Birgit Birnbacher: "Sie wollen uns erzählen"

Erzählen auf der Überholspur

05:39 Minuten
Das Buchcover von Birgit Birnbachers Roman "Sie wollen uns erzählen" zeigt ein Waldstück mit Sonnenstrahlen, das mit Filtern verfremdet wurde
© Zsolny Verlag / Hanser Literaturverlage

Birigt Birnbacher

Sie wollen uns erzählenZsolnay Verlag, Wien 2026

224 Seiten

24,00 Euro

Von Elke Schlinsog |
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Bachmann-Preisträgerin Birnbacher erzählt mit feinem Witz und Tiefgang von einer Mutter-Sohn-Beziehung, in der ADHS kein Defizit, sondern Teil einer anderen Wahrnehmung ist. Das gemeinsame Erfinden von Geschichten gibt beiden Halt.
Es gibt eine Szene in Birgit Birnbachers neuen Roman, die so berührend wie augenöffnend ist, weil sie zwei vermeintliche Außenseiter als normal oder gar "integriert" zeigt. Mutter Ann und ihr neunjähriger Sohn Oz, dem ADHS diagnostiziert wurde, sind mit dem Bus zur Bildungsberaterin unterwegs. Um sich abzulenken, erfinden die beiden wie so oft eine Geschichte.
Ihre absurd lustige Bärengeschichte führt über ein Honigbrot und einen vier Meter großen Grizzly, weiter über die Totstellregel bis hin zu einem Beatles-Song, den die Mutter als Bärenabschreckung trällert – und damit den gesamten Bus amüsiert. Als sie aussteigen, werden sie von den Mitfahrenden lächelnd und winkend verabschiedet, sind eins mit der Welt. Keine Ausgrenzung nirgends.

Damals energiegeladen, heute ADHS

Wie man sich durch Geschichten gegenseitig bestärken kann, wie Erzählen tröstet und rettet, davon erzählt dieser starke, berührende Roman der Salzburger Autorin Birgit Birnbacher. Eigentlich fallen alle ihre Figuren aus der Reihe - sie fallen im Alltag auf, in Büro und Schule. Sie tun sich schwer in der Welt.
Oder besser: Die Gesellschaft tut sich schwer mit ihnen. Der kleine Oz, weil er schreit, wenn ihm etwas nicht passt im Unterricht oder zuhause. Auch die Mutter Ann galt als "energiegeladenes" Mädchen. Von ADHS wusste man damals noch nichts. Heute ist sie eher der "Pulverfasstyp".
Intensiv und mit viel Einfühlung erzählt Birgit Birnbacher von der Liebe einer Mutter, die an allen Fronten kämpft - mit sich und gegen andere, die ihren Sohn gegen alle Zuschreibungen verteidigt. Ein symbiotisches Duo. "Unsere knisternden Nerven" fasst es Ann einmal zusammen.
Birgit Birnbacher reichen 200 Seiten und wenige Sommertage, von denen sie erzählt, um das Thema ADHS auf völlig andere, ungewohnte Weise zu thematisieren. Denn was ist schon normal? Sie konzentriert sich vielmehr auf die Innenwelten von Mutter und Sohn.

Rasantes Erzähltempo

Auch sprachlich scheint Birgit Birnbacher den flirrenden Nerven buchstäblich nachzuspüren. Ganz nah ist sie ihren Figuren. Aus der Innensicht von Oz und Ann erzählt sie ihre ganz eigene Sicht auf die Welt. Ihre Unruhe und Rastlosigkeit packt sie in eine nervöse Sprache, Witz und lockeren Ernst dazu.
Gerade Oz‘ sprunghafte Gedanken, der sich immer wieder in Träumereien verliert, beispielsweise wenn er im Matheunterricht beim kleinsten gemeinsamen Vielfachen lieber an ein kleines grünes Männchen denkt, das jauchzend ums Feuer springt. Seine Konzentration ist auf Abwegen.
Überhaupt ist dieser Roman erzählerisch auf der Überholspur. Im rasanten Tempo geht es um einen toten Hasen, eine ausgebüchste Großmutter, die sie in ihrer alten Heimat im alpinen Innergebirg suchen, ein verpasstes ADHS-Feriencamp, eine stürmische Unwettermeldung. Dieser Roadtrip durch das Salzburger Land wird mit jeder Seite rasanter – der "Alarmstufenlevel" der Figuren neutralisiert sich buchstäblich mit den Unwetterwarnungen.

Nichtangepasstes Nervenbuch

"Nervenbuch" hat Birgit Birnbacher ihren Roman genannt und zeigt, was es bedeutet, in unserer überreizten Gegenwart zusätzlich mit einem überreizten Nervenkostüm ausgestattet zu sein. Eindringlich umkreist dieser Roman immer wieder das Paradoxe: So normal, vertraut und liebevoll Mutter und Sohn miteinander auch sind, vor Schule und Institutionen wirken sie wie Fremdkörper. Vielleicht sind es aber gerade die Nichtangepassten, die unserer überreizten Gegenwart etwas entgegensetzen können.
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