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Interview / Archiv | Beitrag vom 12.03.2014

Bischofskonferenz"Gemeinschaft der Geschwächten"

Martin Mosebach ist gegen ein gemeinsames Sprachorgan der Bischöfe

Moderation: Marietta Schwarz

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Der deutsche Schriftsteller Martin Mosebach (picture alliance / dpa / Erwin Elsner)
Der deutsche Schriftsteller Martin Mosebach (picture alliance / dpa / Erwin Elsner)

Die Bischofskonferenzen hätten das Amt des Bischofs demontiert, meint der Schriftsteller Martin Mosebach. Es gebe im Kirchenrecht bereits eine Ober- und Unterordnung von Bischöfen, das reiche aus.

Marietta Schwarz: Sechs Jahre lang war der Freiburger Erzbischof Zollitsch Vorsitzender der Bischofskonferenz, inzwischen ist er 75 Jahre alt, und er gibt das Amt ab. Seinen Nachfolger wählen die Bischöfe heute - wer es wird, weiß keiner. Im Gespräch sind viele, der Münchener Erzbischof Marx, der Berliner Erzbischof Woelki, Ackermann, Overbeck, um nur ein paar Namen zu nennen. Wen braucht die katholische Kirche in Deutschland in diesen Tagen an ihrer Spitze? Am Telefon ist der Schriftsteller und Katholik Martin Mosebach, der schon lange öffentlich gegen die Verweltlichung und für die überlieferten Riten der katholischen Messe streitet. Herr Mosebach, guten Morgen!

Martin Mosebach: Guten Morgen!

Schwarz: Wen würden Sie sich denn wünschen als neuen Vorsitzenden der Bischofskonferenz?

Mosebach: Wenn ich mir was wünschen dürfte, dann gäbe es überhaupt keinen neuen Vorsitzenden, sondern dann gäbe es keine Bischofskonferenz mehr.

Schwarz: Oh. Weshalb?

Mosebach: Die Bischofskonferenzen, die erst nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil geschaffen worden sind, haben das Amt des katholischen Bischofs demontiert und in einer Weise zum Schrumpfen gebracht, dass von dem eigentlichen Bild, das die Kirche von dem Bischofsamt hat, nicht viel übrig gelassen hat.

"Man hat die Illusion einer Nationalkirche geschaffen"

Schwarz: Das ist eine interessante These, denn eigentlich wurde die Bischofskonferenz ja mal eingerichtet, um die Bischöfe zu stärken gegenüber Rom.

Mosebach: Ja, aber stattdessen hat man nicht die Bischöfe gestärkt, man hat die Illusion einer Nationalkirche geschaffen, die so in der katholischen Tradition überhaupt nicht vorgesehen ist. Die katholische Kirche kennt nicht die Vorstellung von Nationalkirchen. Jeder Bischof ist in seinem Bistum im Grunde Papst und steht in unmittelbarer Verantwortung, in Äquidistanz zur gesamten Kirche.

Schwarz: Das hört sich jetzt nach einer sehr intellektuellen Diskussion an. Ist es nicht klar, dass eigentlich die Gemeinschaft der Bischöfe in einzelnen Ländern auch ein Gremium braucht, in dem sie auch eine gemeinsame Meinung, eine gemeinsame Haltung formulieren?

Mosebach: Ein Gremium brauchen sie eben überhaupt nicht. Ein Gremium, das klingt eben gleich schon nach Bürokratie. Zu allen Zeiten der Kirche hat es nationale Synoden gegeben. Und diese Synoden kann es ohne Weiteres geben, ohne dass man diesen institutionellen Apparat einer Bischofskonferenz schafft. Wer bei der Bischofskonferenz siegt, ist die Bürokratie, die im Kirchenrecht im Grunde nicht vorgesehen ist.

Das wichtigste Amt, was heute neu besetzt wird, ist eben nicht der Vorsitzende der Bischofskonferenz, der Priester, der da vorne steht, sondern das Amt des Sekretärs der Bischofskonferenz. Und dieses verselbständigt sich. Der einzelne Bischof steht nun nicht mehr in seiner früher eben großen Verantwortung direkt da, sondern kann sich hinter der Bischofskonferenz verstecken.

Schwarz: Aber man sieht doch heute, obwohl es diese Bischofskonferenz gibt, dass diese einzelnen Erzbischöfe und Bischöfe diese Verantwortung immer noch sehr wahrnehmen. Die haben alle unterschiedliche Meinungen, und - ja.

Mosebach: Sie haben eben gar nicht so furchtbar viele unterschiedliche Meinungen, und vor allen Dingen, sie müssen sich daran gewöhnen, immer zu diesem Konsensus zu gelangen. Sie verbrauchen ihre Kräfte, anstatt in die Diskussion auch nach außen hin durchaus auch kontrovers einzugehen, immer den Frieden der Bischofskonferenz zu wahren. Das ist eine ganz unfruchtbare Situation. Vor allen Dingen, wie gesagt, es tritt hier ein Gremium in die Welt, was in der kirchlichen Tradition gar keine Funktion hat.

Schwarz: An wem soll sich denn der Gläubige - und die Gläubigen sind ja auch nicht ganz unwichtig -, an wem soll sich denn der Gläubige orientieren? Ist es dann letztendlich sein Bischof, oder ist es der Papst in Rom?

Mosebach: Nein, sein Bischof. Sein Bischof ist die wichtigste Bezugsperson eines traditionellen Katholizismus. Und dieser Bischof ist heutzutage eingeklemmt in eine Fülle synodaler Gremien in seinem Bistum, die da geschaffen worden sind, und in die Bischofskonferenz, und kann sich im Grunde frei überhaupt nicht mehr bewegen.

Eine Institution ist zu anonym

Schwarz: Und wenn es um ein Sprachorgan geht, zum Beispiel in den Skandalen, die wir in den vergangenen Jahren hatten - halten Sie es auch nicht für notwendig, dass es eine Stimme gibt, die sagt, hier stehen wir?

Mosebach: Nein. Zunächst mal müssen sich ja die Verantwortlichen, wenn es sich um einen Skandal dreht, eben melden. Und nicht eine Institution -

Schwarz: Die melden sich nicht!

Mosebach: - nicht eine Institution, die letztlich etwas Anonymes hat. Das Sich-Zusammenschließen, wenn es die aktuelle Situation gebietet, das ist immer möglich. Es gibt ja im Kirchenrecht auch diese Ober- und Unterordnung von Bischöfen in bestimmten Regionen. Das Erzbistum - da hat man ja bereits dann schon mehrere Bistümer zusammengefasst. Das müsste eigentlich reichen.

Schwarz: "Gemeinsam sind wir stark" ist keine Parole, die auf die Bischöfe in Deutschland zutrifft?

Mosebach: Nein. "Gemeinsam sind wir schwach", ist die richtige These hier. Und zwar ist es eine Gemeinschaft von Geschwächten, die Bischofskonferenz.

Schwarz: Heute wählen die Bischöfe einen neuen Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz. Martin Mosebach, Danke Ihnen für das Gespräch!

Mosebach: Danke Ihnen!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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