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Ortszeit / Archiv | Beitrag vom 25.01.2014

Blockade von LeningradEin Topf voll Wasser mit einem Löffel Zutaten

Das Ehepaar Krylenkow überlebte die Belagerung vor 70 Jahren

Von Gesine Dornblüth

Verletzte Kinder im Kinderkrankenhaus von Leningrad während der Blockade, 9.2.1943 (AP)
Verletzte Kinder im Kinderkrankenhaus von Leningrad während der Blockade. Für keinen gab es genug zu essen. (AP)

Galina und Alexander Krylenkow hatten nur verfaulte Lebensmittelreste und Wasser. 872 Tage lang harrten sie in Leningrad aus, das von der Wehrmacht belagert wurde. Sie überlebten - aber nur knapp.

Galina Krylenkowa wirkt mit ihren kurzen blonden Haaren und dem T-Shirt mit aufgedruckten Schmetterlingen nahezu jugendlich, dabei ist sie schon über 90. Ihr Mann Alexander ist zwei Jahre älter und kann nur noch mit Mühe gehen. Den Sommer verbringen die beiden auf ihrer Datscha in der Nähe von St. Petersburg. Sie setzen sich eng nebeneinander auf ihre Couch. Sie hält den Unterarm ihres Mannes.

Als die Wehrmacht die Sowjetunion überfiel, studierten die beiden im damaligen Leningrad Meereskartografie. Die deutschen Truppen drangen nahezu ungehindert nach Osten vor. Die sowjetischen Behörden begannen, Teile der Zivilbevölkerung Leningrads zu evakuieren. Galina und Alexander blieben - und heirateten. Im August 1941:

"Die Evakuierungen hatten schon begonnen. Mein Vater fuhr mit der ganzen Familie aus der Stadt. Ich durfte nur bleiben, weil ich gesagt hatte, dass ich heirate."

"Der Standesbeamte, der uns vermählt hat, sagte..."

"Was tut ihr nur? Er wird doch einberufen. Sie werden ihn umbringen. Aber wir waren verliebt."

"Wir haben das alles erst auch gar nicht begriffen. Wir alle dachten, wenn wir kämpfen, dann höchstens drei, vier Monate. Dann siegen wir, und alles wird gut."

Es kam anders. Die Deutschen zogen einen Ring um Leningrad. Am 8. September 1941 schlossen sie die Millionenstadt komplett ein. Ziel war, die Bevölkerung auszuhungern. Im November wurden die Lebensmittel knapp. Das junge Paar hatte eine Bekannte, die in der Landwirtschaft arbeitete. Sie gab ihnen ab und zu Gemüseabfälle, die waren halb verwest:

"Und im Buffet waren noch ein paar Lebensmittel von meiner Mutter. Wir hatten einen großen Topf, darin haben wir Wasser gekocht und täglich einen Löffel von den Vorräten hineingetan. Es war so wenig zu essen. Trotzdem haben wir nie die Beherrschung verloren und uns mit dem vollgestopft, was dem anderen zustand."

Ende Dezember wurde Alexander Krylenkow so schwach, dass er nicht mehr aufstehen konnte. Zum Hunger kam die Kälte. Die Straßen waren wie ausgestorben. In den Häuserschluchten standen Straßenbahnen und Oberleitungsbusse. Sie hatten keinen Strom mehr, denn der Stadt waren die Kohlevorräte ausgegangen. Es gab kein Licht und kein Wasser. Und die Deutschen beschossen Leningrad:

"Wir wohnten am Fluss, an der Newa. Dort lagen Schiffe. Die wurden beschossen. Wir mussten Wasser vom Fluss holen. Das war schrecklich. Bomben machen solche Angst. Und die Granaten. Wie sie heulen. Als würden sie auf dich zielen."

Schließlich hatte auch Galina Krylenkowa keine Kraft mehr, um Wasser zu holen. Aber sie und ihr Mann hielten durch bis Ende Januar. Da brachte die Rote Armee Lebensmittel über den zugefrorenen Ladogasee in die Stadt. Jeden Tag waren 1.500 LKW auf der Eisstraße im Einsatz. Viele Zivilisten wurden über diese "Straße des Lebens" evakuiert. Auch Alexander Krylenkow und seine Frau. Der einst so kräftige Student wog da noch 35 Kilo.

Die Blockade endete zwei Jahre später, am 27. Januar 1944.

Alexander Krylenkow hatte vier Brüder und eine Schwester. Er war der jüngste. Seine gesamte Familie kam im Krieg ums Leben. Die Geschwister starben an der Front. Die Eltern sind in Leningrad verhungert:

"Sie haben nicht mal ein Grab bekommen. Sie wurden in Laken gewickelt, auf dem Schlitten ins Krankenhaus gebracht und dort auf einen Haufen geworfen."

"Wir haben damals gedacht, dass es nichts Schlimmeres auf der Welt gibt als Deutsche."

"Ich persönlich verspüre jetzt keinen Hass auf die Deutschen. Das ist erstaunlich, aber eine Tatsache: Wir sind bereit, mit den Deutschen in Freundschaft zu leben."

"Weil sie um Verzeihung gebeten haben."

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