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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 24.06.2010

Bollwerk Ostpreußen

Robert Traba: "Ostpreußen – die Konstruktion einer deutschen Provinz", Fibre Verlag, Osnabrück 2010, 526 Seiten

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Der Erste Weltkrieg war ein Wendepunkt in der Geschichte Ostpreußens. (AP)
Der Erste Weltkrieg war ein Wendepunkt in der Geschichte Ostpreußens. (AP)

Der polnische Historiker Robert Traba zeigt, wie sich in Ostpreußen zwischen 1914 und 1933 eine ganz eigene regionale Identität herausbildete. National orientierte Vordenker wollten diese Provinz in ein Bollwerk gegen die "Slawenflut" verwandeln.

Ostpreußen vollzog zwischen den Weltkriegen eine bemerkenswerte Entwicklung. Die Provinz, die seit 1918 durch einen polnischen Korridor vom deutschen Kernland abgetrennt war, avancierte zum Schauplatz einer rasch erstarkenden Heimatschutzbewegung mit bald 120.000 Mitgliedern.

Diese Heimatschutzbewegung veränderte tiefgreifend die mentale Entwicklung Ostpreußens, konstatiert der polnische Historiker Robert Traba. In seinem jetzt auf Deutsch erschienenen Buch "Ostpreußen – die Konstruktion einer deutschen Provinz" untersucht Traba, wie sich zwischen 1914 und 1933 vor dem Hintergrund der Heimatschutzidee ein neues ostpreußisches Selbstverständnis herausbildete. In diesem Prozess engagierten sich national orientierte deutsche Politiker, Wissenschaftler, Pfarrer, Lehrer, Journalisten und Dichter. Ihnen ging es darum, Ostpreußen in ein Bollwerk gegen die – wie es hieß – "Slawenflut" zu verwandeln.

Zunächst galt Russland als Hauptgegner. Schließlich waren russische Truppen zu Beginn des Ersten Weltkriegs nach Ostpreußen eingedrungen und wurden für Flucht und Vertreibung der deutschen Zivilbevölkerung sowie für zahlreiche Zerstörungen verantwortlich gemacht. Als deutsches Militär unter dem Kommando Paul von Hindenburgs die Russen in der Schlacht von Tannenberg Ende August 1914 zurückschlug, war ein neuer Mythos für die aufkeimende deutsch-ostpreußische Bollwerkmentalität geboren.

Doch das Bollwerk Ostpreußen richtete sich bald weniger gegen Russland als vielmehr gegen Polen. Denn Polen, als souveräner Staat nach über einem Jahrhundert der Teilungen 1918 wieder auf der Landkarte erschienen, war mit Deutschland sogleich in einen Dauerstreit über Grenzen und Minderheitenrechte verstrickt.

Robert Traba präsentiert in seinem Buch "Ostpreußen – die Konstruktion einer Provinz" reichhaltiges, vielfach kaum bekanntes Quellenmaterial und überzeugt durch die Vielfalt seiner Blickwinkel. Unterschiedliche Strömungen der Heimatliteratur werden ausgewertet, die Rollen der Kirchen reflektiert, Bildungseinrichtungen, Jugendorganisationen oder paramilitärische Verbände unter die Lupe genommen.

Traba zeigt, wie mit dem Konzept ostpreußische Heimat eine bemerkenswerte regionale Kultur aufblühte – andererseits, wie die Heimatschutzbewegung für die Ziele der deutsch-nationalen, später auch der nationalsozialistischen Propaganda instrumentalisiert werden konnte.

Die Vertreter der großen polnischen sowie der kleineren litauischen Minderheit, aber auch die deutschen Kommunisten und viele einflussreiche Sozialdemokraten schenkten der Heimatschutzbewegung und dem Bedürfnis nach Identität und Zusammengehörigkeit mit dem übrigen Deutschland viel zu wenig Aufmerksamkeit.

Wer Trabas Buch liest, erfährt viel über das Kernproblem in dieser deutschen Grenzregion mit ihren nationalen Minderheiten: Der Nationalismus verhinderte zwischen 1914 und 1933 die Ausbildung eines multiethnischen Heimatgefühls – ein an vielen Orten Europas auch heute aktuelles Problem.

Besprochen von Martin Sander

Robert Traba: Ostpreußen – die Konstruktion einer deutschen Provinz. Eine Studie zur regionalen und nationalen Identität 1914-1933
Fibre Verlag, Osnabrück 2010
526 Seiten, 39,80 Euro

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