Valérie Lemercier zu "Aline"

Humorvolle Hommage auf Céline Dion

12:14 Minuten
Die Darstellerin der "Aline" in gewohnter Céline-Dion-Pose auf der großen Bühne, im Hintergrund Tänzer*innen vor roten Stufen.
Weltstar in Aktion: "Aline" (Valérie Lemercier) in gewohnter Céline-Dion-Pose auf der großen Bühne. © Jean-Marie Leroy / Rectangle Productions / TF1 Films Production
Valérie Lemercier im Gespräch mit Susanne Burg · 18.12.2021
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Fast alle kennen den Welthit "My Heart Will Go On". Kaum jemand kennt den Menschen dahinter. Das Biopic "Aline" geht der Entwicklung Céline Dions augenzwinkernd nach. Regisseurin Valérie Lemercier erzählt im Gespräch, wem das nicht gefallen hat.
„Aline“ heißt ein neuer Film, der Ende 2021 ins Kino kommt. Die Hauptfigur Aline hat ziemliche Ähnlichkeiten mit einer lebenden Popikone: mit Céline Dion. Es ist ein Biopic, aber ein recht humorvoll-unkonventionelles: Die Schöpferin, die französische Schauspielerin, Regisseurin und Comedian Valérie Lemercier, spielt Aline vom kleinen Kind bis zur erwachsenen Frau. Alles beginnt mit Alines Eltern, die im kanadischen Quebec heiraten. Der Vater eröffnet der Mutter, er wolle keine Kinder haben.
Eineinhalb Filmminuten und 13 Kinder später kommt Aline als Nachzüglerin ins Spiel. Sie will Sängerin werden, trifft auf den Musikproduzenten Guy-Claude Kamar und die Karriere nimmt ihren Lauf: Grand-Prix-Gewinn 1988 und Aufstieg zum Weltstar. Dazu die Liebe zu Kamar.
Susanne Burg: Einen Film über eine berühmte Sängerin zu machen, von der die ganze Welt viele Bilder im Kopf hat, ist eine Sache. Aber von einer berühmten Sängerin, die noch lebt, ist es eine ganz andere Herausforderung. Sie haben den Namen verändert. Das hat bestimmt geholfen. Aber was hat Sie an Céline Dion interessiert?
Valérie Lemercier: Ihre Lebenskraft, ihre Freude, dass sie auch clownesk sein kann. Also diese Eigenschaft, alles in etwas Komisches zu verwandeln. Dann auch ihr Schicksal und ihr starker Wille. Sie wollte diese Liebe, sie hat sie sich erkämpft. Sie wollte ein Star werden und das hat sie erreicht.
Zunächst hat sie am Leben festgehalten, weil sie ein kleines Mädchen war, das als Nachzüglerin gar nicht auf die Welt kommen sollte. So ist auch ihr Lebenshunger größer als bei anderen. Das alles hat mich interessiert. In gewisser Weise sehe ich Gemeinsamkeiten zwischen ihr und mir, aber ihre selbstbewusste und kämpferische Seite stellt eher einen Gegenpol dar. Mir hat das gefallen. Ich selbst musste im Kino oft die Opfer spielen. Daher war ich froh, jemanden zu verkörpern, der gewinnt.

14 Kinder - in den 1960ern nicht außergewöhnlich

Susanne Burg: Würden Sie Ihren Film als Biopic bezeichnen?
Valérie Lemercier: Man kann den Film so nennen, wie man möchte. Das stört mich nie. Man könnte es als ein wildes Biopic bezeichnen.
Susanne Burg: Ich frage auch, weil Sie durchaus humoristische Stilmittel einbauen. Zum Beispiel am Anfang, nach der Heirat von Alines Eltern, als der Vater sagt, dass er keine Kinder möchte, und dann werden 13 Kindern in einer Filmminute geboren. Warum diese Entscheidung für den Humor? Um auch ein bisschen mit dem Genre des klassischen Biopics zu brechen?
Valérie Lemercier: Nein. Das ist einfach meine Art, mich auszudrücken. Seitdem ich zwei Jahre alt bin, versuche ich, die Leute zum Lachen zu bringen. Daher wollte ich den Film auch so beginnen.
Ich fand es verrückt, dass der Vater keine Kinder haben wollte. Im Quebec der 1960er-Jahre waren 14 Kinder nicht einmal viel. Damals war man noch sehr religiös, der Pfarrer kam auch persönlich vorbei, um sicher zu stellen, dass die Frauen alle zwei Jahre ein Kind bekamen.
Daher fand ich es so seltsam, dass sich der Vater zunächst gar keine Kinder wünschte und die Eltern später auch die Kleinste nicht wollten. Natürlich habe ich die Kinder im Film dann schnell hintereinander auf die Welt geschickt, weil es so viele gab und ich mich damit nicht aufhalten wollte. Wir warten nur auf die Letztgeborene. Mir war es aber auch wichtig, die große Verliebtheit der Eltern zu zeigen.
Genauso wie ich filme, dass die kleineren Kinder beim Essen warten müssen, bis die Großen fertig sind. Heute ist das umgekehrt, da bekommen zuerst die Jüngsten zu essen, aber damals war es eben anders. Die schon erwachsenen Kinder brachten Geld mit nach Hause und die Kleinen kamen erst danach dran.
„Aline“ ist dabei weit weniger komisch als andere Filme von mir. Denn es gab eben in ihrem Leben auch Dramen, vor allem, dass sie ihren Ehemann verlor. Da kann ich dann nicht mehr im Genre der Komödie bleiben.

