Borstenvieh und Schweinespeck

Massenhaltung von Schweinen © AP
Von Claudia van Laak und Alexa Hennings · 14.11.2008
Holländische Großinvestoren erschließen den Osten Deutschlands für die Schweinezucht. Dafür bauen sie riesige Schweinemastanlagen, die streng von der Öffentlichkeit abgeschirmt werden. Die Stimmung in den betroffenen Gemeinden ist gespalten: Die einen hoffen auf die Entstehung neuer Arbeitsplätze, die anderen lehnen die Großprojekte aus Umwelt- und Tierschutzgründen ab.
Brandenburg
Von Claudia van Laak

"Straße der Deutsch-Sowjetischen Freundschaft Nummer 1, Haßleben". So lautet die Adresse der einstmals größten Schweinemastanlage Europas. Künftig könnte sie die größte Brandenburgs werden.
Sylke und Frank Skomrock haben hier gearbeitet. Sie Zootechnikerin, er Diplomagraringenieurökonom. In der Schweinemastanlage haben sie sich kennengelernt. Jetzt sind sie die aktivsten Kämpfer in Haßleben für 69.000 neue Schweine in den alten Ställen.

Sylke Skomrock: "Wir haben auch zu DDR-Zeiten hier gewohnt, na mein Gott, wenn es riecht, dann macht man das Fenster eben nicht auf, erstunken ist noch keiner, erfroren und verhungert schon mehrere."

Sylke Skomrock friert in der Novemberkälte, die 43-Jährige setzt die Kapuze ihrer schwarzen Jacke auf, steckt die Hände in die Taschen.
2003 haben die Skomrocks erfahren, dass der holländische Agrarindustrielle Harry van Gennip 25 Millionen Euro in Haßleben investieren will. Der Jubel war groß. Doch die Freude darüber ist längst verflogen. Denn auch fünf Jahre danach hat das Landesumweltamt noch nicht über eine entsprechende Genehmigung entschieden. Sylke und Frank Skomrock sind sauer.

Frank Skomrock: "Ich hab jedenfalls den Eindruck, dass man das nicht mehr will, dass sich hier noch was dreht, und die, die hierbleiben wollen, die sollen sich selbst überlassen werden, entweder die werden damit fertig, oder irgendwann werden die schon gehen, das ist eine Art von sozialer Vertreibung."

Das Verwaltungsgebäude steht seit 15 Jahren leer. Die Tapeten lösen sich von den Wänden, das Dach ist undicht, an den Decken und Wänden hat sich Schimmel gebildet. In den Zimmern stehen noch die DDR-Möbel, in der zweiten Etage ein Modell der alten Schweinemastanlage. 150.000 Tiere standen hier, die meisten wurden als Devisenbringer nach Westberlin verkauft. "Gegen die Massentierhaltung ist nichts einzuwenden", sagt der 45-jährige Frank Skomrock überzeugt. "Alles legal".

Frank Skomrock: "Ich habe nichts gegen diese Art, wenn dementsprechend diese gesetzlichen eingehalten sind. Ich hab was dagegen, wenn man Tiere vermenschlicht und sie auf die gleiche Stufe setzt, das sollte man nicht tun."

Frank Skomrock zieht die Gardine zur Seite, öffnet das Fenster, zeigt auf die Dächer der Schweineställe. Eine Baufirma hat damit begonnen, eine Photovoltaikanlage zu installieren. "22 Fußballfelder groß", sagt stolz der Sprecher der Bürgerinitiative "Pro Schwein".

Skomrock: "Wir haben hier Biogas, wir haben Solar, im Endeffekt ist das ein Rohstoffproduzent, die Fleischproduktion ist schon fast zweitrangig, hier werden in erster Linie Rohstoffe produziert, die man dann energetisch umsetzen kann."

Zwölf Frauen und Männer arbeiten derzeit auf dem Gelände in Haßleben. Sie bessern die Zäune aus, sehen nach dem Rechten, kümmern sich um die knapp 1000 Schweine, die in einem Versuchsstall stehen. Doch vor wenigen Tagen ist ihnen die Kündigung ins Haus geflattert. Die Stimmung unter den Mitarbeitern ist mies.

"Arbeitsplätze, darum geht’s ja, hier ist ja weit uns breit nichts."
"Wat soll ich dazu sagen, gar nüscht, kann man nüscht mehr zu sagen, ohne Kommentar."
"Wenn man das hört, die Politiker schreien nach Arbeitsplätzen, aber es passiert nix."

