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Konzert / Archiv | Beitrag vom 02.02.2020

Blasorchester der Niederländischen MarineBlech in Oranje

Moderation: Volker Michael

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Der Komponist George Gershwin beim Arbeiten am Klavier ca. 1930 (imago images / ZUMA Press)
War in Amsterdam in Form seiner Pianola-Aufnahmen anwesend: Der Komponist und Pianist George Gershwin (imago images / ZUMA Press)

Sehr speziell ist dieses Matineekonzert im Amsterdamer Concertgebouw. Dort spielt die Kapelle der Kgl. Niederländischen Marine in einem amerikanisch-sowjetischen Programm, darunter Gershwins "Rhapsody in Blue" mit ihm selbst als Pianola-Solisten.

Seine Eltern waren aus Russland nach Nordamerika eingewandert: George Gershwins Musik passt also durchaus in einen russisch-sowjetischen Zusammenhang. In ihrer Faszination für militärische Lösungen ähneln sich die beiden Großreiche der nördlichen Hemisphäre genauso wie im Gefühl einer unendlichen Weite ihrer Landschaften.

Wenig Platz und viel Musik

Ganz anders ist das räumliche Lebensgefühl in den Niederlanden, wo der wenige Platz auch noch von den Nordseefluten bedroht wird. Das Mittagskonzert am letzten Januarsonntag des Jahres 2020 im Amsterdamer Concertgebouw spielte das Blasorchester der Königlich Niederländischen Marine unter Leitung seines Chefdirigenten Arjan Tien. Letzterer ist ausgebildeter Bratscher und Dirigent und bekleidet den Rang eines Majors, wenn er nicht zivile Orchester in den Niederlanden, Deutschland, Südafrika oder andernorts leitet.

Der Dirigent Arjan Tien bei der Premiere des Konzerts "Klassik macht Ah!" im Großen Sendesaal des WDR Köln im März 2016  (imago images / Future Image)Auch einmal in Zivil als Dirigent tätig, Major Arjan Tien, Leiter der Kgl. Niederländischen Marinekapelle (imago images / Future Image)

Unbedingt ins Programm eines Marineblasorchesterkonzerts gehört ein Stück von Nikolaj Rimsky-Korsakow. Der russische Nationalromantiker war selbst Marineoffizier und hat in jüngeren Jahren oft Ensembles dieser Truppeneinheit geleitet. Auch hat er drei Solokonzerte für Blasorchester und ein einzelnes Instrument der Gruppe geschrieben. Der Soloklarinettist des Concertgebouworkest, Olivier Patey, spielt zur Freude seiner Kolleginnen und Kollegen und des Publikums das selten zu hörende, äußerst reizvolle Konzertstück Es-Dur von Rimsky-Korsakow.

Das Blasorchester der Königlich Niederländischen Marine im Amsterdamer Concertgebouw (Joyce Rutjes/Concertgebouw)Das Blasorchester der Königlich Niederländischen Marine im Amsterdamer Concertgebouw (Joyce Rutjes/Concertgebouw)

Sowjetische Gebrauchsmusik komponierten alle russischen Künstler der Epoche, egal welches Verhältnis sie zum Regime und der offiziellen Kulturpolitik pflegten. Der Romantiker Reinhold Glière hatte keine Probleme, positive und folkloristisch gefärbte Werke zu komponieren. Folglich beteiligte er sich auch an den Feierlichkeiten zum 20. Jahrestag der Oktoberrevolution, zwei Jahre vor Beginn des Zweiten Weltkrieges und des sowjetisch-deutschen Überfalls auf die mittelosteuropäischen Staaten. Sergej Prokofjew war mit seiner beinahe futuristisch anmutenden Kantate zum selben Anlass durchgefallen. Während des Krieges dann schrieb er einen kurzen Marsch für Blasorchester zur Feier des 1. Mai, des Tages der Arbeit.

Klassenkampftanz

Sollte in diesem Werk Ironie versteckt gewesen sein, Kritik an Personenkult oder Militarismus, so war sie homöopathisch dosiert und diskret, ebenso wie in Dmitrij Schostakowitschs Marsch der Sowjetischen Miliz aus dem Jahr 1970. Für ein Blasorchester arrangiert hat Matthew Hindson "El Salón Mexico" von Aaron Copland. Diese Musik führt weit weg vom militärischen Marschrhythmus hin zu eleganten Latino-Liedern und -Tänzen, der der New Yorker Komponist mit einer kleinen Portion Sozialkritik angereichert hat. Selbst aus einfachsten Verhältnissen stammend (wie Gershwin aus einer ursprünglich osteuropäisch-jüdischen Familie), spielt Copland mit der Klassenteilung in dem Tanzsalon in Mexico City, den er selbst besucht hatte. Dort gab es einen Saal für Reiche, einen für die Mittelklasse und einen für die Armen. In der Sowjetunion hätte es so etwas nie gegeben!

Royal Concertgebouw Amsterdam
Aufzeichnung vom 26. Januar 2020

Reinhold Glière
Fest-Ouvertüre zum 20. Jahrestag der Oktoberrevolution op. 72

Nikolaj Rimskij-Korsakow
Konzertstück für Klarinette und Blasorchester Es-Dur

Sergej Prokofjew
Marsch für Blasorchester B-Dur op. 99

John Adams
"Short Ride in a Fast Machine"

George Gershwin
"Rhapsody in Blue"

Aaron Copland
"El Salón México"

Dmitrij Schostakowitsch
Marsch der sowjetischen Miliz für Blasorchester op. 139

Olivier Patey, Klarinette
Jan Bouman, Pianola
Blasorchester der Königlich Niederländischen Marine
Leitung: Arjan Tien

im Anschluss:

Ram Da-Oz
Divertimento für Blechbläserquartett

Paul Ben-Haim
Drei Lieder ohne Worte für Saxophon und Klavier

Hanoch Jacobi
Fünf Stücke aus den Jüdisch-orientalischen Volksmelodien für Blechbläserquintett
Quintett für Holzbläser

Shabtai Petrushka
Chassidischer Tanz
Jüdischer Tanz von der Krim

Blechbläserquintett des DSO Berlin
Polyphonia Ensemble Berlin
Claudia Tesorino, Alt-Saxophon
Holger Groschopp, Klavier

Produktion Deutschlandfunk Kultur 2015

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