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Tonart | Beitrag vom 24.05.2018

Blumfeld auf Comeback-TourNicht mehr die "Münchner Freiheit für Intellektuelle"

Roderich Fabian im Gespräch mit Mascha Drost

Der Sänger und Gitarrist Jochen Distelmeyer bei einem Auftritt im Berliner Astra Club im Jahr 2014. Er gestikuliert mit einer Hand. Im Hintergrund fahrige Lichter. (imago stock&people)
Blumfeld live - hier in einer Aufnahme von 2014. (imago stock&people)

Nachdem sich das Trio Blumfeld 2007 aufgelöst hatte, startete Frontmann Jochen Diestelmeyer eine Solo-Karriere und versuchte sich als Romanautor. Jetzt sind Blumfeld zurück und haben in München ihre Comeback-Tour gestartet.

Mascha Drost: Das Motto der Tournee ist ja "Love Riots Revue". Darf man sich Blumfeld immer noch als Grenzgänger zwischen Liebe und Aufstand vorstellen?

Roderich Fabian: Was die Liebe angeht - auf jeden Fall. Sänger Jochen Distelmeyer sagte gestern zwischen zwei Songs zum Publikum "Ihr seid süß - ich aber auch". Und irgendwie stimmte das auch: Distelmeyer war sichtlich gut drauf - fast ein bisschen albern. Er freut sich wohl, dass Blumfeld wieder auf Tour sind.

Mascha Drost: Ist es wieder das gleiche Trio wie in den Anfangszeiten?

Roderich Fabian: Ja, Eike Bohlen am Bass und André Rattay am Schlagzeug, aber zur Sicherheit hatten Blumfeld noch zwei weitere Gitarristen auf der Bühne, die Distelmeyer erlaubt haben, sich mehr auf den Gesang zu konzentrieren. Die beiden blieben immer so ein bisschen im Hintergrund, waren sozusagen die sound-technische Absicherung.

Neues Album geplant

Mascha Drost: Und wie kann man sich das Programm der Band vorstellen? Ist das ein reiner Oldie-Abend?

Roderich Fabian: Nicht nur, es gab auch ein paar neue Stücke. Die Band will ja ein neues Album aufnehmen, aber der Löwenanteil bestand natürlich aus alten Blumfeld-Songs aus diversen Alben. "Verstärker" war dabei aus dem Klassiker "L‘ Etat et moi", dann einige Songs aus dem Album "Testament der Angst", "Die Dikatur der Angepassten"  und "Eintragung ins Nichts".

Und dann auch die - kann man fast sagen - klassischen Balladen wie "Old Nobody" und natürlich "Tausen Tränen tief". Und auch ein paar Songs aus Jochen Distelmeyers Solo-Oeuvre waren dabei, "Einfach so" z.B., mit dem das Konzert auch eröffnet wurde.

Rocker und lyrischer Songwriter

Mascha Drost: Spielen Blumfeld die alten Songs dann originalgetreu oder variieren sie sie?

Roderich Fabian: Wie das bei solchen Reunion-Touren meistens so ist, bleiben sie nah an den Originalen. Blumfeld waren ja nie eine Band, die man für ihre Improvisationen kennt. Sie liefern dem Publikum dann schon das, was es erwarten kann. Verzichtet haben sie auf auf Klassiker wie "So lebe ich", aber auch auf Peinlichkeiten wie den "Apfelmann", der ja eher ein Kinderlied war. Es war deutlich der Wille zu spüren, wieder weg zu kommen vom Image der "Münchner Freiheit für Intellektuelle", als die sie in den Nuller Jahren ja mal gefeiert wurden. Damals hat Distelmeyer ja versucht, sich weg zu bewegen vom Rocker und hin zum lyrischen Songwriter - jetzt sind eigentlich beide Positionen vertreten.

Schwung der frühen Jahre fehlt

Mascha Drost: Kann man sagen, dass Blumfeld zurück sind, so, als seien sie nie weg gewesen?

Roderich Fabian: Nicht unbedingt, man merkt der Band schon an, dass die Mitglieder jenseits der 50 sind. Es fehlt ein bisschen der Schwung der frühen Jahre. Man hat sich die Songs nach zehn Jahren Pause wieder draufschaffen müssen. Manches sitzt auch noch nicht so richtig, da waren einige falsche Töne dabei, vor allem bei den Balladen. Da kann man nur hoffen, dass sie im Verlauf der Tournee sicherer werden. Aber die Leute sind sowieso mehr auf die rockigen Songs abgefahren, auf Sachen wie "Wohin mit dem Hass", das birgt dann mehr Identifikationspotential. Insofern sind sie immer noch das "Sprachrohr ihrer Generation", nur, dass die halt älter geworden ist.

Ein nostalgischer Abend

Mascha Drost: Und das Publikum? In der Mehrheit alte Fans?

Roderich Fabian: Natürlich waren unter den knapp 600 Leuten gestern in München in erster Linie Leute, die mit der Band älter geworden sind. Es hatte schon etwas von einer Nostalgie-Veranstaltung. Viele haben die bekannteren Titel mitgesungen. Aber diese Mischung aus Agitation und Poesie, für die die Songs von Jochen Distelmeyer immer gestanden haben, die wirkt noch immer. Es ist halt nicht mehr so, dass Blumfeld jetzt noch so wirken, als könnten sie die Welt verändern. Das müssen sie - glaube ich - jüngeren Musiker überlassen. Hier ging es schon mehr um Traditionspflege als um Fortschritt, aber so ist das nun mal bei Bands, die sich nach langer Pause wieder auf die Bühne stellen.

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