Auch bei Frank Skomrock hat sich Wut aufgestaut. Wut auf "die da oben in Potsdam", die seiner Ansicht nach auf Zeit spielen, den Genehmigungsantrag seit Jahren von Schreibtisch zu Schreibtisch schieben und dadurch die Leute aus Haßleben vertreiben.

Skomrock: "Es gibt ja auch Leute, die hierbleiben wollen, wir können nicht alle gehen. Und ich weiß nicht, ob wir in den nächsten Jahren die Kommune aufrecht erhalten könnten."

Hälsig: "Also ich kann den Unmut, bzw. das verstehen, was sich vor Ort im Zusammenhang mit dem Genehmigungsantrag Haßleben abspielt."

Entgegnet Günter Hälsig. Er ist Abteilungsleiter im Potsdamer Umwelt- und Landwirtschaftsministerium.

Hälsig: "Es ist ein höchst kompliziertes Genehmigungsverfahren, zum einen, weil es sich um die größte Mastanlage des Landes Brandenburg handeln wird, sofern sie genehmigungsfähig ist. Alle Einwendungen und alle Erörterungspunkte müssen sachlich und fachlich ordentlich abgearbeitet werden."

Auf dem Schreibtisch von Abteilungsleiter Hälsig steht ein dickes knallrotes Buch, das Bundesimmissionsschutzgesetz. Viele Fragen sind zu klären: wie groß sind Lärm,- Luft- und Wasserbelastung durch die geplante Anlage? Was passiert mit den Millionen Litern an Gülle, die durch 69.000 Schweine entstehen? Was geschieht, wenn eine Seuche ausbricht? Oder ein Brand? Entspricht die industrielle Massentierhaltung dem Tierschutzgesetz?

Hälsig: "Dazu gibt es unterschiedliche Aussagen, es ist im Genehmigungsverfahren möglich, bestimmte Auflagen, bestimmte Nebenbestimmungen über die Gestaltung des Fußbodens über den Besatz der einzelnen Boxen zu erreichen, die eine tierschutzkonforme Betreibung dieser Anlage zulassen."

Nach dem Großflughafen Berlin-Brandenburg-International ist das Genehmigungsverfahren für die Schweinemastanlage Haßleben das zweitgrößte Brandenburgs. Akten über Akten, Gutachten über Gutachten türmen sich in den Räumen des Landesumweltamtes. Den Vorwurf der Befürworter, auf Zeit zu spielen und damit die Schweinemastanlage verhindern zu wollen, weist das Umweltministerium zurück.

Hälsig: "Für mich ist dieser Vorwurf gegenstandslos, ich glaube, der Investor hat Vertrauen in die Zuverlässigkeit und die Arbeitsfähigkeit des Landesumweltamtes über diese fünf Jahre gewonnen."

1000 Einwendungen von betroffenen Anwohnern, von Tierschutz- und Umweltverbänden hat das Landesumweltamt in den letzten Jahren geprüft. Der Initiative "Pro Schwein Haßleben" steht die Initiative "Kontra Industrieschwein" gegenüber. Wir haben nichts gegen den Investor, sagen die Gegner.

Spangenberg: "Er ist ein Geschäftsmann, er will Geld verdienen, das ist ganz normal, wir haben auch nichts gegen die Haßlebener, die einen Arbeitsplatz suchen, wir haben etwas gegen die Leute, die so eine Anlage letztendlich genehmigen, befürworten mit Argumenten, die schon lange nicht mehr stechen, Arbeitsplätze."

50 Arbeitsplätze sollen entstehen, zu DDR-Zeiten waren es 850, erzählt der pensionierte Tierarzt Claus Spangenberg, erklärter Gegner der Schweinemastanlage.

Spangenberg: "Das sagen wir unseren Haßlebern auch immer, was macht ihr in der Anlage? Sie kehren den Hof und morgens werden die toten Schweine rausgezerrt, das ist ihre Arbeit, und das für 4 Euro 50."

