Bitte mehr Atom

Block zwei des ungarischen Atomkraftwerks Paks nach dem Störfall 2003. © picture alliance / dpa / MTI Tibor Illyes
Von Keno Verseck · 15.10.2013
Die Mehrheit der Ungarn befürwortet die Atomenergie - obwohl es im einzigen Kraftwerk in Paks bereits einen ernsthaften Störfall gab. Einhellig setzt Ungarn auf den Ausbau der Atomkraft. Doch Umweltaktivisten fordern ein Umdenken.
Paks, eine Kleinstadt in Zentralungarn, schön gelegen an der Donau, 20.000 Einwohner. Am Ortsrand wohnt in einem großen Haus die Familie Bordács. Auf dem Grundstück steht eine überdachte Terrasse, dort spielen die Eltern József und Mónika mit ihrer Tochter Tischtennis. Es geht fröhlich und entspannt zu an diesem sonnigen Nachmittag, so wie meistens in der Familie.

Jeder in Ungarn kennt Paks – der Name des Ortes ist ein Synonym für das Atomkraftwerk, das hier steht – das einzige des Landes: vier Reaktoren mit 2000 Megawatt Gesamtleistung, die zusammen ganze 40 Prozent des ungarischen Strombedarfs erzeugen.

Wie die meisten Einwohner von Paks arbeitet auch József Bordács im Atomkraftwerk – der 41-jährige Gebäudetechniker ist Kontrolleur in der Abteilung für bauliche Instandhaltung. Seit 16 Jahren macht er den Job und ist äußerst zufrieden:

"Das Atomkraftwerk ist ein herausragender Arbeitgeber in der Region. Im Vergleich zum ungarischen Durchschnitt verdiene ich im Kraftwerk sehr viel besser. Was die Sicherheit angeht, so haben weder ich noch meine Familie irgendwelche Ängste. Wir leben hier in einer sauberen, grünen Umgebung, und das Atomkraftwerk hat keinerlei schädliche Wirkung auf die Stadt und auf die Umwelt."

Etwas später im Haus. Die Familie wohnt großzügig, sechs Zimmer, zwei Stockwerke, eine geräumige Wohnküche. Gerade stellt Mónika Bordács Geschirr weg, dabei bespricht sie mit ihrem Mann das Abendprogramm. Die 39-Jährige lacht viel und strahlt Lebensfreude aus. Sie ist Lehrerin für Geographie und Geschichte. Ihr Arbeitgeber ist eine Oberschule mit dem Fachprofil Energie und Kraftwerkstechnik – eine Bildungseinrichtung, die vom staatlichen Betreiber des Atomkraftwerkes finanziert wird:

"Ich bin in der angenehmen Lage, an einer Schule mit überdurchschnittlich guten Bedingungen arbeiten zu dürfen. Das betrifft sowohl den Lohn als auch das Arbeitsklima und die Lernbereitschaft der Schüler. Ein solcher Arbeitsplatz macht Freude und schafft eine positive Lebenseinstellung. Was die Atomenergie angeht, so denke ich, dass sie den Menschen eine Energiequelle sichert, die billig ist und zugleich der Umwelt weniger schadet als beispielsweise Energieerzeugung in konventionellen Wärmekraftwerken."

Ähnlich wie die Familie Bordács leben und denken viele Menschen im Atomstädtchen Paks. Kein Wunder: Insgesamt sind im Kraftwerk 2500 Personen beschäftigt. Rund ein Drittel aller Arbeitskräfte im Ort. Sie verdienen im Schnitt 1200 Euro im Monat – ungefähr das Doppelte des ungarischen Durchschnittslohnes.

Ein Wohlstand, der sich im Stadtbild zeigt und auch zu spüren ist. Die meisten Menschen wohnen in geräumigen Einfamilienhäusern, die Passanten auf den Straßen wirken entspannter und zufriedener als anderswo im krisengeschüttelten Ungarn.

