Bomben gegen das "Schandmal"

Die Berliner Mauer in Kreuzberg, 1962 © AP
Von Winfried Sträter · 13.06.2007
Bereits ein Jahr nach dem Bau der Mauer war das Interesse der Weltöffentlichkeit an der Situation in der geteilten Stadt weitgehend erloschen. Die Bürger Berlins fühlten sich im Stich gelassen und ergriffen selbst die Initiative, um das "Schandmal" zu beseitigen.
West-Berlin war nach dem Mauerbau 1961 in einer politischen und psychischen Ausnahmesituation. 1948, bei der Berliner Blockade, hatten noch "die Völker der Welt" auf die Stadt geschaut. Die Menschen hatten standgehalten – weil sie sich der internationalen Unterstützung gewiss waren.

Nach dem 13. August 1961 aber fehlte diese Unterstützung von außen. Im Gegenteil: Das Desinteresse der Westmächte, die Mauer-Situation zu ändern, war offenkundig. Weder die USA noch Großbritannien noch Frankreich forderten die Sowjetunion auf, die Mauer wieder abzureißen.

Das Gefühl, mit der Mauersituation allein gelassen zu sein und die Angst, vom Westen aufgegeben zu werden, ließ ohnmächtige Wut bei vielen West-Berlinern aufsteigen. Improvisierte Hilfe war das Gebot der Stunde. Fluchthilfeorganisationen bauten Tunnel zwischen West und Ost und verhalfen vielen Menschen, die DDR zu verlassen.

Die Politik war ratlos. Der Regierende Bürgermeister Willy Brandt, sein enger Vertrauter Egon Bahr, der Leiter des Presse- und Informationsamtes – niemand hatte ein Konzept, mit der deprimierenden Situation nach dem Mauerbau umzugehen. Volkes Stimme forderte, konkret etwas gegen die Mauer zu tun. Willy Brandts Senat musste einerseits die West-Berliner in ihrer Empörung bestärken; andererseits durfte die Empörung nicht außer Kontrolle geraten.

Eine heikle Frage war: Konnte der Regierende Bürgermeister es dulden, wenn vom Westen aus Anschläge auf die Mauer verübt wurden? Oder sorgten Anschläge sogar für eine psychische Entlastung der Bürger? Konnten sie gar von der Ratlosigkeit der Politik ablenken?

Am 26. Mai 1962 sprach der Regierende Bürgermeister Willy Brandt in der SFB-Reihe "Wo uns der Schuh drückt" das Thema Anschläge auf die Mauer an:

"Meine Hörerinnen und Hörer, es hat einige Sprengstoffanschläge gegen dieses Schandmal in unserer Stadt gegeben, ich weiß nicht, wer die Urheber waren, und ich kann nur wiederholen, dass wir gegen Gewalt sind. Die Löcher, die wir uns in der Mauer wünschen, sind von anderer Art. Sprengstoff ist kein gutes Argument. Aber ich möchte doch wiederholen, was aus anderem Anlass im vorigen Jahr gesagt werden musste. Deutsche Polizei ist nicht dazu da, die Schandmauer zu schützen."
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