Claus Spangenberg und sein Freund Peter Hartlich – pensionierter Architekt – trinken Tee aus gelben Bechern und blicken über den Kuhzer See - der liegt etwa zwei Kilometer von der geplanten Schweinemastanlage entfernt. Der Novembernebel hängt im Schilf, ein Schwarm Enten erhebt sich. Letztens habe ich vier Seeadler auf einmal gesehen, sagt Peter Hartlich und lächelt. Er wohnt wie Claus Spangenberg direkt am See und hat erlebt, wie das Gewässer zu DDR-Zeiten durch die Schweinegülle verseucht wurde. Schon damals hat er protestiert, wurde von der Stasi bespitzelt.

Hartlich: "Also es ist die Erfahrung, die wir gemacht haben mit der alten Anlage, die also dazu geführt hat, dass der See in der Tat stark eutrophiert war."

Spangenberg: "Das schlimme ist, finden wir alle, dass über die Haltung der Schweine überhaupt nicht mehr diskutiert wird. Das weiß jedes Kind, dass 85.000 Schweine nicht artgerecht gehalten werden können, unter den Bedingungen sowieso nicht, Spaltenboden, ohne Einstreu, das ist richtig schlimm."

Auf die Internetseite ihrer Kontra-Industrieschwein-Initiative haben sie ein heimlich gedrehtes Video gestellt, das die Bedingungen in einer Schweinemastanlage des Holländers Harry van Gennip dokumentiert. Kranke Tiere mit offenen Wunden an den Klauen, ein Schwein, das auf eingeknickten Vorderbeinen durch den Stall humpelt. Doch neben dem Tierschutz haben die Gegner der Schweinemastanlage noch viele andere Argumente: Das Wasser werde durch die Gülle verseucht, der Wald geschädigt, die industrielle Tierproduktion vernichte Arbeitsplätze in kleinen bäuerlichen Unternehmen, der Lkw-Verkehr werde dramatisch zunehmen, der Gestank vertreibe die Urlauber und vernichte so Arbeitsplätze im Tourismus.

Spangenberg: "Wir hatten hier Urlauber und abends um zehn rum, bei herrlichem Wetter, kam richtig eine Dunstwolke von da drüben hier rüber. Mit 800, 900 Schweinen vielleicht."

Wie soll das erst mit 70.000 werden, fragt Claus Spangenberg. Zwei Wohnungen in seinem Haus hat er zu Feriendomizilen ausgebaut, auf dem Dachboden ist Platz für ein weiteres Appartement. Wenn die Schweinemastanlage genehmigt wird, baue ich nicht aus, sagt der 68-Jährige.

Spangenberg: "Der Tourismus in der Uckermark wird ja richtig gefördert, soll ja richtig aufgebaut werden, nur wenn viele nachher hier in der Gegend Urlaub machen, die kommen ja nur einmal, das ist schade und schlimm."

Claus Spangenberg zeigt sein idyllisches kleines Anwesen. Ein kleiner Bolzplatz für die Urlauber, Terrasse und Grillplatz, Ruder- und Paddelboote, ein Badesteg. Das herbstlich-braune Schilf raschelt im Wind. Mit der Idylle ist es vorbei, wenn die industrielle Schweinemast nach Haßleben kommt, da ist sich der weißhaarige Rentner sicher. Doch wann kommt endlich die Entscheidung? Günter Hälsig vom Potsdamer Landwirtschafts- und Umweltministerium bleibt vage.

Hälsig: "Wir sind auf der Zielgeraden, und ich kann mir durchaus vorstellen, dass es im nächsten Vierteljahr, in den nächsten vier Monaten zu einer Entscheidung kommen kann."

Kommen kann, aber nicht kommen muss. Doch mit der Genehmigung oder Ablehnung der Schweinemastanlage Haßleben seitens des Landes ist nicht das letzte Wort gesprochen. Sowohl der Investor als auch die Gegner der Anlage haben mit einer Klage gedroht, sollte die Entscheidung nicht in ihrem Sinne ausfallen.

Vorpommern
Von Alexa Hennings

Kröger: "Der Bereich da unten das ist die Kernzone vom Park. Sie sehen da unten die prächtigen alten Platanen mit der gescheckten Rinde, am Übergang zum Teich ein Gingko, auf der anderen Seite auch, und gleich wenn man über die Brücke geht auf die kleine Insel, da haben wir eine prächtige Sumpfzypresse mit den charakteristischen Luftwurzeln. Und da staunen sie meisten, weil in dieser Größe und Pracht ist das auch relativ selten."