Offiziell ist die Arbeitslosigkeit im Land unter die Zehn-Prozent-Marke gefallen, doch die Statistik trügt. Hunderttausende Ungarn, die eigentlich Sozialhilfeempfänger sind, arbeiten nun in gemeinnützigen Beschäftigungsprogrammen ohne richtiges Einkommen. Die Folge: Jeder vierte Ungar lebt weiterhin an oder unter der Armutsgrenze. Besonders betroffen sind die Rentner.

Nach der Fukushima-Katastrophe schlug die Stimmung kurzzeitig um
Von all dem ist in Paks kaum etwas zu spüren. Auch der Bürgermeister János Hajdú, der seit elf Jahren amtiert, hat nur Positives zu berichten:

"Den größten Teil der Einnahmen bezieht unsere Verwaltung durch die Gewerbesteuer, die das Atomkraftwerk zahlt. Diese Einnahmen sind sehr viel höher als die jeder anderen vergleichbaren Stadt in Ungarn. Wir bemühen uns, dieses Geld sinnvoll einzusetzen. Wir haben mehrere Ober- und Fachschulen, wir haben Museen und eine Kunstgalerie, und wir haben eine Ambulanz mit Fachärzten, wie es sie sonst nur in Bezirksstädten gibt. Die Menschen in unserer Stadt haben vor Ort Zugang zu Gesundheitsversorgung, Bildung und Kultur, sie müssen nicht reisen, und das verbessert die Lebensqualität natürlich sehr stark."

Es verwundert also kaum, dass die Zustimmung zur Atomenergie in Paks so hoch ist. Doch auch anderswo im Land stehen die Ungarn der Atomenergie eher positiv gegenüber. In Meinungsumfragen spricht sich eine Mehrheit meistens dafür aus, dass Paks bestehen bleibt.

Nur nach der Fukushima-Katastrophe im Frühjahr 2011 schlug die Stimmung kurzzeitig um: In einer Umfrage vom September 2011 plädierte eine Mehrheit der Ungarn für den mittelfristigen Ausstieg aus der Atomenergie. Aber zugleich hielten die meisten Befragten Paks nach wie vor für ein sicheres Kraftwerk. Zweifel an der Technologie haben die meisten Ungarn nicht. Bis heute gibt es in dem Zehn-Millionen-Einwohner-Land keine relevante Bewegung gegen Atomkraft. Regierungssprecher Ferenc Kumin erklärt das so:

"Die Ungarn haben positive Erfahrungen mit Paks gemacht. Keine noch so herausragende Betriebsstörung hat hier jemals zu Verletzungen oder Todesfällen geführt. Es gibt auch in Ungarn keine Naturkatastrophen wie Fluten, Tsunamis oder Erdbeben, die in Paks zu einer nuklearen Katastrophe führen könnten. Nach Fukushima nahm man in Paks Belastungs- und Stresstests vor, und das Kraftwerk hielt ihnen stand. All das zusammengenommen macht verständlich, warum die ungarische Öffentlichkeit der Atomenergie gegenüber nicht feindselig eingestellt ist. Insgesamt ist die Geschichte des Kraftwerksbetriebes in Paks eine positive."

In Betrieb genommen wurde das Kraftwerk 1983. Es arbeitet mit vier Druckwasserreaktoren des sowjetischen Typs WWER-440/213. Im Gegensatz zu anderen osteuropäischen Atomkraftwerken, etwa Kozloduj in Bulgarien, gilt Paks laut der Internationalen Atomenergiebehörde IAEA tatsächlich als sicheres Atomkraftwerk.

Die Endlager-Frage ist ungeklärt
Allerdings gab es im April 2003 einen als ernsthaft eingeordneten Störfall. Damals wurden Brennelemente des Blockes 2 beim Reinigen beschädigt, radioaktives Gas trat aus dem Reinigungsbehälter aus. Verletzt oder verstrahlt wurde niemand, es dauerte jedoch fast vier Jahre, bis die Schäden vollständig beseitigt wurden und der Block 2 wieder ans Netz gehen konnte.

