Seit 01:05 Uhr Tonart
Mittwoch, 14.04.2021
 
Seit 01:05 Uhr Tonart

Interview | Beitrag vom 24.02.2021

BlasphemieDie Macht der Schmähung

Gerd Schwerhoff im Gespräch mit Ute Welty

Beitrag hören Podcast abonnieren
Dicht gedrängt stehen Menschen in Pakistan bei einer Straßendemonstration. In der ersten Reihe schlagen Flammen hoch, weil die Protestierenden Plakate verbrennen. (imago images / Pacific Press Agency / Rana Sajid Hussain)
Mohammed-Karikaturen als Stein des Anstoßes: In Pakistan protestierten auch im vergangenen Jahr wieder Tausende Muslime. (imago images / Pacific Press Agency / Rana Sajid Hussain)

Das Phänomen Blasphemie ist auch im 21. Jahrhundert noch immer "überraschend lebendig", sagt der Historiker Gerd Schwerhoff. Das gelte nicht nur für den Islam, auch in der christlichen Kultur habe Gotteslästerung nach wie vor "Aufregerpotenzial".

Wer hätte vor wenigen Jahrzehnten gedacht, dass es im 21. Jahrhundert Menschen geben würde, die zu Hunderttausenden auf der Straße protestieren, Fahnen verbrennen oder gar bereit sind, bei Attentaten oder in heiligen Kriegen zu töten, weil ihrem Empfinden zufolge ihre Religion, ihr Gott beleidigt wurde?

Blasphemie sei "überraschend lebendig", konstatiert der Historiker Gerd Schwerhoff: "Denken Sie an die Attentate rund um Charlie Hebdo oder an die Mohammed-Karikaturen und die weltweite Mobilisierung dagegen", so der Professor für die Geschichte der Frühen Neuzeit an der TU Dresden.

Abonnieren Sie unseren Kulturnewsletter Weekender. Die wichtigsten Kulturdebatten und Empfehlungen der Woche. Ab jetzt immer freitags per Mail. (@ Deutschlandradio)

"Selbst innerhalb der christlichen Kultur hat Blasphemie immer noch ein gewisses Aufregerpotenzial", konstatiert Schwerhoff. In seinem neuen Buch "Verfluchte Götter" zeichnet er die Geschichte der Blasphemie nach und zeigt die Gründe dafür auf, warum Gotteslästerung gestern wie heute die Gemüter erregt.

Eine entscheidende Ursache sieht er im Monotheismus mit seinem – zugespitzt ausgedrückt – "Wahrheitsfanatismus": "Das liegt an der unbedingten Treueverpflichtung, die der alttestamentliche Gott seinem Volk Israel und in der Folge auch den christlichen und muslimischen Gemeinschaften auferlegt. Diese führt dazu, dass alle anderen und alles andere Heilige nicht mehr akzeptiert werden kann."

Nicht nur Instrument zur Herrschaftssicherung

Komplementär geselle sich zur Schmähung der anderen Religion dann die "Empfindlichkeit gegenüber der Schmähung des eigenen Heiligen, des eigenen Gottes" hinzu. Heute trete Blasphemie beziehungsweise sein Verbot oft im Kontext von Herrschaftssicherung auf, etwa in Ländern, in denen der Islam Staatsreligion sei, sagt Schwerhoff.

Der Geschichtswissenschaftler warnt zugleich aber davor, das Phänomen nur als von oben gesteuert zu begreifen: "Es mobilisiert immer tief sitzende Gefühle von religiösen Gemeinschaften."

(uko)

Gerd Schwerhoff: Verfluchte Götter. Die Geschichte der Blasphemie
Verlag S. Fischer, Frankfurt / Main 2021
528 Seiten, 29 Euro

App: Dlf Audiothek

Die neue Dlf Audiothek App ist ab sofort in den Appstores von Apple und Google zum kostenlosen Download erhältlich (Deutschlandradio)

Entdecken Sie mit der Dlf Audiothek die Vielfalt unserer drei Programme, abonnieren Sie Ihre Lieblingssendungen, wählen Sie aus Themenkanälen und machen daraus Ihr eigenes Radioprogramm.


Jetzt kostenlos herunterladen

Interview

weitere Beiträge

Entdecken Sie Deutschlandfunk Kultur