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Studio 9 | Beitrag vom 21.07.2018

Botanischer Garten in IstanbulMoschee verdrängt eine Oase für Forscher

Von Karin Senz

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Blick auf das Goldene Horn in Istanbul  (imago/CHROMORANGE)
Blick auf das Goldene Horn in Istanbul (imago/CHROMORANGE)

Er ist von historischer Bedeutung, Forschungsstätte für viele Wissenschaftler und Studierende: der Botanische Garten der Universität von Istanbul. Nun soll er nach Erdogans Willen sein Gelände räumen - und für eine Moschee Platz machen.

Der Botanische Garten am Goldenen Horn ist ein Kleinod im trubeligen Istanbul und ein Schatz für Botaniker. Die ersten Pflanzen setzte der Deutsche Alfred Heilbronn in den 30er-Jahren des letzten Jahrhunderts. Jetzt soll der Garten mit seinen sieben Gewächshäusern und rund 5000 Pflanzen umziehen. Der Mufti, der mit seinem religiösen Amt nebenan seinen Sitz hat, braucht mehr Platz. In Kürze sollen die Botaniker das Gelände räumen. Ein neues Gelände ist nicht in Sicht. Und die Bäume lassen sich nicht so einfach umziehen, sagen die Wissenschaftler.

Lernen mit allen Sinnen

Unten jagt ein Polizeiauto über die Ufer-Strasse am Goldenen Horn. Der Botanische Garten ist alles andere als eine Oase der Stille. Trotzdem liebt Mehmet diesen Ort. Der junge Biologie-Student streicht sachte mit der Hand über ein Blatt einer Pflanze im Gewächshaus:

"Wenn uns zum Beispiel ein Lehrer etwas zur Metamorphose erklärt, oder zu anderen Veränderung an einem bestimmten Teil einer Pflanze, dann zeigt er uns das nicht am Computer mit Bildern. Entweder er geht mit uns direkt in den Garten, oder er bringt ein passendes Exemplar, das was er im Garten findet, mit ins Labor. Eine Uni muss Wissenschaft lehren. Aber sie muss auch die Menschen erziehen, und zwar mit allen Sinnen. Da geht es nicht nur um die technische Ausstattlung."

Mehmet heißt eigentlich anders. Aber er will nicht erkannt werden. Denn er ist zu einem Kämpfer geworden – für die Pflanzen hier. Das Botanische Institut, das zur Uni Istanbul gehört, soll das Gelände nämlich im September räumen. Seit rund 80 Jahren gibt es die Anlage mit seinen inzwischen rund 5000 Bäumen, Gräsern, Kräutern, Sträuchern und Büschen –  einer der wenigen grünen Flecken im Zentrum der Millionenstadt Istanbul.

Konflikt zwischen Wissenschaft und Religion

Der Mufti, dessen Religionsbehörde gleich nebenan ist, will das Gelände schon lange. Bei ihnen sei es zu eng, hieß es schon vor Jahren, erzählt Mehmet. Diesmal scheinen sie ernst zu machen. Das passt in die Zeit, sagt der Parlamentsabgeordnete Ali Seker von der oppositionellen CHP. Er sieht einen Konflikt zwischen Wissenschaft und Religion in der Türkei:

"Ich sehe Bestrebungen die Werte der Republik auszulöschen. Wenn die Mufti-Behörde den Garten übernehmen darf, dann bedeutet das für mich, dass man sich gegen die laizistische, demokratische Republik und gegen die Wissenschaft stellt."

Die Professoren wollen sich nicht mehr äußern

Der junge Student Mehmet klammert die politische Ebene aus. Er hat ohnehin schon mehr gewagt als seine Professoren. Die wollen nicht mehr öffentlich sprechen:

"Sie haben keine Angst, aber die Professoren und Lehrkräfte müssen ja auch nicht zu allem was sagen. Sie tragen schon eine große Last. Und ihre Aufgabe ist es wisenschaftlich zu arbeiten, sie sind zum Arbeiten hier."

Aber auch sie setzen sich dafür ein, dass das Botanische Garten mit seinen Forschungseinrichtungen bleiben kann. Schließlich lassen sich die teils sehr seltenen Bäume nicht einfach umziehen. Die Dozenten bemühen sich um einen Termin beim Mufti:

"Sie haben versucht Kontakt aufzunehmen, leider ohne eine direkte Rückmeldung. Es gibt ja ein Übereignungsurkunde. Also für die eine Seite ist diese Sache schon erledigt."

Garten vom Institutsgebäude trennen

Die andere Seite, Professoren, Lehrkräfte und Studenten, gibt aber deshalb nicht auf. Sie haben von einem neuen Angebot gehört. Man will Garten und Institutsgebäude mit seinen Vorlesungssälen und Laboren trennen.  

"Für den Garten haben sie uns keinen Platz gezeigt, sie haben uns gesagt, dass der Garten hier bleiben soll und wir ihn  weiter nutzen könne, aber das Gebäude nehmen sie uns weg."

Eine paar Studenten sitzen im kleinen Büro einer Professorin. Die Luft ist stickig. Mehmet sagt: Garten und Institut gehören zusammen und nicht an unterschiedliche Standorte. Sie sind sich einig. Anschließend geht der Student ins Herbarium unten im Keller. Für ihn fast ein heiliger Ort. Seine Augen leuchten, als er einen Ordner mit gepreßten und getrockneten Pflanzen aus einem der alten dunklen Holzschränke holt und behutsam aufschlägt. Dann wird er nachdenklich:

"Ich bin traurig, denn einerseits weiß ich, dass wir diesen Ort verlieren könnten, aber andererseits ist das alles unlogisch. Ich hoffe, dass wir noch irgendwo gehört werden. Darum erzählen wir den Menschen von hier. Hätten wir keine Hoffnung mehr, würde ich jetzt hier auch nicht mit Ihnen reden."

Lange Tradition

Er setzt auf Unterstützung aus Deutschland. Schließlich hat ein Deutscher, der Botaniker Alfred Heilbronn in den 30er-Jahren die ersten Pflanzen hier gesetzt. Auch für den CHP-Abgeordneten Ali Seker ist der Botanische Garten am Goldenen Horn von Istanbul nicht nur ein innenpolitisches Thema und rein türkische Kulturgut. Er fordert:

"Deutschland, die Türkei, ja die ganze Welt müssten gegen das verschwinden dieses gartens Partei ergreifen und dafür kämpfen, dass er geschützt wird."

Die Traurigkeit ist aus Mehmets Gesicht schnell wieder verschwunden. Er taucht seine Hand in ein Wasserbecken mit kleinen runden Pflanzen-Kügelchen. Hier forschen sie zu wasserabweisenden Stoffen, wie sie beispielsweise bei Outdoor-Kleidung zum Einsatz kommen. Die Industrie ist sehr an ihrer Arbeit interessiert, sagt er:

"Das hier war der erste Botanische Garten in Istanbul und in der Türkei. Und es gibt ihn noch, er lebt , er atmet, er arbeitet. Die Menschen müssen kommen und diesen Ort sehen, um all das zu verstehen. Denn wie trinken hier nicht nur Tee."

Mit einem dicken Schlüsselbund in der Hand macht sich der Student auf vom Garten in eines der vielen Labore. Die Forschung ruft.

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