Problematisch – weil ungeklärt – ist auch die Frage: Wohin mit dem Atommüll? Für leicht und mittelmäßig strahlenden Müll nutzt Ungarn ein unterirdisches Endlager. Doch für hochradioaktiven Müll gibt es auch in Ungarn kein Endlager. Russland – von dort stammt das Brennmaterial für die Reaktoren – will den stark strahlenden Müll allenfalls zur Wiederaufbereitung zurücknehmen, nicht endgültig. Derzeit lagern die hochradioaktiven Stoffe in einem Provisorium auf dem Kraftwerksgelände in Paks.

Die ungelöste Endlager-Frage löst aber keine Diskussion in Ungarns Gesellschaft aus. Zum Unmut von Ada Ámon. Sie ist Vorsitzende des Energieclubs – der bekanntesten Nichtregierungs-Organisation des Landes – und fordert ein Umdenken in der Energiepolitik.

"Wir sind nicht gegen Technologien wie Atomkraft an sich, sondern für eine Nachhaltigkeit des ungarischen Energiesystems und dafür, dass informierte Menschen auf europäische Weise darüber diskutieren und darüber entscheiden. Das fehlt leider heutzutage in Ungarn. Und am meisten fehlt der politische Wille, neue Technologien ernst zu nehmen, beispielsweise solche für erneuerbare Energien oder für mehr Energieeffizienz in Gebäuden."

Die Erneuerbaren stehen nicht auf der Agenda ungarischer Politiker. Dafür hat Ada Ámon viele Beispiele. Einhellig setzt Ungarn - unabhängig der Partei - auf den Ausbau der Atomkraft. Bereits 2009 stimmte das Parlament mit über 80 Prozent für ein entsprechendes Vorhaben. Demzufolge soll Paks um zwei Blöcke mit jeweils bis zu 1000 Megawatt Leistung erweitert werden. Die Kosten betragen laut Schätzungen zehn Milliarden Euro. Das kritisiert die kleine Gruppe der ungarischen Greenpeace-Aktivisten und fordert den Ausstieg. Zu ihnen gehört Brigitta Bozsó.

"Die Erweiterung von Paks ist technisch möglich, aber eine solche Gigainvestition schneidet den Weg für andere Entwicklungen ab. Wir meinen, dass Ungarn 2020/2030 aus der Atomenergie aussteigen kann, wenn gleichzeitig Maßnahmen zur Energieeffizienz getroffen und die erneuerbaren Energien entwickelt werden. Als Reserve im Hintergrund sollte man sehr effiziente Gaskraftwerke einsetzen."

Es ist jedoch eher unwahrscheinlich, dass Ungarn diesen Weg gehen wird – zu breit ist der Konsens der politischen Elite über die Atomenergie. Bereits unter der vorherigen sozialistisch-liberalen Regierung wurde die Laufzeitverlängerung für Paks bis etwa 2035 beschlossen, daran rüttelt auch die national-konservative Orbán-Regierung nicht.

Die Pläne für die Erneuerbaren sind vage
Die erneuerbaren Energien machen zwar immerhin zehn Prozent des Verbrauches aus, was vor allem auf eine Vielzahl von Biomasse-Kraftwerke zurückzuführen ist. Doch die Pläne für Weiterentwicklungen sind vage. Regierungssprecher Ferenc Kumin:

"Natürlich werden die erneuerbaren Energien gemäß unseren EU-Verpflichtungen bis 2020 ausgebaut, sie sollen dann einen Anteil von 20 Prozent haben. Es ist aber noch eine offene Frage, in welcher Form das konkret geschehen wird. Zum Beispiel sieht man an unserer westlichen Grenze immer mehr Windkraftwerke. Allerdings sind unsere Gegebenheiten diesbezüglich nicht sehr gut."

