und dann stellt sie sich seitlich zu ihrer Partnerin – so genau – und Adriana versucht mich jetzt auf die andere Seite des Raums zu befördern. Und sie darf treten, schlagen und schubsen und ihre Stimme benutzen dabei."

Die acht Mädchen gehen paarweise zusammen los. Eine Hälfte hält sich kleine Schlagpolster vor die Schulter, ihre Partnerinnen drangsalieren sie, mit Händen und Füßen. Sie sollen die einfach nur da stehenden Mädchen mit aller Kraft bis an die andere Hallenwand drängen.

"Genau. Die, die steht, versucht gut stehen zu bleiben, und nicht umzufallen. Und los geht’s! Und auch gut ausatmen! Und versucht mal zu schreien beim Schubsen und beim Schlagen und Treten, dann habt ihr mehr Kraft!"

Nora und Adriana rangeln und hampeln miteinander durch die Halle. Dann wird Nora auf einmal laut – und schubst Adriana mit kräftiger Stimme ein ganzes Stück von sich weg.

Mit Händen und Füßen auf die Gegnerin losgehen. Die ganze Kraft einsetzen und dabei möglichst laut sein. Auf der anderen Seite bei einem Angriff stehen bleiben können. Die Mädchen in der Fabriketage trainieren dies beim WenDo.

WenDo ist in der Riege der Kampfsportarten und auch als Bezeichnung eine Neuschöpfung: Es wurde in den 1960er Jahren von einem kanadischen Ehepaar entwickelt.

WenDo steht für 'Wen' als Kurzform des englischen 'women' - Frauen - und 'Do' als der 'Weg' im Japanischen, meint also den 'Weg der Frauen' im Umgang mit Gewalt. Techniken gegen Übergriffe oder bedrohliche Situationen werden mit Übungen zur Selbstbehauptung kombiniert.

"Wie kann ich 'ne Situation lösen, ohne dass ich das nötig habe zu schlagen oder zu treten? Die Situation sozusagen rechtzeitig wahrzunehmen, dass irgendwas komisch ist. Mal tief durchzuatmen. Was macht mein Gesicht gerade in der Situation? Wie ist meine Körperhaltung? Wir spielen auch Situationen. Dass sie eher raus finden: Was können sie sich auch vorstellen, tatsächlich zu tun."

Nicht jedes Mädchen kann sich vorstellen, den Tipp von Trainerin Elise umzusetzen und laut zu schreien. Andere denken, dass vielleicht ein lustiger Spruch eine unangenehme Szene schnell entspannen kann. Trainerin Sina:

"Dass sie auch wissen: Ich entscheide darüber, wie nah mir jemand kommen darf und ich sag dann 'Nein'. Aber auf der anderen Seite auch treffen lernen und auch zu sehen: Oh, mein Körper hält auch ein bisschen was aus!"

Selbstbehauptungs-Training ist kein Selbstzweck

Auch ein solches Selbstbehauptungs-Training darf nicht zum Selbstzweck werden und die Kinder mit Erwartungsdruck konfrontieren. Die Bremische Zentralstelle für die Verwirklichung der Gleichberechtigung der Frau und die Polizei Bremen haben dazu 2016 einen Flyer mit Standards für Selbstbehauptungskurse herausgegeben. WenDo ist darin als Kursmöglichkeit genannt, es gibt aber in der Broschüre auch den Hinweis auf lizensierte Ausbildungen zu Gewaltschutztrainern und -trainerinnen in den Kampfsportverbänden, etwa beim Aikido, Ju-Jutso, Judo, Karate, Taekwondo. Eine Checkliste für Kinder-Kurse listet auf, worauf man achten sollte. Wie zum Beispiel:

- "Schwerpunkt auf alltäglichen Grenzüberschreitungen"

- "Keine angstauslösenden Übungen – Vermittlung von Spaß am Training"

- "Keine Vermittlung von trügerischer Sicherheit"

- "Keine Werbung mit Patentrezepten oder Erfolgsgarantie"

Bei LowKick üben die jüngeren Mädchen also das Schubsen und Stehenbleiben, den Einsatz von Atmung und Stimme – und sie lernen auszuweichen, wenn sie attackiert werden. In diesem Fall mit einer Schaumstoffnudel.

Im Nebenraum beim Kickboxen für die Älteren geht es dann schon darum, wie stark ein Schlag auf die Stirn sein darf. Und auch darum, einem LowKick, einem Tritt an den Oberschenkel, mal standzuhalten.

Kara, Lara und Martha gefällt dieses Training. Sie sind alle neun Jahre alt.

- "Es ist einfach besser, das zu lernen."

- "Da fühlt man sich stärker. Ist man meist auch stärker. Man trainiert das nämlich, und da wird man einfach stärker." 

- "Ich kann nicht, wenn ich beleidigt werde oder so, kann ich mich nicht da hinstellen und nichts machen."

Die schmächtige Jannika ist sechs. Sie mag den ganzen LowKick-Verein: "Und ich finde es toll, dass hier eine Schule ist für Mädchen, dass die's lernen können. Weil sonst gibt es immer nur Schulen für Jungs, die das lernen können."

Bei den Selbstbehauptungskursen – heißt es in der Bremer Broschüre – sollten nach Möglichkeit Mädchen und Jungen getrennt werden. Im Allgemeinen aber ist die Kunst des Kämpfens, Schlagens und Tretens bei vielen Kampfsportangeboten für Kinder längst keine männliche Domäne mehr.

Schüler nehmen am Mittwoch (23.01.2008) in der Schule Slomanstieg in Hamburg an einem Boxtraining teil. (picture-alliance/ dpa / Jens Ressing)Schüler in Hannover beim Boxtraining (Archivbild) (picture-alliance/ dpa / Jens Ressing)

Auch die Boxabteilung des Vereins SC Berlin im Bezirk Weißensee nimmt Jungen und Mädchen auf.

