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Buchkritik | Beitrag vom 14.07.2020

Birgit Birnbacher: "Ich an meiner Seite"Aus der Haft in ein anderes Leben

Von Sonja Hartl

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Buchcover zu Birgit Birnbachers Roman "Ich an meiner Seite", vor einem Aquarell-Hintergrund (Hanser / Deutschlandradio)
"Ich an meiner Seite" von Birgit Birnbacher ist sozialrealistisch, ohne die Härten zu verklären oder zu überhöhen. (Hanser / Deutschlandradio)

Der 22-jährige Arthur versucht, wieder einen Platz in der Gesellschaft zu finden. Birgit Birnbacher, die Bachmann-Preisträgerin des vergangenen Jahres, erkundet in "Ich an meiner Seite" erneut sehr gekonnt prekäre Lebensverhältnisse.

26 Monate hat Arthur Galleij in der JVA Gerlitz gesessen, nun ist der 22-Jährige auf Bewährung entlassen und beginnt in Birgit Birnbachers "Ich an meiner Seite" sein Resozialisierungsprogramm. Es besteht aus der Teilnahme an einer soziologischen Studie und einem betreuten Wohnprojekt, innerhalb eines Jahres soll er eine eigene Wohnung und wenigstens einen Praktikumsplatz finden.

Mit einer Haftstrafe im Lebenslauf ist das alles andere als einfach. Außerdem muss Arthur mit den traumatischen Erlebnissen vor und während seiner Haftstrafe zurechtkommen.

Wiedereingliederung nach Starring-Prinzip

Unterstützung bekommt Arthur von dem Soziologen Konstantin Vogel, genannt Börd, der ihn im Rahmen einer Studie zum sogenannten Starring-Prinzip begleitet.

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Es sieht vor, dass es bei der Wiedereingliederung hilft, für sich selbst eine Rolle zu erfinden, auf die man in schwierigen Situationen zurückgreifen kann. "Nicht, wer wir sein wollen, ist entscheidend, sondern wen wir darstellen können. Niemanden interessiert, wer Sie sind. Entscheidend ist, wer Sie vorgeben können zu sein."

Bei der Entwicklung dieser Rolle sollen aufgenommene Selbstgespräche helfen, in denen Arthur nach und nach von seiner Kindheit erzählt. Er war der ruhige, liebe Sohn, stets fügsam, höflich und unauffällig. Nur einmal fällt er aus dieser Rolle, das bringt ihn prompt ins Gefängnis.

Empathischer Blick auf die Figuren

In Arthurs Kindheit ist manches schiefgelaufen, aber Birgit Birnbacher geht es nicht um Schuldzuschreibungen oder einfache Kausalitäten. Wie schon in ihrer 2019 mit dem Bachmann-Preis ausgezeichneten Erzählung "Der Schrank" erforscht die Soziologin prekäre Lebensverhältnisse mit den Mitteln der Literatur.

Illusionslos, klar und zutiefst empathisch blickt sie auf ihre Figuren. Fraglos hat Arthur die Tat begangen, für die er verurteilt wurde, zugleich aber ist er auch ein Opfer.

Birnbachers Roman ist sozialrealistisch, aber ohne die Härten zu verklären oder zu überhöhen. Vielmehr verwebt sie tragische, komische und skurrile Momente. Dazu kommen lakonische und oftmals komische Bemerkungen sowie eigensinnige Figuren.

Damit unterstreicht Birnbacher noch einmal ihre menschenfreundliche Neugier – und unterläuft die stilistischen Erwartungen an eine Geschichte über die Resozialisierung eines Häftlings.

Ein neuer Anfang

Das Starring-Prinzip sieht vor, die eigene Geschichte selbst zu schreiben. "Ich an meiner Seite" macht sehr deutlich, dass sich die Wirklichkeit niemals ganz ausblenden lässt, Sprache und Literatur aber dabei helfen können, sie zu erfassen.

Arthur findet durch die Suche nach einer Rolle zu sich selbst – und damit das Gleichgewicht zwischen seinen Bedürfnissen und gesellschaftlichen Erfordernissen.

Am Ende steht für ihn dann ein neuer Anfang. Und man hofft, dass es ein guter ist.

Birgit Birnbacher: "Ich an meiner Seite"
Zsolnay Verlag, Wien 2020
272 Seiten, 23 Euro

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