Zurück in Paks. An einer Bushaltestelle im Zentrum des Städtchens wartet Péter Váci. Der 34-Jährige arbeitet als Schlosser im Atomkraftwerk. Erneuerbare Energien hält er eher für Nischenlösungen.

"Ich fühle mich sicher mit Atomenergie, ich arbeite ja im Kraftwerk, und ich weiß, was für Sicherheitsvorkehrungen es gibt. Für Paks und für das Land wäre es gut, wenn das Atomkraftwerk ausgebaut werden würde. Woher das Geld kommen soll, das ist noch nicht geklärt, aber jedenfalls gibt es hier in Paks Experten, die einen Ausbau mit allen erforderlichen Sicherheitsmaßnahmen ausführen können."

So wie der junge Mann denken die meisten auf den Straßen von Paks. Nur ganz vereinzelt gibt es auch skeptische Stimmen in dem Ort des einzigen ungarischen Atomkraftwerkes. Zum Beispiel von Krisztina Sumicz. Die 38-Jährige arbeitet in der städtischen Bauverwaltung.

"Sie sagen immer, dass alles in Ordnung ist, aber wenn mal etwas passiert, dann wird geschwiegen und vertuscht sowie bei dem Zwischenfall vor zehn Jahren. Und das erschüttert das Vertrauen, dass wir wirklich immer korrekte Informationen bekommen und wirklich alles so fantastisch und sicher ist, wie sie immer behaupten. Ich bezweifele, dass immer alles so ist, wie wir es hören. Insgesamt wäre es lohnenswert, wenn man ein bisschen mehr auf andere Möglichkeiten, also auf die erneuerbaren Energien schaut. Sie sind nachhaltiger, und ich meine, das ist die Zukunft."

Der Chef der Stadtverwaltung sieht das anders. Bürgermeister János Hajdú sitzt in seinem Büro und bearbeitet einen Berg Akten. Nennenswerte Initiativen zur Förderung erneuerbarer Energien sind nicht darunter. Man plane zwar, auf den Dächern öffentlicher Gebäude Solaranlagen aufzustellen, aber nur, wenn sie keine "visuelle Umweltverschmutzung" verursachen würden, sagt János Hajdú. Das ist auch eine verbale Spitze gegen die Grünen, von denen der Bürgermeister keine besonders gute Meinung hat.

"Die Grünen wären glaubwürdig, wenn sie ihre Lebensweise ändern und weniger Energie verbrauchen würden. Sie haben noch keine wissenschaftlichen Argumente gebracht, die mich davon überzeugen, dass Atomenergie grundsätzlich schlecht und unsicher ist. Dort, wo es nukleare Katastrophen gab, waren die Ursachen menschliche Fehler. Fukushima zum Beispiel wurde einfach an einem falschen Ort gebaut. Wo man verantwortlich denkt, die technischen Parameter einhält und die Maschinen arbeiten lässt, dort gibt es keine nuklearen Katastrophen, denn dort sind die Kraftwerke mehrfach abgesichert."

Péter Rácz, 21 Jahre, hochaufgeschossen, geboren und aufgewachsen in Paks, lernt in der Schweißer-Werkstatt an der Oberschule für Energie und Kraftwerkstechnik. Schon seine Eltern und die Großmutter haben im Atomkraftwerk gearbeitet, er möchte diese Tradition jetzt fortführen. Den neunmonatigen Schweißer-Kurs macht er als Vorbereitung für ein Ingenieurstudium. Er hofft, dass er später im Atomkraftwerk einen Job für Hochqualifizierte bekommt. Die Sicherheit der Atomenergie war für ihn nie eine Frage. Über zweifelnde Länder, wie Deutschland kann er sich nur wundern.

"Ich weiß nicht, warum die Deutschen so skeptisch sind. Die Atomenergie wird immer genutzt werden. Sie schafft sehr viele Arbeitsplätze, auch in Deutschland. Haben die Deutschen denn eine Idee, wie sie die Energieversorgung sichern? Ich denke, es gibt nichts Besseres als Atomenergie."