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Weltzeit | Beitrag vom 03.07.2018

Bitcoin-Boom auf IslandDas neue Gold und die Glücksritter

Von Michael Frantzen

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Eine Frau geht an einem Wechselshop für Bitcoins vorbei.  (imago / Artur Widak)
Ist der Bitcoin eine Währung der Zukunft - oder nicht mehr als eine riesige Blase. (imago / Artur Widak)

Island gehört zu den wichtigsten "Schürfgebieten" von Bitcoins. Billiger Strom aus Erneuerbaren, natürliche Kühlung der Rechenzentren und die Offenheit für neue Technologien locken internationale Krypto-Unternehmer an. Über Risiken sprechen wenige.

Er überlässt selten etwas dem Zufall: Jason Scott. Der US-Amerikaner grinst. Hat er mit der Zeit gelernt – in Reykjavik, der isländischen Hauptstadt. Es ist Nachmittag. Draußen türmen sich dicke Regenwolken auf – wie so häufig diesen Sommer. Drinnen hat er es sich in der Lounge des "Hlemmur Square Hotels" bequem gemacht. Hinten links, am Fenster: Seinem Stammplatz. Sie kennen ihn schon. Den "Cyber-Punk", so nennt ihn immer der Hotel-Manager.

"I'd say bitcoin entrepreneur. Bitcoin enthusiast." - "Bitcoin-Enthusiast" – bitte schön - nicht "Cyper Punk". Da ist Jason pingelig. Er ist Unternehmer, Bitcoin-Unternehmer - der ersten Stunde. Als solcher versucht er, Bitcoins - die bekannteste Kryptowährung - unter die Leute zu bringen. Ein paar hundert Kilometer entfernt vom Polarkreis.

Im Weltzeit-Podcast hören Sie die Folgen weiterer "Innovationen": Arbeitsdrogen im Silicon Valley, Superfood-Anbau in Chile, Parks und Kühe auf der Maas in Rotterdam.

Ein-, zweimal die Woche kommt Jason in das Hipster-Hotel in der Nähe des innerstädtischen Bus-Bahnhofs. Vor fünf, sechs Jahren war hier noch die Schmuddel-Ecke Reykjaviks. Drogenabhängige, Prostituierte, Betrunkene: kein gutes Pflaster. Bis die Touristen kamen – und sich die Kommune entschloss, Sicherheitskameras zu installieren und den Platz auf Vordermann zu bringen.

Islands erster Bitcoin-Automat

"This is where I decided to locate Iceland's first bitcoin vending machine." - Genau hier hat Jason im Februar unter großem Tamtam Islands ersten Bitcoin-Automaten aufgestellt. Alle wollten sie dabei sein: Die Hacker, Leute von der Piraten-Partei - sogar ein, zwei Promis. Der Bartträger springt auf. Da drüben: Der weiße Kasten – im Hoteleingang. Das ist er. Der Automat. Neben Bitcoins hat er weitere Krypto-Währungen im Sortiment: Ethereum und Ripple. Das Geldwechseln sei kinderleicht.

"Als erstes suchst du dir eine Währung aus, sagen wir Bitcoin. Als nächstes musst du dein Smartphone hier hinhalten, damit der Geldautomat deine virtuelle Signatur scannen kann. Da, genau, an der Stelle. Jetzt steckst du den Schein in den Geldschlitz. Ich nehme mal 5000 isländische Kronen – das ist das Minimum - umgerechnet rund vierzig Euro. Dann drückst du: Geld senden. Und das war es."

Bitcoin-Unternehmer Jason Scott vor seinem Bitcoin-Automaten in Reykjavik. Ein kleiner, weißer Kasten mit Bildschirm. (Michael Frantzen)Bitcoin-Unternehmer Jason Scott vor seinem Bitcoin-Automaten in Reykjavik. (Michael Frantzen)

Jason zeigt auf sein Handy. Da sind sie schon: seine Bitcoins. Das Hipster-Hotel als Standort für seinen Automaten hat er bewusst gewählt: möglichst edel, möglichst sicher, mit möglichst viel Durchgangsverkehr – sprich möglichst vielen Touristen, die vor ihrer Abreise noch schnell ihre isländischen Kronen loswerden wollen: Vier Jahre hat der Ex-Hacker, der sich wegen der Wikileaks-Affäre nach Island abgesetzt hat, danach gesucht.

