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Länderreport / Archiv | Beitrag vom 18.04.2018

Bodenversiegelung im RheingauImmer mehr Weinberge gehen verloren

Von Ludger Fittkau

Erntehelfer des Weinguts Schön lesen in den Weinbergen über Rüdesheim am Rhein die Spätburgundertrauben. (dpa / picture alliance / Arne Dedert)
Erntehelfer des Weinguts Schön lesen in den Weinbergen über Rüdesheim am Rhein die Spätburgundertrauben. (dpa / picture alliance / Arne Dedert)

Nicht nur neue Betriebsstätten der Winzer versiegeln zunehmend Freiflächen im reizvollen "Vorderen Rheingau" zwischen Wiesbaden und Rüdesheim. Auch Wohnsiedlungen, Gewerbeflächen, Einkaufszentren und Straßenerweiterungen fressen zuvor unbebautes Land.

"Man kann schön laufen hier, man ist schnell in Rüdesheim, oben auf dem Berg."

"Einer der schönsten Abschnitte am Rhein."

"Hier der Rhein, dann die Weingüter, die Winzer, der Gutsausschank, dann kann man hier sehr gut wandern gehen."

"Der Rhein hat natürlich eine Anziehungskraft hier und wir sind auf der Sonnenseite."

Idiris Öztürk nutzt wie viele andere Rheingau-Bewohner an einem Wochentag die Mittagspause zu einem Sonnenbad auf einer Parkbank am Rheinufer in Eltville. Öztürk, ein Mann um die 60, wurde noch in der Türkei geboren…

"… und lebe aber schon sehr lange Zeit hier im schönen Rheingau, wie alle es bestätigen können und fühle mich hier sehr wohl und arbeite hier in einer in Eltville ansässigen Maschinenbaufirma."

Idiris Öztürk ist mit Winzern befreundet, die vor allem mit dem Anbau des berühmten Rheingauer Rieslings hier das Landschaftsbild prägen. Er weiß deswegen sehr gut, wie umstritten es ist, dass mancher Weinbauer gerade in den letzten Jahren neue große Höfe mitten in bisher unbebaute Weinberge gesetzt hat, um die Verarbeitung und Vermarktung des Weines zu modernisieren:

"Das kenne ich aus eigener Erfahrung. Ein guter Bekannter von mir, der hat jetzt in seinen Weinbergen eine Vinothek eröffnet. Wenn man es passend in die Landschaft macht, habe ich eigentlich nichts dagegen. Man darf es natürlich nicht übertreiben."

Riesige Beton-Kellerei im Weinberg

Im Riesling-Anbaugebiet Sonnenberg oberhalb der Stadt hat es ein Winzer übertrieben, findet mancher in Eltville. Er hat ein nagelneues Weingut mit einer gut 20 Meter langen Beton-Kellerei samt Landmaschinenhalle mitten in den bisher unbebauten Weinberg gesetzt. Dabei hätte es doch die Möglichkeit gegeben, dass er sich mit anderen Winzern zusammentut und eine gemeinsame Maschinenhalle etwas versteckter neu errichtet. Das findet Hans-Josef Metzner, der ebenfalls auf einer Bank am Eltviller Rheinufer sitzt:

"Es war ja mal angestrebt, dass mal eine Riesenhalle gebaut wird für drei, vier, fünf Winzer. Und da hat der nicht mitgemacht und der nicht mitgemacht und da sind sie hingegangen und jeder hat sich seine eigene Halle gebaut und das ist das, was nicht gut ist. Sie hätten sich zusammentun müssen, das war ja geplant. So wie es in Martinsthal ist. Dort gibt es eine Riesenhalle, da sind glaube ich fünf oder sechs Winzer drin."

Doch nicht nur neue Betriebsstätten der Winzer versiegeln zunehmend Freiflächen im "Vorderen Rheingau" zwischen Wiesbaden im Süden und Rüdesheim im Norden. Insbesondere auch neue Wohnsiedlungen, Gewerbeflächen, Einkaufszentren und Straßenerweiterungen lassen landwirtschaftliche Flächen verschwinden.

