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Interview / Archiv | Beitrag vom 19.04.2005

Bischöfin Jepsen hofft auf toleranten Papst

Maria Jepsen erwartet Annäherung zwischen katholischen und evangelischen Christen

Moderation: Hanns Ostermann

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115 Kardinäle entscheiden in Rom über den Nachfolger von Papst Johannes Paul II. (AP)
115 Kardinäle entscheiden in Rom über den Nachfolger von Papst Johannes Paul II. (AP)

Aus Anlass des derzeit tagenden Konklaves der Kardinäle in Rom hat die Bischöfin für Hamburg in der Nordelbischen Evangelisch-Lutherischen Kirche, Maria Jepsen, Bedenken geäußert, falls ein sehr "scharfer" Papst gewählt würde. Wenn der römische Kurs noch straffer werde als bisher, dann könne es für die Ökumene schwierig werden, sagte Jepsen.

Ostermann: Guten Morgen, Frau Jepsen.

Jepsen: Guten Morgen, Herr Ostermann.

Ostermann: Der neue Papst tritt ein reiches, zugleich aber auch schwieriges Erbe an. Wie bewerten Sie als Protestantin das Konklave? Mit welchen Gefühlen verfolgen Sie die Ereignisse in Rom?

Jepsen: Ich muss ehrlich sagen, dass ich gar nicht so betroffen davon bin. Ich bin froh, wenn die Entscheidung gefallen ist, dass wir dann auch wieder die Normalität unseres Lebens und auch unseres Kircheseins erleben und dass diese Spannung dann genommen wird und wir dann wirklich abwarten, wie ein neuer Papst sich einbringt. Das wird ja auch nicht im ersten Jahr so ganz klar sein, denn ich wünsche mir, dass wir Kirche vor Ort leben, dass die Menschen ihre Verantwortung selber wahrnehmen und dann, natürlich protestantisch auch gesehen, dass sie auch eigenständig sind und nicht nur nach Rom gucken, sondern eine Bibel sehen, miteinander ringen, was heißt Christ sein heute. Insofern bin ich nicht so betroffen.

Wobei ich natürlich auch gewisse Bedenken habe, wenn es ein sehr scharfer Papst werden könnte und der römische Kurs sozusagen noch straffer ist als wir es im Augenblick in vielen Bereichen haben, könnte es schwierig sein für die Ökumene und wir brauchen eine lebendige Ökumene, eine eigenständige Ökumene.

Ostermann: Sie denken dabei an Kardinal Joseph Ratzinger?

Jepsen: Ja, Ratzinger, den habe ich sehr deutlich und klar auch in der Abgrenzung erlebt. Wir kennen ihn von Dominus Jesus. Er hat Ängste vor dem Zeitgeist, ich würde auch sagen, auch Ängste, dass Ortskirchen selbstständig werden, eigene Verantwortungen wahrnehmen, was ja mit dem Zweiten Vatikanum gewollt ist und dass da Vermischungen da sind, wobei es ja christlichen Glauben als solchen nie pur gibt. Es gibt ihn ja immer nur in der Gegenwart auch erlebt. Ich möchte gerne, dass wir mehr aufeinander zugehen, die Ökumene stärker miteinander feiern und da auch den Ortskirchen, wie gesagt, hier in Deutschland eine andere Haltung zubilligen als meinetwegen in Südamerika, denn hier brauchen wir die gemeinsamen Zeichen. Ich habe selber mal mit Herrn Kardinal Ratzinger einen Gottesdienst gefeiert, auch mit ihm zusammen am Altar gestanden. Da merkt man doch, dass da gewisse Abgrenzungen von ihm sind und wir als Evangelische geschätzt werden als Menschen, aber nicht als richtige Amtsträger, Amtsträgerinnen. Das glaube ich, braucht man für die Gesellschaft in Deutschland, zu zeigen, wir gehören zusammen und nehmen gemeinsam Verantwortung wahr in einem säkularen Land.

Ostermann: Es gibt zahlreiche Differenzen. Denkt man an die Zulassung zur Eucharistie, zum Abendmahl, an die Stellung der Frau in der Kirche. Sie haben eben weitere Beispiele genannt. Man könnte auch die Abtreibungsfrage hinzuzählen. Was kann die Evangelische Kirche eigentlich tun, um Fortschritte im Katholizismus zu fördern?