Sechs Prozent erhält er bei jeder Transaktion als Gebühr, ein Prozent geht ans Hotel. Reich geworden sei er damit noch nicht, meint Jason lapidar, ehe er sich auf einen der Retro-Sessel mit Jeansbezug fallen lässt. Aber darum sei es ihm noch nie gegangen. Schon damals nicht, in den Vereinigten Staaten, in der Anfangszeit, als Bitcoins noch als Geheimtipp galten.

"Ich habe ganz schön viel geschürft, also selbst Bitcoins erzeugt - und ganz schön viel Geld ausgegeben. Ich weiß noch: 2011 bin ich nach Japan gereist, für – ich glaube – 242 Bitcoins, damals umgerechnet 400 US-Dollar. Das war ein super Deal. Ein Monat Japan inklusive Flug und allem Drum und Dran. Wir sind als Gruppe gereist. Wir haben uns 'Hackers on a plane' genannt: die Fliegenden Hacker. Wenn ich mir überlege, wie viel 242 Bitcoins heute wert sind: das sind Abermillionen. Aber so ist das nun mal: Du kannst die Zukunft nicht voraussagen."

Erst recht nicht die Zukunft von Krypto-Währungen – das muss man Jason nicht zweimal sagen. Natürlich weiß auch er, dass der Bitcoin-Kurs nach jahrelangem Höhenflug in letzter Zeit gefallen ist: von rund 20.000 US-Dollar auf zuletzt unter 6000. Einerseits. Andererseits.

"Islands Wirtschaft ist nicht gerade breit aufgestellt. Wir haben nur Fischerei. Die Aluminium-Industrie. Und Tourismus. Das war es. Vor ein paar Jahren hat die Tourismus-Branche die Fischerei als wichtigsten Wirtschaftszweig abgelöst. Krypto-Währungen und das Schürfen von Bitcoins könnten ein viertes Standbein der isländischen Wirtschaft werden. Am liebsten wären mir einheimische Bitcoin-Unternehmen, keine großen internationalen. Es wäre sinnvoll zu diversifizieren. Allein schon, damit der Schock nicht zu groß ist, wenn der Tourismus etwas nachlassen sollte."
 
Jason schaut auf sein Smartphone. Er muss los. Nachher trifft er sich mit ein paar Leuten von der Piraten-Partei – der drittstärksten politischen Kraft der Insel. Sie wollen reden. Über den Bitcoin-Boom in Island. Und wer davon profitiert. Jason mag zwar Bitcoin-Unternehmer sein, doch verglichen mit den Global Player, die sich in Island breit machen, ist der US-Amerikaner nur ein kleiner Fisch. Und die großen Fische mag er nicht.

"Ich bin strikt dagegen, dass noch mehr ausländische Unternehmen herkommen und Islands Elektrizität ausbeuten, um Kryptowährungen wie Bitcoin zu schürfen – ohne Gegenleistung. Ich will nicht, dass noch mehr Flüsse gestaut werden, nur damit ein paar reiche ausländische Bitcoin-Investoren billigen Strom haben und ihren Reibach machen können. Machen wir uns nichts vor: Diese Datenzentren für die Bitcoin-Industrie schaffen kaum Arbeitsplätze. Sie bringen der isländischen Wirtschaft so gut wie nichts."

Die Glücksritter aus dem Crypto Valley

Ein neuer Tag, eine andere Ecke der 340.000-Einwohner-zählenden Atlantik-Insel. Und damit zu ihm hier: "We are like B-shift and A-shift." Seit gut zwei Stunden ist Alexander auf den Beinen. Um neun Uhr morgens hat die Schicht des Sicherheitsmanns begonnen – die A-Schicht. In Keflavik, der winddurchpeitschten Hafenstadt gut eine Autostunde südwestlich von Reykjavik.

Im Kalten Krieg war die US-Armee hier stationiert. Die Soldaten sind weg. Dafür sind die Bitcoin-Schürfer da. Briten und Deutsche. Sie nennen ihre Firmen zum Beispiel Hive – Bienenstock – und verdienen ihr Geld damit, neue Coins von Krypto-Währungen mit viel Rechenleistung zu erzeugen und sie dann in normale Währungen wie Dollar und Euro umzutauschen. Auch Genesis Mining, Alexanders Auftraggeber, macht das. Seine Chefs hat der 20-Jährige noch nie zu Gesicht bekommen. Genesis hat seinen Sitz in München. Doch Alexander interessiert das nur am Rande.

