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Profil / Archiv | Beitrag vom 21.03.2007

Bluten für die Kunst

Rik Reinking sammelt Kunst aus Idealismus

Von Hartwig Tegeler

Reinking lehnt Kunst als Geldanlage ab. Einer Auktion wie hier bei Christies in London würde er nicht beiwohnen. (AP)
Reinking lehnt Kunst als Geldanlage ab. Einer Auktion wie hier bei Christies in London würde er nicht beiwohnen. (AP)

Rik Reinking kann Kunstsammler nicht leiden, die Kunstwerke als Geldanlage sammeln. Er will mehr als nur einen Scheck ausfüllen. Und deshalb ist er auch ohne Weiteres bereit, sich eine blutige Nase zu holen für die Kunst - und zwar im buchstäblichen Sinne.

"Wenn wir an einen Sammler denken, komischerweise, einen Kunststammler denken, haben wir Humidor vor uns. Dann haben wir einen guten teuren, schweren Rotwein vor uns und ein fettes Ledersofa und im besten Fall ein gutes Dutzend Bilder im Goldrahmen, die über dem Sofa hängen, und für jedes könnte man sich mindestens die halbe Welt kaufen."

Wegen des multimillionenschweren Erbes im Nacken.

Ein Treffen mit dem jungen Hamburger Kunstsammler Rik Reinking, in der Presse gehandelt als "Jungstar der Szene", als "Phänomen", "enfant terrible"...

"Echt? Ich bin doch überhaupt nicht ´terrible´."

Ein Treffen also mit Rik Reinking findet erwartungsgemäß nicht auf dem Ledersofa statt. Und die Luft ist nicht geschwängert vom Tabakrauch. Denn da Rik Reinking viel – zu viel, wie er meint – unterwegs ist, hat er auch kaum Zeit für Walker, seinen achtjährigen Weimaraner. Mindestens zwei Fliegen mit einer Klappe zu schlagen heißt somit, den Hunde-Spaziergang im Hamburger Stadtpark zu verbinden mit dem Interview über Kunst, Kunstsammeln, den Kunstbetrieb und den "Raum Natur" als Alternative zur klassischen Galerie:

"Ich habe ja im letzten Jahr in Hamburg in der City Nord den Skulpturenpark gemacht oder realisiert. Das war eine Möglichkeit, 30 internationale Künstler einzuladen, die vor Ort gearbeitet haben, und die Skulpturen für den öffentlichen Raum geschaffen haben. Es geht auch tatsächlich zusammen, und es geht auch, dass man ein Vernissage-Publikum in die Natur bringt. Und es gibt ja auch viele Künstler, die sich mit Natur beschäftigen."

Gelassen nimmt Walker am Rand der Parkwege jede Witterung auf, die zu lesen ist, und schaut den Hundedamen nach. Rik Reinking grinst seinen Kumpel an, gewährt gelassen Schnupperpausen. Wo waren wir stehen geblieben?

Ach ja, das Publikum, die Vernissage. Nein, nicht noch mal die ausgeleierte Story, wie der geborene Oldenburger mit 16 per Ratenzahlung sein erstes Gemälde – ein Horst-Janssen-Selbstbildnis - erwarb. Die Story steht überall, immer wieder, aber sie ist nun mal an die 15 Jahre her.

Wie viele Werke er jetzt habe? Falsche Frage. Walker hat inzwischen eine Kurzzeitbekanntschaft geschlossen. Hübsches Hundemädel.

Neuer Versuch: Wie viele Künstler er, der selber nicht vermögend ist, wie viele Künstler hat Rik Reinking jetzt in seiner Sammlung vertreten? Richtige Frage, aber Zahlen interessierten ihn nicht. Inhalte mehr. Und Grundsätzliches über Kunst, Kunstmarkt, Kunsthändler und den Typus des Sammlers.