Jörg Kröger kommt schnell ins Schwärmen, wenn er durch den Gutspark in Wietzow geht. Zwischen den Bäumen leuchtet in Rot-Orange ein Schloß im Tudor-Stil – das Gutshaus in Wietzow im Tollensetal. Kröger, der vor fünf Jahren aus Lübeck kam, betreibt das vorpommersche Gutshaus als Feriendomizil. Drei Kilometer vom Gutshaus und vom Naturschutzgebiet entfernt soll nun die größte Ferkelaufzuchtanlage Europas entstehen: in Alt Tellin, auf dem verwilderten Gelände der ehemaligen LPG. Dort, inmitten von Ruinen, Müll und Scherben hat einer den Pinsel tief in Sarkasmus getaucht und die Mauer bemalt: "LPG Blühende Landschaften".

Kröger: "Das Problem ist einfach, dass seit der Wende 90 Prozent aller Arbeitsplätze in der Region verloren gegangen sind. Wir hatten gut 20.000 Beschäftigte im Kreis Demmin in der Landwirtschaft. Davon sind noch 2000 übrig mit weiter fallender Tendenz. Und im Bereich der Landwirtschaft wird kein Ersatz für die wegfallenden geschaffen werden können – einfach weil ein Umstrukturierungsprozess stattfindet zurzeit von der Landwirtschaft in Richtung Agrarindustrie. Und das setzt eben weiter Arbeitskräfte frei statt Arbeitsplätze zu schaffen. Vor diesem Hintergrund ist es also extrem wichtig, dass in dieser Gegend andere, alternative Arbeitsplätze neben der Landwirtschaft entstehen können."

Jörg Kröger ist auch der Sprecher der Unternehmerinitiative Milan, in der sich touristische Anbieter, Handwerker und Künstler der Region zusammengeschlossen haben. Schon jetzt übertrifft die Zahl der Arbeitsplätze im Tourismus die Anzahl der Arbeitsplätze in der geplanten Schweineanlage sagt Jörg Kröger und klopft wie zum Beweis mit einem Packen Milan-Flyer auf den Tisch. Kunsthandwerker, Ferienwohnungen, Reiterhöfe, Wellnesstherapeuten, Gutshäuser und Schlösser sind darin aufgeführt. Der sanfte Beginn des sanften Tourismus. Er könnte unsanft und vor seiner Zeit enden, dieser Anfang.

65.000 Schweine will "der Holländer", wie der niederländische Schweinemäster Adriaan Straathof in Alt Tellin genannt wird, auf der ehemaligen LPG-Brache unterbringen. In den Niederlanden dürfen keine neuen Anlagen mehr gebaut werden - wegen der extremen Grundwasserbelastung durch Gülle. Fast zehn Millionen Euro will Straathof investieren in eine Anlage, in der jedem Schwein 1,2 Quadratmeter zustehen. Stroh nicht. "Arme Schweine" titelte die "Süddeutsche Zeitung - und meint damit Tiere und Menschen. Viele aus Alt Tellin und den umliegenden Dörfern haben früher im LPG-Schweinestall gearbeitet. Und sie warten, dass wieder Schweine kommen ins Dorf. So wie ein Mann, Mitte vierzig, der seinen Namen lieber nicht nennen will. Seit 15 Jahren ist er arbeitslos. Er sitzt in der Dorfkneipe, die "Storchenbar" heißt, und schaut in sein Bier.

Kneipengast: "Ja, also ich bin voll dafür, dass die Schweinemast hier gebaut wird. Weil, so viel Arbeitslose wie wir hier im Umfeld haben, da wäre das angebracht. Sollen sie bauen! Und denn so schnell wie möglich, dass das endlich ein Ende hat dieser Zirkus hier! Mit dem Umhergehetzte und Gemache und Getue bei uns hier in der Gemeinde. Guckt einer den anderen nicht mehr an und und und ..."

Dem Mann fehlen kurzzeitig die Worte für das, was hier im Dorf vorgeht, seit Straathof bauen will. Jetzt fällt es ihm ein.

Kneipengast: "Was wat hier früher in Tellin los! Jetzt haben die sich alle so zerstritten, jetzt ist hier gar nichts mehr, nicht mal mehr ´n Erntefest! Weil einer auf dem anderen rumhackt!"

Die Stimmung ist mies im Dorf, das merkt auch Hans Krabbe, der Dorfschmied. Der Mann Mitte fünfzig hat die Flucht nach vorn gewagt und sich mit einer kleinen Dorfschmiede selbstständig gemacht, als die Schmiede in der "Landhof-AG", dem Nachfolger der LPG, "wegrationalisiert" wurde. Er schlägt sich mit kleinen Aufträgen durch. In der "Schweinefrage" steht er auf der Seite der meisten Alt-Telliner: 60 Prozent der Wahlberechtigten stimmten in einer Umfrage gegen die geplante größte Ferkelanlage Europas.

Krabbe: "Es ist nicht, dass wir was gegen Schweine haben! Es könnten ja wieder Stallanlagen entstehen, aber nicht in dieser Größenordnung! Hier will man richtig mit die Faust auf’n Tisch haun und wumms, die Sache muss hin! Es ist der sanfte Tourismus entstanden und – es passt einfach nicht! Und es sind auch Wissenschaftler und unser Ortsbauernpräsident, der ehemalige, die haben sich das ja auch durchgerechnet. Mit der Gülle und den ganzen Abprodukten, das muss ja irgendwo bleiben!"

60.000 Tonnen Gülle würde die Anlage jährlich produzieren. Sie wird in einer Biogasanlage verarbeitet, sagen die Befürworter, und das entstehende "Gärsubstrat" stinke kaum. Egal, wie man es nennt, es bleiben 60.000 Tonnen eines Substrats, das durch seinen sauren PH-Wert zur weiteren Versauerung der Böden führt – sagen die Gegner. Im September setzten sich die Gemeindevertreter in einem Beschluss über die zumeist ablehnende Meinung in den Dörfern durch und gaben dem Investor grünes Licht. Es sind vor allem die versprochenen 45 Arbeitsplätze, die locken. Aber die Gemeinde, allen voran Bürgermeister und Storchenbar-Besitzer Frank Karstädt, sieht sich auch in einer Zwangslage: Die Schweriner Landesregierung hat das Gebiet um Alt Tellin als "privilegiertes Gebiet für die Schweinezucht", wie es Amtsdeutsch heißt, ausgewiesen und die vorpommerschen Standorte auch ausländischen Investoren angeboten. Die Gemeinde selbst hatte für dieses Gebiet keine Planung und kann also nicht jetzt, wo ein Investor auf der Matte steht, einfach Nein sagen.

Karstädt: "Der Investor könnte gegenüber der Gemeinde Regressforderungen stellen. Und das kann sich eine Gemeinde nicht leisten. Diese Anlage - auch in dieser Größe - ist ein geplantes Projekt des Wirtschaftsministeriums bzw. des Landwirtschaftsministeriums, was schon vor zehn Jahren stattgefunden hat. Und wir müssen das jetzt leider ausbaden."

Besonders erbost ist der Bürgermeister, dass manchmal in den Zeitungen steht, er wolle einen Vorbestraften in die Gemeinde holen, und das könne ja nicht gutgehen. Adrian Straathof ist in den Niederlanden rechtskräftig verurteilt, weil er wiederholte Male in seinen Schweinemastbetrieben gegen Auflagen verstieß. Auch in Medow, 14 Kilometer von Alt Tellin entfernt, wo Straathof seit zwei Jahren eine Schweinemastanlage mit 15.000 Tieren betreibt, verstieß er schon mehrfach gegen Bestimmungen und hatte beispielsweise seine Ställe mit mehreren Hundert Tieren überbelegt – wofür ihm Schwerin mit der Schließung drohte.

Karstädt: "Nun ist das leider so in Deutschland, Sie dürfen keinen zur Unperson ernennen. Und wenn der Investor trotzdem den Bauantrag stellt, dann sind Sie als Gemeinde ganz einfach gezwungen, mit dem Menschen zu reden und und – da haben Sie gar keine andere Möglichkeit. Wir hatten dem Herrn Straathof allerdings auch mitgeteilt, dass zu solchen Bedingungen wie er teilweise in seinen anderen Objekten da gearbeitet hat, dass das dazu führt, dass wir ihn hier eigentlich nicht haben wollen. Aber ich muss sagen, er hat im Nachhinein vieles richtig gestellt oder anders dargestellt, als wie es durch die Presse ging – ja."

Der Bürgermeister, ein Schwergewicht Mitte dreißig, sitzt unter den Hirschgeweihen in seiner Storchenbar und rührt im Kaffee, aufgebrüht mit Krümeln, wie hier üblich. Er seufzt manchmal beim Reden. Gern möchte er glauben, dass nicht alles stimmt, was in der Presse steht und dass Adriaan Straathof doch ein sauberer Geschäftsmann ist. Dass es vielleicht doch nicht ganz so schlimm gewesen ist, wie die Bürger aus dem benachbarten Medow berichten, dass sich tote Schweine auf dem Hof stapelten und verwesten, weil "der Holländer" seine Anlage schon betrieb, bevor er ein extra Gebäude für verendete Tiere hatte. Er will es auch nicht so recht glauben, dass die Medower so sehr unter dem Gestank der Anlage leiden. Doch die dortige Bürgerinitiative fertigte akribische Geruchsprotokolle und bewies, dass die Belastung dreimal höher ist, als behördlich vorgeschrieben. Daraufhin wurde Straathof gezwungen, eine weitere Filteranlage einzubauen – wozu er jedoch zwei Jahre Zeit hat. So lange stinkt es in Medow weiter. Das alles sieht Karstädt auf sich zukommen – und will es dennoch nicht recht glauben.

Karstädt: "Wir haben ja inzwischen auch die Unterlagen vom Projekt gekriegt und nach flüchtiger Durchsicht - muss ich dazu sagen – was da an Filteranlagen eingebaut wird in der Planung, also das ist der modernste Stand, den es eigentlich zurzeit gibt."

65.000 Schweine und Umweltbelastungen? Da möchte sich der Bürgermeister an die Versprechen des Investors halten. 65.000 Schweine und Tourismus? Touristen, wo denn?! Ruft der Bürgermeister und schaut sich in seiner leeren Storchenbar um. Das einzige, was hier brummt, ist der Kühlschrank.

Karstädt: "Völliger Quatsch. Erstens haben wir hier kaum Touristen, die einzigen Touristen, die wir haben, das sind im Sommer die Kanufahrer, die sehen die Anlage gar nicht auf der Tollense. Und die Biker – ich bin der Meinung, den Bikern stört dat auch nicht. Ich sage immer: Vom Tourismus muss man auch leben können, und das ist hier bei weitem nicht so."

In Wietzow bei Alt Tellin, dem orange-roten Schloss im Tudor-Stil – sieht man das anders. Einen Angestellten hat Jörg Kröger, erzählt er beim Hineingehen, und eine Saisonkraft. Macht mit ihm zweieinhalb Existenzen.

Ein Zimmer, so groß wie ein kleiner Saal. In der Ecke ein Kamin aus Lehm, als wüchse er aus der Wand. Der Blick durch die großen Fenster in den Park.

Kröger: "1750 gebaut und1850 dann auf den Tudorstil umgebaut. Anfangs ohne Türmchen, ganz schlichtes Dach, und dann später die Türmchen. Unterliegt halt der Mode."

Einer Mode unterliegen – das möchte Jörg Kröger auf keinen Fall. Große Events, große Werbung, all das gibt es nicht bei ihm. Er arbeite lieber daran, dass es den Gästen gutgehe, dann laufe alles andere wie von selbst, sagt er. Wer hierher kommt – und das tun auch schon Schweizer und Österreicher – der sucht die Ruhe und die Natur, die hier noch unverfälscht zu haben ist. Und das soll so bleiben, das Unverfälschte, finden Jörg Kröger und seine Mitstreiter der Unternehmerinitiative Milan. Die Anlagen-Gegner hoffen auf die Kommunalwahlen im nächsten Jahr und neue Mehrheiten im Gemeinderat. Und sie hoffen darauf, dass die Anlage letztlich nicht genehmigt werden kann - zum Beispiel deswegen, weil im September eine große Gruppe von Pächtern beschlossen hat, ihre Felder nicht zur Ausbringung von Gülle an Straathof zu verpachten. Ein Drittel der vertraglich benötigten Fläche fehlt damit. Kröger findet, dieser Beschluss sei eine kleine Sensation – hier, wo das Land seit Jahrhunderten durch die Landwirtschaft geprägt sei. Vielleicht spüren die Vorpommern, dass das, was jetzt kommt, eben keine Landwirtschaft mehr ist, sondern Agrarindustrie mit all ihren Folgen.