"Es ist auch kein Dokumentarfilm"

Susanne Burg: Die Familie ist offensichtlich sehr wichtig für Aline. Der Film ist bereits in Quebec herausgekommen. Einige Familienmitglieder von Céline Dion haben nun die Darstellung der Familie kritisiert. Claudette und Michel Dion, Célines Schwester und Bruder, haben gesagt: „Wir erkennen unsere Sprache nicht wieder, unsere Familie, unsere Wurzeln.“ Was ist Ihre Antwort?
Valérie Lemercier: Sie sahen etwas, das ihnen nicht gefiel, zum Beispiel, dass Ihr Haus auch mal schmutzig war. Dabei wollte ich nur eine Familie voller Würde zeigen mit rührenden, komischen Leuten und einem bescheidenen, aber perfekten Haus. Man wirft mir auch vor, Céline habe niemals das Haus im Brautkleid verlassen. Das weiß ich, aber es ging mir hier um eine Metapher. Das Kleid ist einfach zu groß, also klettert sie durchs Fenster. Sie besitzt 10.000 Paar Schuhe, im Film sieht man nur 320.
Aline zu Hause mit Kind auf dem Arm vor güldener Kulisse.
Viel Glück und Gold: "Aline" mit Kind in heimischen Gefilden. © Jean-Marie Leroy / Rectangle Productions / TF1 Films Production
Sie besaß 15 Häuser, wir zeigen davon nur drei. Natürlich redet die Mutter anders als Célines Mutter. Das liegt daran, dass Filme aus Quebec untertitelt werden, wenn sie in Frankreich laufen. Ich wollte aber keinen untertitelten Film. „Aline“ ist übrigens eine Koproduktion zwischen Frankreich und Quebec. Daher bat ich meine Schauspieler – die aus Quebec kommen –, dass wir uns auf ein gemeinsames Französisch einigen.
Ich selbst habe die Stimme von Céline auch nicht imitiert und wollte das auch nicht bei den anderen Figuren. Es ist auch kein Dokumentarfilm. Sollte ich einen Fehler begangen haben, bin ich gern bereit, mich zu entschuldigen. Es gibt übrigens in der Familie von Céline Dion auch einige Mitglieder, die den Film sehr mochten, ich sage aber nicht ihre Namen und werde nicht hinter ihrem Rücken für meinen Film werben.
Susanne Burg: Es wird auch sehr deutlich, dass Sie sehr viel für den Film recherchiert haben. Wo haben Sie dann beschlossen, frei mit den Fakten umzugehen?
Valérie Lemercier: Ich habe viel gelesen und fand Interessantes vor allem in Büchern, natürlich auch in den Videos. In Quebec sind beispielsweise Bücher über ihre Mutter und René Angélil, ihren Mann und Produzenten erschienen, die es in Frankreich gar nicht gibt. Wenn man diese Bücher liest, versteht man, wie alles zusammenkommt und funktioniert. Ich habe sehr schnell erkannt, dass die Liebesgeschichte die wichtigste ist.
Dann sind auch Sachen im Film, die nicht stimmen, da habe ich auch die Namen geändert. Aber man lässt sich durch gewisse Wahrheiten auch inspirieren. Man muss für das Kino in starken Bildern denken. In einer Szene bringt Aline ihre fünfjährige Tochter zu Bett und am nächsten Morgen hat sie 40 Zentimeter längere Haare und ist fünf Jahre älter. Natürlich kann man sich nun hinstellen und sagen, so etwas gibt es nicht: eine Nacht, die fünf Jahre lang ist. Aber es handelt sich auch hier und da um ein Märchen. Da nimmt man sich künstlerische Freiheiten, die aber nie zulasten der Figuren gehen.
"Aline" mit ihrem Mann und Manager gestikulierend während der Fahrt in einer Limousine.
In Fahrt: "Aline" mit ihrem Mann und Manager, der im Film Kamar heißt. © Jean-Marie Leroy / Rectangle Productions / TF1 Films Production
Ich habe Céline, René, ihre Brüder und Schwestern nicht in den Schmutz gezogen. Ich selbst stamme auch aus einer großen Familie. Da ist man auch schnell gerührt, wenn Aline für ihren Mann ein Lied singt, wenn sie ihn heiratet, auch wenn sie nie im Brautkleid aus dem Fenstern gestiegen ist. Ich wollte das sehen und finde das schön und süß. Daher habe ich mir auch einiges zusätzlich ausgedacht. Damit will ich auch zeigen, dass sie sich eine gewisse Einfachheit bewahrt hat. Ich wollte genau das zeigen.
Susanne Burg: Sie spielen Aline in allen Altersgruppen ab dem fünften Lebensjahr. Das ist sehr amüsant. Warum haben Sie sich dafür entschieden?
Valérie Lemercier: Man spielt eine Rolle im Film ähnlich wie die eines Anwaltes, der sich für einen Klienten einsetzt. Warum sollte ich dann einer Assistentin diese Aufgabe erteilen? Das will ich selbst spielen. Ein Kind kann bestenfalls komisch sein oder sich selbst spielen, aber kann es auch eine komplexe Rolle spielen? In Frankreich dürfen Kinder auch nur vier Stunden am Tag drehen und ich kann auch einmal 18 Stunden am Stück vor der Kamera stehen.