"Ich hab das mal irgendwann für mich eingeteilt in die Sammler, die sich selber als Plattform verstehen für junge Kunst, auch als Versuchsfeld. Und die Sammler, die die Kunst brauchen, um sich selber zu sockeln. Sprich: Kunst benutzen, um sich auf ein Treppchen zu stellen und zu zeigen, ich kann mir was leisten, was ihr nicht könnt. Und von denen möchte ich mich einfach distanzieren, das interessiert mich nicht wirklich."

Rik Reinking sagt, ihn interessiere nicht, ob ein Kunstwerk mehr Wert bekomme. Die Qualität der Arbeit zähle für ihn. Nichts anderes. Kunst als Kapitalanlage...

"Es gibt leider Gottes Sammler, die – das musste ich auch lernen - genau aus dem Grund sammeln."

Solche kritischen Anmerkungen machen Rik Reinking natürlich zu einer öffentlichkeitswirksamen, sprich: gehassten und geliebten Figur auf dem Kunstmarkt, diesem Zirkus der Selbstverliebtheiten.

"Dass man das Zirkus nennen kann, ich glaube, das kann mir keiner absprechen, das ist wirklich Tatsache."

Und wenn das ganze Gehabe ihm über den Kopf zu wachsen droht, wenn er von dieser Szene der Reichen, Eitlen und Überheblichen die Nase gestrichen voll habe, nun, dann sei bisher immer wieder einer dieser Anderen aufgetaucht, der Kunst liebt, ein Sammler, ein Galerist mit Idealismus, mit dem Rik Reinking seine Projekte realisieren kann, mit dem er, ja...

"... Energien freisetzen kann"."

Der junge Kunstsammler verrät kein Geheimnis, wenn er von den Gebaren des Marktes erzählt: Sammler kaufen nicht ein, sondern fünf Werke eines Künstlers; diese Stücke verschwinden in irgendwelchen Lagern und tauchen nach Jahren "farbfrisch" auf Auktionen auf und bringen Rekordpreise. Reinking versteht sich als Gegenentwurf:

""Im Endeffekt geht es einfach aufzuzeigen, wie ein System funktioniert."

Und: Den Juristen und Kunsthistoriker interessiert, Kunst auf andere Weise zu rezipieren, zu konsumieren.

"Mich interessiert die Qualität der Arbeit."

Dieses Gegen-den-Hauptstrom-Schwimmen ist eine Provokation. Eine vom Publikum geliebte natürlich. Wenn jetzt die "art Karslruhe" eröffnet, haben wir ihn also wieder? Den wohl kalkulierten Kunstskandal? Denn Rik Reinking wird in einer Sonderschau unter anderem "Bloody Nose" ausstellen oder besser: ausführen.

"Bloody Nose" ist ein Werk bzw. eine Idee, die er vom Künstler Johannes Wald gekauft hat. Eine minimalistische Wandarbeit. Zu sehen sein wird eine feine rote Linie auf einer Wand, ungefähr in einer Höhe von 1,70 Meter, die einfach runter laufen wird.

"Hoffentlich! Das weiß ich selber nicht, wie weit sie laufen wird."

Allerdings ist das keine Farbe, sondern Blut; und zwar das von Rik Reinking, der sich selber auf die Nase haut. Nicht der Künstler zeigt sich hier als Opfer, sondern der erwartet von dem Käufer dieser Arbeit, dass er das Kunstwerk ausführt. Und das soll ihn sein Blut kosten. Auch wenn "Bloody Nose" schon vorab eine dramatische Presse beschert wurde, Rik Reinking wird sich nicht, wie gemeldet, vor Publikum selbst verprügeln.

"Nein, das ist totaler Quatsch."

Kein "Fight Club" in Karlsruhe also! Reinking führt den Schlag auf die Nase vor der Eröffnung aus und ist dann nicht mehr anwesend. Kritik am Kunstbetrieb – das ist das Ziel dieser Arbeit.

"Auch wenn wir uns auf einem Marktplatz befinden, sich Kunst auch anders konsumieren lässt. Nämlich über Inhalt und Auseinandersetzung mit dem Werk."

Rik Reinking will mehr als nur einen Scheck ausfüllen.

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