"Ich bin relativ neu dabei. Ich arbeite erst seit Dezember hier. Es ist mein erster Job. Schon spannend. Es war mein Traum, im Bitcoin-Bereich zu arbeiten – und sei es nur als Sicherheitsmann. Aber versuch das mal, meinen Eltern klar zu machen. Sie wissen nur: Bitcoin ist eine Krypto-Währung. Ansonsten haben sie keinen blassen Schimmer. Die denken echt, Bitcoin sei die einzige Krypto-Währung weltweit."

Rechner für das "Schürfen" von Bitcoins im Genesis-Datenzentrum in Keflavik. Ein etwa 100 meter langer Gang - links und rechts stehen schwarze Computer. (Michael Frantzen)Rechner für das "Schürfen" von Bitcoins im Genesis-Datenzentrum in Keflavik. (Michael Frantzen)

Alexander überwacht mehrere große Hallen. In jeder: Rechner so weit das Auge reicht. Hundert, hundertfünfzig Meter, in Reih und Glied, 24-Stunden in Betrieb: Überall rund um Keflavik – dem "Crypto Valley" Islands – sprießen solche Rechenzentren wie Pilze aus dem Boden. Investitions-Volumen: gut eine Viertel Milliarde US-Dollar.

Dazu muss man wissen: Um Krypto-Währungen zu schürfen, führen zigtausende Prozessoren komplizierte mathematische Rechnungen durch. Dafür benötigen sie Strom, viel Strom. Und Kühlsysteme, damit die Rechner nicht durchschmoren. Genau das bietet Island. Grünen Strom noch dazu. 85 Prozent der Energie stammen aus erneuerbaren Quellen.

Halle 4 ist die neuste Halle. Nebenan bauen sie schon eine weitere. Wegen der großen Nachfrage. Auch sie: durch Meterhohen Stacheldraht gesichert. Fünf Wachleute arbeiten immer in einer Schicht, auch nachts. Sicher ist sicher.

"Es gibt kaum Probleme. Wir müssen nur darauf achten, dass kein Blackout passiert. Aber darüber möchte ich nicht reden. Das ist geheim."

Die Geheimniskrämerei ist kein Zufall. Ende letzten Jahres stahlen Kriminelle rund 600 Computer eines Bitcoin-Konkurrenten – nur einen Steinwurf entfernt vom Rechenzentrum, das Alexander bewacht. Es war die größte Diebstahlserie in der Geschichte des Landes.

Bitcoin-Unternehmer sind Wachstumstreiber

Sicherheit schreiben sie auch bei "Advania Data Centers" groß. "It's a good business." - Das Geschäft: Es läuft blendend. Beim größten IT-Unternehmen und Betreiber von Datenzentren Islands. Neunzig Prozent des Umsatzes ihrer Datenzentren entfallen auf internationale Kunden. Tendenz steigend.

Johan Jonsson – der aalglatte Produkt-Manager - rattert die Eckdaten der Erfolgsgeschichte nur so runter. Um das Zehnfache ist Advania in den letzten Jahren gewachsen. Dank Krypto-Schürfern wie Genesis, der deutschen Firma. Ständig ist Jonssons Unternehmen auf der Suche nach neuen Standorten. Ihr Rechenzentrum am Rande von Reykjavik - frohlockt der Wirtschafts-Wissenschaftler: Zu 100 Prozent ausgelastet.

Doch was, wenn die Blase platzt? Wie vor zehn Jahren, beim isländischen Banken-Crash? Was, wenn der Wert von Bitcoin und anderer Krypto-Währungen ins Bodenlose fällt? Jonsson strafft den Rücken. Darauf hat er eigentlich keine Lust. Und nur eine schmallippige Antwort parat.

"Dazu habe ich keine Meinung. Ich kann Ihnen auch nicht erklären, worum es bei Bitcoins geht. Für uns ist ein Bitcoin-Schürfer ein Kunde wie jeder andere. Sie brauchen Platz, ein Kühlsystem und Energie? Kein Problem, bekommen sie."

Advania beschäftigt in Island 620 Mitarbeiter, rund ein Viertel davon in den Rechenzentren. Alle Zentren haben isländische Namen – soviel Tradition muss sein. Da kann sich manchmal selbst Produkt-Manager Johan Jonsson ein Lachen nicht verkneifen. Noch dazu, wo dieses hier nach Thor benannt ist – dem nordischen Gott des Donners.

Jonsson zeigt auf einen bunkerartigen Kasten. Dahinter verbergen sich ganz besondere Informationen: Auf diesen Rechnern speichert der isländische Staat einen Großteil seiner Daten, streng-geheim. So hält es das Unternehmen auch mit den Rechenzentren für die Bitcoin-Kundschaft in Keflavik.