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In meinen Shows spiele ich die Kinderrollen immer selbst. Man sollte nur machen, wovon man etwas versteht und mir fallen solche Rollen nicht schwer. Also übernehme ich das. Das mag etwas bizarr erscheinen, aber in Frankreich weiß man, dass ich auch die Kinderrollen spiele, und findet es amüsant. In Deutschland oder Stockholm sieht man das vielleicht etwas anders.
Ich möchte betonen, es handelt sich nicht um mein altes Gesicht auf dem Körper eines jungen Kindes. Ich habe das mit meinem ganzen Körper gespielt. Ich bin dann das Kind. Also hat man meinen gesamten Körper mit digitalen Spezialeffekten verkleinert.
Auftritte vor 80.000 Fans, aber ohne Zuschauer
Susanne Burg: Wie schwierig war es, das filmisch umzusetzen?
Valérie Lemercier: Wir haben das auf zweifache Weise gedreht. Einmal so wie beim Meister Méliès. Ich sitze ganz allein in einem großen Klassenraum, so entsteht das Gefühl, ich sei klein. Wenn sie vor dem Schuhgeschäft ist, befand ich mich in einem Loch und meine Mutter auf einem Podest. Das funktioniert sehr einfach. Sonst haben wir nichts verändert, auch nicht mein Gesicht.
In Szenen, in denen meine Figur dann mit Erwachsenen spielt, stand ich etwa 50 Zentimeter tiefer und wurde später digital verkleinert. Es gibt auch andere Special Effects im Film. Je mehr ich in riesigen Arenen singe, desto mehr war ich allein.
Am Ende, wenn sie in Stadien singt, war niemand mehr im Saal. Ich sollte aber etwas vor 80.000 Fans spielen mit null Zuschauern. Das macht man dann nur noch vor dem Green Screen. Wenn die Auftrittsorte riesig sind, waren sie eigentlich leer. Das fand ich durchaus komisch.
Susanne Burg: Sie führen auch den Song „All By Myself“ auf. Da stimmen alle Gesten, die man von Céline Dion kennt. War es wichtig, dass es der realen Céline möglichst nahekommt – auch, weil es ihre Musik ist?

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Valérie Lemercier: Ich habe nicht ihre Stimme imitiert. Aber ihre Bewegungen und ihre gesamte Energie sind schon einmalig und besonders. Sie hält das Mikrofon in der linken Hand. Ich hätte es also niemals in der anderen Hand halten dürfen. Diese Konzertaufnahmen dauern nicht lange. Das sind kurze Momente, aber ich glaube, man sieht sie im Film vielleicht gerade einmal 20 Sekunden auf der Bühne. Mal hier eine Sekunde, mal dort eine Sekunde.
Ein Großteil der Besetzung aus Quebec
Susanne Burg: Wir haben über die Reaktionen der beiden Familienmitglieder geredet. Aber welche anderen Reaktionen haben Sie vom Publikum aus Quebec bekommen?
Valérie Lemercier: Viele aus Quebec haben gesagt, der Film sei eine Hommage an Quebec. Vielleicht ist es für eine Französin einfacher, den Einwohnern Quebecs zu sagen, dass sie wunderbar sind. Es gibt da eine Vergangenheit, die für sie sehr schmerzvoll ist. Man hat sie allein gelassen. Sie mussten sich ihre Sprache bewahren. Das alles ist sehr kompliziert.
Ich habe durchgesetzt, dass 95 Prozent der Schauspielenden aus Quebec stammen, die man vorher nie gesehen hat. Das war extrem wichtig. Der Film wurde zum Großteil mit einheimischen Darstellern in Quebec produziert. Der Film läuft dort auch sehr gut.
Ja, es gab dieses eine Problem mit der Familie, aber ich hoffe, das wird sich auch wieder legen. Auf jeden Fall wollte ich diese Familie niemals in den Dreck ziehen. Niemals. Das habe ich auch wirklich nicht getan.

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