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Konzert / Archiv | Beitrag vom 05.06.2020

Boulanger Trio liveWenn Bernstein auf Piazzolla trifft

Moderation: Volker Michael

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Die Musikerinnen des Boulanger Trios: Karla Haltenwanger, Birgit Erz und Ilona Kindt (Steven Haberland/Website Boulanger Trio)
Die Musikerinnen des Boulanger Trios: Karla Haltenwanger, Birgit Erz und Ilona Kindt (Steven Haberland/Website Boulanger Trio)

Nach Nord- und Südamerika blickt das vielfach ausgezeichnete Boulanger Trio in seiner aktuellen Aufnahmesession. Da diese im Studio Jesus-Christus-Kirche stattfindet, spielen die Musikerinnen des Trios gleich als krönenden Abschluss ein Live-Konzert.

Eines verbindet sie alle, die sechs Komponisten, die in diesem Programm des Boulanger-Trios vertreten sind. Sie waren sämtlich für kürzere oder längere Zeit Schüler der legendären Nadia Boulanger.

Und damit kehrt das Trio der in Hamburg und Berlin lebenden Musikerinnen zum eigenen "Gründungsmythos" zurück - nach der berühmten Boulangerie, dem Pariser Haus der Komponistin und Lehrerin Nadia Boulanger haben sie schließlich ihre seit 2006 bestehende Formation benannt.

Blick in den hohen, leeren Kirchenraum Richtung Orgel. (deutschlandradio / Cornelia de Reese)Der Ort unserer Spontankonzerte: Die Jesus-Christus-Kirche Berlin-Dahlem. (deutschlandradio / Cornelia de Reese)

Alle Werke, die das Boulanger Trio für eine neue CD aufnimmt, erklingen auch an diesem Abend in der Jesus-Christus-Kirche im Südwesten der Bundeshauptstadt.

Zwei Herkunftsländer fallen besonders auf, wenn man sich die Schülerinnen und Schüler Nadia Boulangers genauer ansieht: Polnische und amerikanische Komponisten waren überproportional vertreten. In diesem Programm sind es vor allem die Amerikaner, die zum Zuge kommen. Und es sind überwiegend berühmte Komponisten mit ebenso bekannten Stücken. Das Finale bilden die Vier Jahreszeiten des Argentiniers Astor Piazzolla in einem Arrangement für Klaviertrio.

Davor stehen Auszüge aus der West-Side-Story von Leonard Bernstein - Prolog, Maria, Mambo und Somewhere heißen die Sätze.

Berühmte Schüler in den USA

Der einzige Europäer im Programm ist der französische Neoklassiker Jean Françaix mit seinem Trio, dem jüngsten Werk in der Auswahl. Schon mit zehn Jahren erhielt Françaix Unterricht von Nadia Boulanger.

Viel früher wurde er also von ihr geformt und bestärkt, während andere Künstler eher späte und schmerzhafte Erweckungserlebnisse hatten wie Astor Piazzolla.  Groß war der Einfluss Boulangers auch in den USA, weil sie seit den 1920er Jahren dort unterrichtete.

Solch unterschiedliche Meister wie Leonard Bernstein, Aaron Copland, Quincy Jones und Philip Glass wurden von ihr geprägt und gefördert. Der Haupteinfluss bestand darin, den eigenen musikalischen Weg zu erkennen und weiter zu gehen.

Sie war wie ein FBI-Agent

Die einschneidenste Begegnung mit Nadia Boulanger hatte sicher Astor Piazzolla - er selber beschreibt sie so: "Als ich sie traf, zeigte ich ihr meine Tonnen voller Sinfonien und Sonaten. Sie schaute sie durch und fällte dann ein erschütterndes Urteil: Sehr gut geschrieben! sprach sie, unterbrach mit einem Punkt so groß wie ein Fußball und fuhr nach einer langen Pause fort: Hier klingt es wie Strawinsky, dort wie Bartók, da wie Ravel. Nur Piazzolla kann ich nirgendwo finden.

Dann fragte sie mich über mein Privatleben aus, ob ich eine Frau oder eine Freundin hätte, sie war wie ein FBI Agent! Ich schämte mich, ihr zu erzählen, dass ich Tango-Musiker sei. Ich sagte ihr, ich spielte in einem Nachtclub, weil ich das Wort cabaret vermeiden wollte. Sie antwortete Night club, mais oui, but that is a cabaret, isn’t it? Ich musste es bejahen und dachte, ich erschlage diese Frau mit einem Radio – sie zu belügen, war nicht leicht!

Sie fragte weiter: Sie sind kein Pianist. Was ist ihr Instrument? Ich wollte ihr nicht sagen, dass ich ein Bandoneon-Spieler war, weil ich dachte, dann wirft sie mich aus dem vierten Stock! Endlich gestand ich und sie bat mich, ein paar Stücke zu spielen.

Ein alter Mann spielt konzentriert ein Bandoneon. (picture alliance / dpa / Claudio Herdener)Fand durch seine Lehrerin zu sich selbst: Astor Piazzolla. (picture alliance / dpa / Claudio Herdener)

Plötzlich öffnete sie die Augen und sagte: Sie Idiot! Das ist Piazzolla! Und ich nahm die ganze Musik, die ich die letzten zehn Jahre geschrieben hatte, und schickte sie zur Hölle.

Ich studierte bei ihr 18 Monate, die mir halfen wie 18 Jahre, denn sie lehrte mich, an Astor Piazzolla zu glauben, und daran, dass meine Musik nicht so schlecht war, wie ich gedacht hatte. Ich hatte geglaubt, ich sei ein Stück Dreck, weil ich in einem Cabaret Tangos spiele, doch gerade das war ja mein Stil. Es war die Befreiung vom verschämten Tangospieler zu einem selbstbewussten Komponisten."


Sie wollen unser Konzert in besonderer Qualität verfolgen? Dann wechseln sie hier auf unseren hochaufgelösten Stream (ACC 256 kbit/sec.).


Live aus der Jesus-Christus-Kirche Berlin-Dahlem

Quincy Jones
Main Title aus "The colour purple"  

Jean Françaix
Klaviertrio 

Aaron Copland
Vitebsk, Study on a Jewish Theme

Philip Glass
Head On

Leonard Bernstein
Four Themes from "West Side Story"

Astor Piazzolla
Las Cuatro Estaciones porteñas (Arr. José Bragato)         

Boulanger Trio:
Birgit Erz, Violine
Ilona Kindt, Violoncello
Karla Haltenwanger, Klavier

            

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