"Für uns ist es ein gutes Geschäft. Das habe ich doch schon gesagt. Wir erwarten, dass die Blockchain-Technologie weiter wächst – und noch mehr Unternehmen unseren Service in Anspruch nehmen. Die Bitcoin-Unternehmen sind unsere Wachstums-Treiber. Ihr Anteil an unserem Umsatz ist schon jetzt enorm."

Mit Blockchain ist eine Technologie gemeint, die alle Datensätze dezentral speichert – in verketteten Blöcken. Blockchain ist Grundlage für jede Kryptowährung. Die komplizierten Verfahren dahinter müssen Bitcoin-Unternehmer nicht zwangsläufig verstehen, um Erfolg zu haben. Aber andere auf Island tun es – Leute wie Ari Jonsson, der Präsident der Universität von Reykjavik.

Die Blockchain kommt in alle Lehrpläne

17 Jahre forschte der Isländer in den USA zu künstlicher Intelligenz, die meiste Zeit im Silicon Valley, bei der NASA. Bis er 2010 das Angebot bekam, Präsident von Islands renommiertester Universität zu werden.

Der Mann im Polo-Shirt läuft den Gang entlang – Richtung Büro. Kein Mucks. In Island sind schon seit mehreren Wochen Semesterferien, selbst seine Sekretärin hat frei. Jonsson ist auch nur kurz hereingekommen, um ein paar Unterlagen mitzunehmen. Morgen fliegt er nach Kopenhagen, zu einer Konferenz über die "Rolle der Universitäten als Innovations-Beschleuniger". Der Uni-Rektor strahlt: genau sein Thema.

Jonsson will seine Hochschule zum "Innovations-Hub Nummer eins" in Island machen: Darunter geht es nicht. Krypto-Währungen und die Blockchain-Technologie spielen dabei eine wichtige Rolle.

"Richtig interessant wird es doch erst, wenn wir uns anschauen, welche Anwendungsmöglichkeiten die Blockchain-Technologie bietet. Mit Blockchain kannst du viel mehr machen, als Bitcoins oder andere Kryptowährungen herzustellen. Es bietet ganz neue Geschäftsmöglichkeiten, in der Informationstechnologie, beim Banking. In einem kleinen Land wie Island können wir damit viel eher experimentieren als in größeren Ländern."

Ob er selbst mit Bitcoins oder anderen Kryptowährungen spekuliert: Nein, meint Jonsson, das tue er nicht. Noch nicht. Der Universitätspräsident hat etwas anderes getan: Er hat dafür gesorgt, dass die Blockchain Teil des Kurrikulums ist, fächerübergreifend, in Informatik, Wirtschaft, Ingenieurwissenschaften: Überall stehen die Grundlagen dieser Zukunftstechnologie nun auf dem Lehrplan.

Die Blockchain-Seminare sind freiwillig – und ein Renner, besonders unter Informatik- und Wirtschafts-Studenten. Im neuen Semester soll es wieder welche geben. Damit noch mehr seiner Schäflein eintauchen können in die Wunderwelt der Algorithmen und Datensätze.

"Island als Experimentierfeld für neue Technologien: Das hätte schon seinen Reiz. Wir sind ein kleines Land, eng verwoben, über zwei Ecken kennt jeder jeden. Du kannst bei uns viel leichter mit Dingen experimentieren und zu aussagekräftigen Ergebnissen kommen als in Riesen-Ländern. Wir sind da schon ziemlich weit vorne. Wir waren mit die ersten, die computerisierte Finanz-Transaktionen ausprobierten. Online-Banking und so. Oder die Steuererklärung: Bei uns eine Sache von ein paar Minuten. Du kannst sie online erledigen. Wenn du schauen willst, welchen Einfluss neue Technologien auf eine Gesellschaft haben, bietet sich Island als Experimentierfeld geradezu an."

Piratenpartei: Bitcoin-Industrie regulieren, besteuern

Für Experimente ist auch Smari McCarthy zu haben, sehr sogar. Es ist Montagmittag, kurz vor zwölf – im isländischen Parlament. Der Abgeordnete der Piraten-Partei hat Stress. Seine Fraktion ist zwar die drittgrößte, doch bei zehn Leuten muss sich trotzdem jeder um mehrere Themen kümmern. Auch der Mann mit den isländisch-irischen Wurzeln. Deshalb auch gleich der Termin mit einem Vertreter der Fischerei-Gewerkschaft. Smari stöhnt leise. Nicht gerade sein Leib-Thema. Anders als das Bitcoin-Schürfen. Da kennt er sich aus. Wenn es in Island einen Politiker gibt, der Bescheid weiß über Kryptowährungen, dann der Mann mit dem Rauschebart.

