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Tonart | Beitrag vom 27.07.2020

Bluessänger Seasick SteveDer Spätberühmte

Von Mathias Mauersberger

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Der US-amerikanische Bluessänger Steve Wold alias Seasick Steve bei einem Konzert im Kesselhaus in Berlin. Sein Markenzeichen ist der lange, weiße Bart. (picture alliance / POP-EYE / Christian Behring)
Markenzeichen: Rauschebart und selbstentworfene Musikinstrumente. Seasick Steve startete als Bluessänger erst spät durch. (picture alliance / POP-EYE / Christian Behring)

"Forever Young" heißen gleich mehrere Popsongs. Auch bezogen auf etliche Musiker scheint das zutreffend: Der Bluessänger Seasick Steve gehört zu jenen, die ihre Karriere erst mit über 50 Jahren starteten. Auch mit knapp 70 hört er sich immer noch frisch an.

Als Seasick Steve am 31. Dezember 2006 in der Silvester-Show des britischen Moderators Jools Holland auftritt, kennt kaum einer den Mann aus Kalifornien. Mit seinem langen weißen Bart, dem Holzfällerhemd und der Baseball-Mütze auf dem Kopf wirkt der ältere Herr neben Amy Winehouse oder Lilly Allen fast deplatziert.

Er spielt auf einer Gitarre mit nur drei Saiten, stampft den Takt mit dem Fuß mit. Und begeistert das Publikum, wie er sich im Interview mit der BBC erinnert: "Ich wusste noch nicht einmal, wer Jools Holland überhaupt ist. Von meinem Sohn hatte ich mir einen kleinen Verstärker geliehen, der in diesem riesigen Fernseh-Studio aber furchtbar klang. Ich konnte mich beim Singen kaum selber hören. Also fing ich an, mitten im Song einfach schneller zu spielen, um es hinter mich zu bringen. Aber dann gingen die Scheinwerfer an, und alle klatschten."

Lange dabei – lange im Hintergrund

Sein Fernseh-Auftritt macht Seasick Steve in Großbritannien bekannt: 2007 steht er auf mehr Festivalbühnen, als jeder andere Künstler, jede andere Künstlerin. Er wird für einen BRIT Award nominiert, den Preis der britischen Schallplattenindustrie. Dabei ist Steven Gene Wold schon seit den späten 1960er-Jahren musikalisch aktiv, wenn auch oft notgedrungen nebenberuflich.

"Ich habe fünf mittlerweile erwachsene Jungs", erzählt er. "Die meiste Zeit versuchte ich also, meine Kinder großzuziehen. Ich hatte kaum Zeit, um Musik zu machen. Dann hatte ich einen Herzinfarkt und wurde sehr, sehr krank. Für meine Frau nahm ich in unserer Küche ein Album auf, schickte es einem Freund in England, und der gab es – eher beiläufig – weiter an den Produzenten einer Band, die bei Jools Holland auftrat", erzählte Seasick Steve im Interview mit dem Schweizer Rundfunk.

Hobo, Landstreicher, Bettler

Neben den rohen, bluesigen Songs ist es wohl auch die ehrliche und authentische Attitüde, die beim Publikum ankommt. Seasick Steve erzählt aus einem langen, bewegten Dasein: "Mein ganzes Leben lang wohnte ich in der Hundehütte", singt er im Song "Doghouse". 1951 geboren, wächst er in zerrütteten Familienverhältnissen auf. Die Eltern lassen sich früh scheiden, mit 13 haut Steven von Zuhause ab, reist herum, lebt ohne festen Wohnsitz.

"Ich war nie gut in der Schule", erinnert er sich. "Aber ich wurde gut darin, durch die Gegend zu ziehen. Ich wurde ein professioneller Herumtreiber. Ein "Hobo" ist jemand, der umherreist und nach Arbeit sucht. Ein Landstreicher ist einer, der reist, aber nicht arbeiten will. Und ein Bettler reist nicht und arbeitet nicht. Ich war schon alles drei."

Trotz langer Phasen, in denen Wold kaum Musik macht: Sein Können kommt nicht aus dem Nichts. Ende der 60er-Jahre spielte er in der Band von Bluesmusiker Lightnin’ Hopkins. Er war Bassist von Shanti, einer indischen Rockband. Lebte als Straßenmusiker in Paris. In Seattle betrieb er ein eigenes Tonstudio. Und er spielt auf selbstgebauten Instrumenten. Einer Art Markenzeichen des außergewöhnlich kreativen Musikers.

"Das 'Diddley Bo' ist ein Holzstück, auf das eine einzelne Gitarrensaite genagelt ist", erläutert Wold. "Dann habe ich zwei Gitarren, die aus den Kappen von Autorädern gemacht sind. Als Hals dienen ein Besenstiel und ein Gartenschlauch. Zwei meiner Gitarren sind aus Zigarrenboxen gefertigt. Und die Gitarre, die ich bei Jools Holland gespielt habe, hat nur drei Saiten."

Später Erfolg lehrt Demut und Dankbarkeit

Talent, Patina und ein eigener Stil – diese Faktoren scheinen Seasick Steves Erfolg begünstigt zu haben. Der 69-Jährige erzählt in seinen Songs aus seinen Tagen als "Hobo", als Wanderarbeiter. Und wandert heute – Musik sei Dank – nur noch von Bühne zu Bühne. Mittlerweile kann Seasick Steve von der Musik leben, seine Alben schaffen es regelmäßig in die europäischen Charts.

Aber gerade der späte Erfolg habe Seasick Steve auch Demut und Dankbarkeit gelehrt, wie er betont: "Ich werde keine einzige Minute meiner Zeit mehr verschwenden. Wenn ich heute mit jungen Bands spreche, sage ich ihnen immer: Nehmt den Erfolg nicht als gegeben hin. Vielleicht müsst ihr nächstes Jahr wieder bei McDonald’s arbeiten! Gebt euch jetzt Mühe! Gerade jüngere MusikerInnen denken oft, sie würden dem Publikum durch ihren Auftritt einen Gefallen tun. Aber ich weiß: Das Publikum ist mein Boss, und ich bin für die ZuschauerInnen da. Ich werde jedes Mal mein Bestes geben."

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