Ludwig Zahn vom Eltviller Stadtbildverein, der sich für den Erhalt des Landschaftsbildes im Rheingau engagiert, erzählt einen makabren Witz. Dieser soll verdeutlichen, wie sehr der Rheingau gerade unter Flächenversiegelung und wachsendem Autoverkehr leidet.

Der Witz greift die tragische Geschichte der Karoline von Günderode auf, eine bekannte Romantikerin. Sie hatte ihrem Leben am 26. Juli 1806 im Rheingau-Ort Oestrich-Winkel am Ufer des Stroms ein Ende gesetzt. Ganz in der Nähe des Hauses ihrer Romantiker-Freunde Clemens von Brentano und Bettina von Arnim. Dort verläuft heute unmittelbar am Rheinufer die vielbefahrene Bundesstraße 42. Deswegen hätte Karoline wohl heutzutage kaum noch die Chance, ihrem Leben am Ufer selbst ein Ende zu setzten, so die Pointe des Witzes von Ludwig Zahn:

"Denn sie würde vorher, bei dem Versuch zum Rhein zu gelangen, auf der B 42 mit Sicherheit überfahren werden."

Das Problem mit den "Aussiedlerhöfen"

Dennoch loben die Aktivisten des Stadtbildvereins Eltville aktuell gerade die Lokalpolitiker von Oestrich-Winkel, wo sich vor 200 Jahren die Romantiker im Sommer gerne trafen. Denn im dortigen Lokalparlament kümmere man sich jetzt darum, dass nicht auch noch die Weinberge des geschichtsträchtigen Ortes durch ausufernde sogenannte "Aussiedlerhöfe" der Winzer zubetoniert werden. Denn die Winzer haben nun mal rechtlich ein altes Privileg, auf ihren Agrarflächen neue Betriebsstätten zu bauen, wenn sie diese für sinnvoll halten.

Renate Quermann, Vorsitzende des Stadtbildvereins Eltville berichtet jedoch von der aktuellen Resolution des Ortsparlamentes in Oestrich-Winkel, in der zur Vorsicht bei neuen Bauprojekten in den Weinbergen gemahnt wird:

"Es gibt einen Beschluss, der von der CDU und der FDP eingebracht worden ist, der aber einstimmig verabschiedet worden ist, in dem appelliert wird dass die Winzer, die aussiedeln möchten, mit der Landschaft behutsam umgehen sollen und sich der besonderen Verantwortung bewusst sein sollen, die aus ihrer Privilegierung erwächst. Und das sich diese Baumaßnahmen an der Kulturlandschaft des Rheingaus orientieren müssen. Und das Stadt und Winzer aufgefordert sind, einen Pool für Infrage kommende Grundstücke zu schaffe, um beabsichtige Aussiedlungsstandorte zu koordinieren."

Für den Stadtbildverein Eltville ist das ein wichtiger politischer Schritt – ebenso wie ein "runder Tisch", den nun der zuständige Landkreis zur drohenden Versiegelung des Rheingaus organisiert hat.

Doch auch in Oestrich-Winkel sind Pläne für neue Gewerbeflächen längst nicht vom Tisch. Renate Quermann drückt das Problem in nüchternen Zahlen aus:

"Wir können ja festhalten, dass der Rheingau ungefähr 3200 Hektar Weinbergsflächen hat und seit 1984 sind davon 160 Hektar Rebland für Wohn- und Gewerbeflächen freigegeben worden. Das sind fünf Prozent. Wir stehen jetzt am Anfang einer Entwicklung, die wir mit Besorgnis sehen, dass durch weitere Gewerbeflächen wie zum Beispiel in Oestrich-Winkel, das sind wieder fünf Hektar, die dazu genommen worden sind oder aber durch Aussiedlungsmaßnahmen in einer Dimension, die früher nicht zugängig war, dass dadurch der Rheingau noch mehr zerstört wird in seiner Kulturlandschaft."