Smari McCarthy von der Piratenpartei im isländischen Parlament. Er steht in seinem Büro. (Michael Frantzen)Smari McCarthy von der Piratenpartei im isländischen Parlament. (Michael Frantzen)

"Ich kenne ein paar Leute, die sich mit Bitcoins verspekuliert haben. Ich habe auch damit herumgespielt, früher, keine großen Beträge. Vielleicht auch besser so. Wobei, manchmal denke ich: Hättest du doch mehr riskiert. Anfangs kostete ein Bitcoin ja nur einen US-Dollar. Wenn ich genug Bitcoins gekauft hätte, wäre ich heute steinreich."

Smari hat sich in den kleinen Fraktionsraum seiner Partei gesetzt. An den Wänden: lila Poster mit dem Konterfei von Chelsea Manning, der US-Whistleblowerin, und dem Logo der Piraten. Hier hat er seine Ruhe – und kurz Zeit, seine Gedanken zu sammeln.

"Island kann enorm von Krypto-Währungen profitieren, keine Frage. Wir bieten uns ja quasi als Standort an. Wir haben viel billige Energie. Billige und grüne Energie. Das ist schon mal ein Pluspunkt. Dann sind wir ein kleines Land: ein weiterer Pluspunkt. Wir können viel schneller auf Veränderungen reagieren als große Länder. Gleichzeitig sehe ich aber auch Gefahren. Falls der Anteil Islands an der weltweiten Bitcoin-Industrie zu groß werden sollte, könnten Spekulanten auf die Idee kommen, Island für ein, zwei Tage vom Internet abzuschneiden - um den Bitcoin-Preis zu manipulieren. Das wäre ein enormes Sicherheits-Risiko. Die Frage ist: Wären wir darauf vorbereitet?"

Schon seit Monaten liegt der Oppositionspolitiker der Regierung damit in den Ohren, der isländische Staat müsse endlich die Bitcoin-Schürfer regulieren und besteuern. Premierministerin Katrin Jakobsdottir von den Linksgrünen – heißt es – soll angetan sein, doch ihre zwei konservativen Koalitionspartner mauern, allen voran die zuständigen Wirtschafts- und Justizminister. Eine Spekulations-Steuer für Bitcoins? Das will ihnen nicht in den Sinn. Smari kennt das schon.

"Ich weiß: Viele Bitcoin Begeisterte hören es nicht gerne, wenn ich von Bitcoins als spekulativen Vermögenswerten rede. Aber wenn ich darauf setzte, dass eine Währung steigt oder fällt, dann ist das Spekulation und riskant. Bislang fehlen uns Gesetze dieses Risiko für die Allgemeinheit zu mindern. Deshalb: Klasse, dass Leute mit Bitcoins experimentieren. Nur: Wir sollten verhindern, dass zu viele Leute Geld verlieren. Wir sollten da sehr vorsichtig sein."

Smari steckt noch der Finanzcrash von 2008 in den Knochen. Bereits einmal war Island Drehkreuz internationaler Finanzmärkte – mit katastrophalen Folgen - nicht nur für in- und ausländische Sparer, sondern ganz Island. Die Insel stand kurz vor dem Kollaps. Nicht, dass sich die Geschichte wiederholt.

Der Pirat springt auf. Der nächste Termin. An der Tür hält er kurz inne. Seine neuste Idee: Die will er unbedingt noch loswerden. Eine Umweltsteuer für Bitcoin-Unternehmer. Anfang des Jahres hat eine Prognose der Stromproduzenten groß die Runde gemacht. Demnach verbrauchen die Bitcoin-Schürfer dieses Jahr voraussichtlich mehr Strom als alle Privathaushalte Islands zusammen. Smari schüttelt den Kopf. Noch mehr Strom für ausländische Goldgräber, noch mehr Staudämme und geothermische Kraftwerke, noch mehr Leitungen quer durchs Land: Er will das nicht.

"Mir wäre es viel lieber, wenn es irgendwann einmal hieße: Island – das ist doch das Land mit dieser aktiven Bitcoin-Community, die dafür gesorgt hat, dass die Blockchain-Technologien nicht mehr so viel Energie fressen. In Island setzen sie auf einen nachhaltigen, ökologischen Ansatz. Auf Klein, aber fein."

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