Zum Boxtraining für die Jüngsten kommen allerdings heute nur vier Jungen. Alexej und Aaron, 9 Jahre alt und Daniel und Julien, Zehn. Sie dürfen erst zum Aufwärmen ein bisschen mit dem Ball kicken und Seil springen und den Körper in Schwung bringen, dann geht es sofort weiter mit Übungen zum Boxen. Schreitend und gleitend gehen, dazu einen Tennisball prellen und die andere Hand hoch zur Deckung an die Wange nehmen. Trainer Sven Lindemann geht mit Tempo über zur Beinarbeit. 

"So jetzt laufen wir den Passgang, Boxergang. Gleiche Hand und gleicher Fuß. Zeigt's nochmal, Leute."

"Und beim Boxen lernt man natürlich sich auch maßvoll zu bewegen. Und sich zu kontrollieren. Ist ein wunderbarer Aggressionsabbau. Wenn man so frustriert ist oder so, kann man sich wunderbar abarbeiten am Gerät, und dann ist das wie weg."

Kampfsport für Kinder birgt auch Risiken

Kampfsport beugt grundsätzlich Gewaltausbrüchen vor – so werben viele Anbieter an Schulen oder Jugendeinrichtungen. Auch dies ist allerdings keine Selbstverständlichkeit.

Zusammen mit Kollegen aus Regensburg und Hannover hat sich die Hamburger Sportwissenschaftlerin Sigrid Happ 2015 Kampfkunst und Kampfsport in Forschung und Lehre genauer angesehen: Kampfkunst und Kampfsport hielten zwar besondere Erfahrungen bereit, so die Wissenschaftler, sie würden jedoch oft zu positiv bewertet und seien "nur" ein Element von vielen im Alltag von Kindern. Neben Schule und Ausbildung, Musik, anderen sportlichen Aktivitäten, dem Besuch von Freunden und so weiter. Was also Kampfkunst und Kampfsport wirklich leisten können, dazu schrieb Sigrid Happ für den Hamburger Fachkreis Gewaltprävention als Orientierungshilfe:

"Durch den erlaubten, dosierten Einsatz von Aggressionen können ein sozialverträglicher Umgang mit einem Gegenüber, Impulskontrolle und Empathiefähigkeit gelernt werden, aber es besteht auch das Risiko von (technisch versiertem) Gewalthandeln. (…) Die gestiegene Beziehungsproblematik bei Kindern und Jugendlichen verweist auf die außerordentliche Bedeutung der Trainerinnen und Trainer sowie ihrer Einstellungen und Fähigkeiten. (…) Eine kritische Reflexion bzgl. Männer- und Frauenbildern, ein Bewusstsein hinsichtlicher der Bedeutung der eigenen Rolle, Authentizität und Echtheit im Umgang mit eigenen Fehlern und Schwächen, selbstkritische Reflexionsfähigkeit im Hinblick auf das Selbstbild sowie eigene Macht- und Gewaltbestrebungen."

Boxtrainer Sven Lindemann ist Sportlehrer an einer Kreuzberger Grundschule. Er wäre durchaus dafür, dass alle Kinder das 'richtige Kämpfen' lernen könnten. Wie zum Beispiel beim Boxen.

"Probieren, eben den anderen irgendwo zu treffen und als Sieger aus dem Ring zu gehen. Das technische Boxen, das vermitteln wir ja den Kindern. Man muss den nicht k.o. schlagen! Heute prügeln sie sich alle auf der Straße – und mit Boxen hat das ja nichts zu tun! Weil die unfair, mit unfairen Mitteln kämpfen, Boxen ist ja ein fairer Sport!"

"Jetzt probieren wir mal, 'nen richtigen Angriff vorzubereiten, mit 'ner Führungshand und Einzelschlägen oder mit ner lockeren Schlaghand."

"Boxen ist einfach cool für mich"

Daniel und Julien, Alexej und Aaron kämpfen mit den Sandsäcken. Julien ist ein kräftiger Junge, der sich durch die Übungen durchbeißt. Jetzt entspannt sich sein Gesicht, er sieht zielsicher und willensstark aus. Sofort bewegt er sich leichter und geschmeidiger, seine Treffer landen geradlinig und wuchtig auf dem Sack. Boxen macht Spaß, sagt Julien.

"Das Fußball, das Training. Ausdauertraining. Ich wollte dann auch anfangen vielleicht, wenn ich ein bisschen mehr abgenommen hab, denn Kickboxen zu machen. Da darf man treten."

Das ist beim Boxen nicht erlaubt. Die vier Jungen kennen die Regeln. Ansonsten sind auch sie ähnlich motiviert wie die Kinder beim Karate oder WenDo.

"Ich geh zum Boxen, weil's mein Vater gesagt hat und damit ich mich verteidigen kann."

"Und Boxen ist einfach cool für mich. Dann fühl ich mich stärker." 

"Also, ich bin zum Boxen gegangen, weil ich mich nicht so sicher fühlte, ob ich mich gut verteidigen kann. Aber eigentlich so als Aggressivheit nutz' ich das eher nicht aus. Wenn ich aggressiv bin, dann fang ich nicht an zu boxen. Weil wenn man dann anfängt, dann wird es auch manchmal, wenn man wütend wird, auch schwer, sich unter die Kontrolle zu nehmen. Also, man muss auch ein bisschen so üben, sich zu beherrschen deswegen."

Selbstbewusstes kontrolliertes Kämpfen. Wird es richtig eingesetzt und moderiert – machen sich die Kinder dabei auf ihre eigene Weise stark.

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