Freier Blick zum Rhein? Nicht mehr selbstverständlich

Zurück am Rheinufer in Eltville. Die Region am Rande des Rhein-Main-Ballungsgebietes zieht auch zunehmend junge Menschen aus anderen Gebieten Deutschlands an. Auch deshalb, weil es hier zur Zeit reichlich Arbeits- und Ausbildungsplätze gibt. So ist Michele Kocks aus Düsseldorf für eine Ausbildung mit zusätzlichem dualem Studium an einer Rheingau-Hochschule in die Region gekommen. Auch sie verbringt ihre Mittagspause mit einer Kollegin ganz in der Nähe ihres Betriebes am sonnigen Ufer des Stroms. Michele Kocks schätzt es sehr, dass der Rheingau noch nicht so zugebaut ist wie die Region, aus der sie stammt:

"Es ist definitiv etwas mehr Natur da als in meiner Heimat. Weil ich komme aus Nordrhein-Westfalen, das ist sehr bebaut. Ich fühle mich her sehr frei."

Die freien Blicke auf den Rhein sowie in die Weinberge – sie sind jedoch längst nicht mehr selbstverständlich. So wurden im alten Rheingau-Ort Geisenheim bereits einige Hochhäuser gebaut. Idiris Öztürk macht das sehr nachdenklich:

"Ich mag selbst die Höhe, aber die Häuser in der Form, wie es in Geisenheim oder so ist, das passt nicht in die Landschaft. Das passt wirklich nicht in den Rheingau."

Statt Weinberge zu bebauen, plädiert Idiris Öztürk dafür, alte Industrie-Areale am Rheinufer zu nutzen, um darauf Wohnungen zu bauen. Sein Vorbild ist die Eltviller Elektrofabrik Jean Müller, die einen Teil ihres Werksgeländes für Wohnungsbau umgewidmet hat:

"Das war zum Beispiel eine gute Entscheidung, dass man in Eltville das alte Firmengelände von Jean Müller umgebaut hat zu einer Wohnsiedlung. Solche Sachen. Viele Möglichkeiten hat man aber auch nicht."

Landschaftsschutzgebiet soll den Ausverkauf stoppen

Karl Metzner aus dem fünf Kilometer von Eltville gelegenen Weinort Kiedrich befürchtet, dass die Orte am Rheinufer irgendwann ganz zusammenwachsen:

"Wenn das so weitergeht, dann ist einmal Kiedrich und Eltville eins."

Der Stadtbildverein Eltville plädiert deshalb vehement für die Einrichtung eines Landschaftsschutzgebietes im gesamten "Vorderen Rheingau". Damit könnte dem Ausverkauf der Flächen insbesondere entlang der Uferlinie des Stroms ein Riegel vorgeschoben werden, hoffen die Vereinsmitglieder.

Sie planen noch in diesem Jahr eine große Konferenz, in der auch überregional auf die Entwicklung im Rheingau aufmerksam gemacht werden soll. Vereinsvorsitzende Renate Quermann erhofft sich insbesondere Hilfe vom Regierungspräsidium in Darmstadt, das als Aufsichtsbehörde für die Kulturlandschaft im Rheingau eine große Verantwortung trage. Die von einer Politikerin der Grünen geführte Behörde könnte sich stärker als bisher um den Rheingau kümmern, glaubt Renate Quermann:

"Wir vom Stadtbildverein hätten den Wunsch, dass nicht nur die Politiker hier in der Region, sondern zum Beispiel auch das Regierungspräsidium in Darmstadt mal wieder mit der Kulturlandschaft des Rheingaus beschäftigt und eine Sensibilität dafür erfährt, dass ein Landschaftsschutzgebiet für den Rheingau ein ganz wichtiges Instrument ist."

Denn die Schönheit des Rheingaus mit seinen noch offenen Landschaften ist etwas ganz besonderes – das bekräftigen noch einmal diejenigen, die in Eltville am Ufer des Stroms ihre Mittagspause verbringen:

"Auch wenn ich schon 30, 40 Jahre hier lebe, finde ich das immer wieder überwältigend schön."

"Das ist einfach toll hier, ich finde auch, dass es einer der schönsten Flecke ist."

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