Jepsen: Das muss die Katholische Kirche ja selber machen. Wir greifen sozusagen ins Nachbarhaus nicht mit ein, aber indirekt doch. Das ist mir auch wichtig, dass wir hier vor Ort die Menschen bestätigen können in ihrem Engagement, dass sie auch eine eigene Position für sich erringen, dass sie kritisch sind und dass sie einfach nicht aufhören, sich auch in ihrer eigenen katholischen Gemeinde als Christen zu engagieren. Mir ist es wichtig, gerade katholische Frauen zu bestärken, aber auch im Gespräch mit Priestern, Bischöfen zu sein, zu sagen, setzt euch doch ein für die Menschen, die hier auf euch warten, denn wir können nur gemeinsam etwas machen. Wir können von den katholischen Christen der Kirche auch eine Menge lernen und die können auch etwas von uns lernen. Bei uns in der Evangelischen Kirche fehlt oft so die Loyalität und auch die Liebe zur Institution Kirche, ich bin Mitglied dieser Kirche.

Bei den Katholiken fehlt die kritische Haltung oftmals, was haben wir vor Ort zu machen. Man fragt doch sehr viel nach, was ist möglich, was ist erlaubt und das Gehorsamgelübde bricht auch manche Bewegungen, die nach vorne weisen. Wobei ich nicht auf das gemeinsam Abendmahl dränge, denn da ist soviel Unterschied in der Amtsfrage noch und über diese Amtsfrage auch zu besprechen einander, abzunehmen, wie unterschiedlich wir vom Glauben disponiert sind und wo Möglichkeiten des Zusammenwirkens, des Zusammenlebens sind und wo nicht. Wir können ja mit Unterschieden da doch sehr wohl auskommen, wenn wir sie respektieren, aber auch von innen her verstehen und nicht nur als eine Anweisung von außen her.

Ostermann: Der Papst spricht, so jedenfalls der öffentliche Eindruck, für die Weltkirche. Stört Sie das eigentlich?

Jepsen: Nein, ich denke in vielen Bereichen ist das gut. Die Katholische Kirche versteht sich ja auch als Weltkirche und solange alle Diözesen ihn als ihren Papst sehen, ist es, glaube ich, auch völlig Recht und in Ordnung. Aber er spricht nicht für alle Christen. Das ist mir dann auch wichtig, bestimmten Fragen sind wir sehr dankbar gewesen. Ob es die Frage des Krieges ist, wo er deutliche Zeichen setzt, in ethischen Grundfragen kommt diese Stimme deutlicher zu Gehör. Ansonsten sollte man sehr wohl auch differenzieren, was katholisches Denken und Handeln ist und was ökumenisches ist. Das sind wir nicht nur als Evangelische hier, sondern es sind auch die Orthodoxen da, es sind die Freikirchen da. Da haben wir eine Vielfalt, die aber eine versöhnte Vielfalt ist und nicht auf Kosten anderer sozusagen das eine laut gesagt wird und das andere unterdrückt wird.

Ostermann: Zum Teil empfinde ich das aber auch als eine verwirrende Vielfalt. Müssten die evangelischen Christen nicht doch auch mehr mit einer Stimme sprechen?

Jepsen: Das können wir in vielen Fragen machen und tun wir auch, aber das Evangelium ist auch vielfältig. Wir haben ja nicht aus Zufall vier Evangelien, viele unterschiedliche Traditionen da. Es ist so, dass wir es ja nicht aufdrücken, sondern die Grundbotschaft muss gleich sein: Gott will, dass Menschen Frieden haben, dass Menschen gut miteinander auskommen, dass die Gerechtigkeit da ist, dass wir uns von Gott beschenken lassen und nicht selbst unser eigenes Heil und Wohl errichten. Wenn das klar ist, dann sind die Unterschiede, denke ich, wenn wir sie nicht gegeneinander ausspielen, auch sehr wohl einladend für viele, zu sagen, ich kann selber damit ringen, ich muss mich nicht wie in einer fundamentalistischen Sekte unterordnen, sondern ich kann meinen Verstand mitnehmen und finde dann diese Grundposition eben, Heil, Gerechtigkeit, Barmherzigkeit. Das muss schon erkennbar sein.

Ostermann: Die Hamburger Bischöfin Maria Jepsen im Deutschlandradio Kultur.

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