Seit 14:05 Uhr Kompressor

Montag, 16.09.2019
 
Seit 14:05 Uhr Kompressor

Zeitfragen / Archiv | Beitrag vom 09.01.2015

Bosnischer Erzähler Dzevad Karahasan"... dass uns der Andere erst möglich macht"

Von Cornelia Jentzsch

Podcast abonnieren
Der bosnische Autor Dzevad Karahasan spricht am 28.08.2012 in Weimar die Dankesworte nach der Verleihung der Goethe-Medaille 2012. (picture-alliance / dpa / Martin Schutt)
Dzevad Karahasan bei der Verleihung der Goethe-Medaille 2012 (picture-alliance / dpa / Martin Schutt)

Der Schriftsteller Dzevad Karahasan lebt in Sarajevo und Graz. Beides sind multikulturelle, multireligiöse und multiethnische Städte im Herzen Europas. Aus eigener Erfahrung weiß Karahasan, dass ein tolerantes Miteinander von Menschen unterschiedlicher Religionen und Kulturen möglich ist. Ein Porträt.

"Die Grenze lehrt, dass uns der Andere erst möglich macht", sagt der bosnische Autor Dzevad Karahasan - und plädiert für Toleranz. Er erzählt in seinen Büchern, Essays und Theaterstücken nicht nur über die grausamen Auswirkungen von Grenzen, ihn interessieren jene, die täglich gelebt werden.

Karahasan lebt heute in Sarajevo und Graz. Beides sind multikulturelle, multireligiöse und multiethnische Städte im Herzen Europas, die eng verbunden sind mit seiner eigenen Geschichte.

In Sarajevo lebten bis zum Krieg, der Jugoslawien auseinandersprengte, viele Religionen und Kulturen auf engstem Raum, nicht nur Tür an Tür, sondern oft sogar in einer einzigen Familie zusammen. Hier mischten sich in einer langen Tradition Abend- und Morgenland: Muslime, Christen, Juden oder Orthodoxe tolerierten sich und heirateten untereinander.

Und dennoch konnte nicht verhindert werden, dass "die Mehrzahl der europäischen Grenzen aus der inneren in die äußere Realität gewandert" ist. Sie zeigen sich nicht mehr durch unterschiedliche Regeln bei Tisch oder Feierrituale, sondern manifestieren sich durch militärische Konflikte und Kriege. Dzevad Karahasan ist überzeugt davon, dass man Grenzen zunächst im Kopf und dann erst in der Realität aufrichtet.

Plädoyer für ein tolerantes Miteinander der Kulturen und Religionen

"Ich erkenne dein Recht auf das Denken, auf das Existieren an. Du erkennst mein Recht auf das Denken, das Existieren an."

Sagt der Romanautor, Essayist, Dramatiker und Literaturwissenschaftler. Aus eigener Erfahrung weiß Dzevad Karahasan, dass ein tolerantes Miteinander von Menschen unterschiedlicher Religionen und Kulturen möglich ist.

Geboren wurde Dzevad Karahasans am 25. Januar 1963 im hauptsächlich kroatisch besiedelten Duvno in Bosnien-Herzegowina. Seine Eltern sind Bosniaken.

Obwohl Karahasan muslimischen Glaubens ist, erhielt seine erste Bildung von einem christlichen Franziskaner-Mönch, mit dem er noch heute befreundet ist. Dzevad Karahasans Frau, Dragana Tomasevic, eine Publizistin, ist wiederum keine Muslima, sondern serbisch-orthodoxen Glaubens.

Es war für Karahasan einfach nicht ungewöhnlich, dass er als jugendlicher Muslim bei einem erfahrenen Christen in die Lehre ging:

"Wo ich aufgewachsen bin, gab es ein Realgymnasium. Du hast also zwei Stunden wöchentlich Latein, nicht eine Stunde Altgriechisch. Das schien mir irgendwie viel zu wenig. So ging ich zum Franziskanerkloster in Duvno. Dort war damals Fraibo Bagaric, ein hochgebildeter, sehr netter Franziskaner. Zweimal wöchentlich besuchte ich ihn, lernte mit ihm, von ihm, durch ihn Latein, Altgriechisch und die katholische Philosophie. Den Augustinus habe ich eigentlich von ihm zu lesen bekommen. Er kannte recht gut auch Thomas von Aquin. Dadurch habe ich auch mein erstes Dossier bei der Geheimpolizei bekommen: als kroatischer Nationalist."

Komplettes Sendungsmanuskript als PDF-Dokument
Komplettes Sendungsmanuskript im barrierefreien Textformat

Mehr zum Thema:

Dzevad Karahasan (Deutschlandradio Kultur, Friedhofsbesuche mit Schriftstellern, 30.08.2013)

"Die profitieren mächtig aus Konflikten"(Deutschlandradio Kultur, Thema, 28.08.2012)

Bosnischer Schriftsteller: Politiker wollen kulturelle Substanz des Landes vernichten
(Deutschlandradio Kultur, Fazit, 06.01.2012)

Zeitfragen

Johann Karl Wezels vergeblicher Versuch, vergessen zu werdenIch will ins Freie!
Kupferstich eines Paares, das sich in den Armen liegt.  (Aus "Herrmann und Ulrike", erschienen in der Anderen Bibliothek)

Wiederentdeckt wird er seit 200 Jahren: Johann Karl Wezel (1747-1819) ist der wohl prominenteste Wiedergänger der klassischen Literatur. Der Ungebärdige hatte mit Goethe und Schiller wenig am Hut und überwarf sich mit Wieland. Wezel verfasste sehr bösartige und sehr komische Bücher und endete, als wär's ein Hollywood-Drehbuch.Mehr

Biomedizinische StudienWo Professor Zufall regiert
Geschäftsmann und Geschäftsfrau jonglieren mit Euromünzen. (imago / Ikon images / Gary Waters)

Zu wenige Versuchspersonen, unsauber geplante Experimente, keine Replikation der Untersuchung: viele biomedizinische Studien haben Schwächen. So große, dass man stattdessen genauso gut eine Münze werfen könnte, meint der Neurologe Ulrich Dirnagl.Mehr

weitere Beiträge

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur