Er hat sich alles, was er über sich gelesen hat, gehört hat, die Bilder, die über ihn veröffentlich wurden, zu eigen gemacht und hat sich selber zu einer Art kleinen Gott gemacht, fand ich jedenfalls, zu einem Idol, und hat an sich geglaubt. Und zwar nicht an sich als Person mit seinen ganzen Gefühlen, sondern an sich als Idol. Das ist ein Unterschied.
Boris Becker verurteilt
Zweieinhalb Jahre Haft: Mit diesem Londoner Urteil sei Boris Becker gezwungen, Verantwortung für sein eigenes Leben zu übernehmen, sagt Gunter Gebauer. © imago/ZUMA Wire/Tayfun Salci
Der kleine Gott, der seinen Ruin selbst vorbereitete
07:52 Minuten

Der frühere Tennisstar Boris Becker ist zu zweieinhalb Jahren Haft verurteilt worden. Wie konnte es so weit kommen? Becker habe an sich selbst als Idol geglaubt, meint der Sportsoziologe Gunter Gebauer. Selbstbestimmt zu leben, habe er nie gelernt.
Ein Leben zwischen größtem Triumph und schwerstem Abstieg: Der frühere Tennisstar Boris Becker ist von einem Gericht in London wegen seiner Insolvenzstraftaten zu zweieinhalb Jahren Haft verurteilt worden. Bei guter Führung kann er nach mindestens 15 Monaten entlassen werden. Berufung ist möglich.
Vor drei Wochen war Becker bereits in vier von 24 Anklagepunkten schuldig gesprochen worden. Er soll unter anderem Teile seines Vermögens verschleiert haben.
Ein einstiges Idol also, dem Ruhm und Geld zu Kopf gestiegen sind? Oder ist das gnadenlose "System" Spitzensport schuld? Von "Schuld" will der Sportsoziologe Gunter Gebauer nicht sprechen. Das sei eine moralisierende Betrachtungsweise. "Ich würde eher sagen: Wie kommt alles so zusammen?"

Boris Becker hatte den unbedingten Willen, zu gewinnen. Er nutzte dafür zum Beispiel den berühmten Becker-Hecht oder die Becker-Rolle. Hier am 7. Juli 1985, seinem ersten Wimbledon-Triumph mit 17 Jahren. © picture-alliance / dpa / Rüdiger Schrader
Becker sprach von sich in der dritten Person
Becker, der mit 17 Jahren sensationell das Turnier von Wimbledon gewann, sei viel zu früh zum Helden geworden. Er habe sich aber auch selbst zu einer "Figur" gemacht, die sich in der dritten Person anredete. Bedingungslos habe er sich einer "Mythologie ausgeliefert", die von der Sportpresse und vom Boulevard "heftigst betrieben" worden sei, so Gebauer. "Das hat er bedient ohne Ende."
Ein Leben auf der Bühne
Wie man ein selbstbestimmtes Leben führt, habe Becker nicht gelernt, so Gebauer. Im Lauf der Jahre habe er sich mit immer "ähnlichen Frauen" jeweils als neues "Traumpaar" vorgestellt. Waren die Beziehungen gescheitert, habe Becker alle großzügig abgefunden.
"Man hatte das Gefühl, er lebe auf einer Bühne", sagt der Sportsoziologe. Im Grunde genommen habe sich der Tennisstar "seinen Ruin selber vorbereitet".
Läuterung durch das Urteil möglich
Das Londoner Urteil nun könnte nach Einschätzung Gebauers zu einer "Art Läuterung" führen. Becker müsse "zwangsläufig" Verantwortung für sein eigenes Leben übernehmen. Das könne "schrecklich" enden: "Wenn er sich plötzlich sieht, gespiegelt in den Augen der Richterin – da wird er sicher einen Schock haben."
"Oder er rettet sich damit, dass er eigentlich immer noch beliebt ist und es immer noch viele gibt, die jetzt traurig sind. Ich gebe zu, ich habe auch ein wenig Trauer. Ich finde, es ist jammerschade, dass so ein Idol so enden muss – jedenfalls zwischendurch."
(bth)