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Zeitfragen | Beitrag vom 15.03.2018

Biologe Jonathan BalcombeFaszinierende Fakten über ein unterschätztes Wesen

Von Marko Pauli

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Ein Lippfisch schwimmt hinter der Panzerglasscheibe in einem Aquarium des Meereszentrums in Burg auf Fehmarn. (picture alliance / dpa / Horst Pfeiffer)
Ein Lippfisch im Aquarium: Exemplare dieser Art, schleudern Muscheln gegen Steine, um sie zu öffnen. (picture alliance / dpa / Horst Pfeiffer)

Sie haben einen Charakter, Bedürfnisse und Wünsche: In "Was Fische wissen" eröffnet der Biologe Jonathan Balcombe ungeahnte Einblicke in das Leben und die Fähigkeiten der Unterwassertiere. Sein Bestseller ist nun endlich auf Deutsch zu haben.

"Geräusche sind wichtig für die Kommunikation", sagt Jonathan Balcombe. "Die meisten Fische erzeugen sie mit der Schwimmblase, sie lassen sie vibrieren oder reiben sie an benachbarten Organen. Einige Arten produzieren sie mit den Zähnen oder den Gräten. Manche tragen die Geräusche, die sie erzeugen, im Namen, so wie der Trommelfisch."

Oder der Grunzer, der hier in einem Fisch-Chor zu hören ist, gemeinsam mit einem Riesenzackenbarsch, der wie ein Nebelhorn klingt und den sanften, aufsteigenden Vokalisationen eines Fledermausfisches.

Fische können auch auf elektrische Art kommunizieren, wie sich in den Aufnahmen des Zoologen Bernd Kramer hören lässt:

"Das war in der Nähe von Manaus am Rio Negro. Und unter den Hausbooten kann man feststellen, dass dort große Gruppen von Eigenmannien leben."

Elektrische Signale der Eigenmannien

Ganz normale Fische im Amazonasgebiet, klein, langgestreckt, meist transparent. Bernd Kramers Kopfhörer, der wie eine Radioantenne funktioniert, kann ihre elektrischen Signale empfangen:

"Dort ist mir aufgefallen im Ruderboot auf dem Wasser, dass die in der Gruppe sehr harmonische Chöre bilden, und dass die sich in den Frequenzen auseinanderspreizen, ganz offensichtlich Rücksicht aufeinander nehmen, dass keiner mit derselben Frequenz entlädt wie der Nachbar."

Bernd Kramer hat herausgefunden, dass diese Fische ein so feines Gespür für die Unterschiede in ihren Signalen haben, dass sie auseinanderhalten können, was für das menschliche Ohr absolut gleich klingt:

"Eine faszinierende Welt, die uns verschlossen war. Wie hat jemand mal so schön gesagt: Tropische Flüsse sind so unerforscht wie die Rückseite des Mondes."

Das kann jetzt anders werden: Denn Kramers Forschung findet sich auch in Jonathan Balcombes Buch wieder – dieser großartigen Ansammlung über all das, was Fische wissen, fühlen und können: So ist der Geruchssinn von Haien etwa 10.000-mal sensibler als der des Menschen. Lippfische schleudern Muscheln gegen Steine, um sie zu öffnen. Rochen lernten in Versuchen, an Futter aus einem PVC-Rohr heranzukommen und erfanden dabei unterschiedliche Strategien, und Goldfische erinnern sich noch ein Jahr nach einem Versuch mit farbigen Futterschläuchen an die Farbe ihres Schlauches.

Jonathan Balcombe: "Was Fische wissen - Wie sie lieben, spielen, planen", mare Verlag (mare Verlag / imago)"Was Fische wissen" von Jonathan Balcombe hat es direkt auf unsere Sachbuchbestenliste geschafft. (mare Verlag / imago)

Die fehlende Mimik täuscht

Wer Fische bisher, vielleicht aufgrund der fehlenden Mimik, für simpel gestrickt hielt, wird bei Jonathan Balcombe eines Besseren belehrt.

"Wir haben Fische bisher sehr unterschätzt, deshalb habe ich ja dieses Buch geschrieben. Es gibt viele Beispiele: Manche Fischarten sind zum Beispiel sehr gesellig, haben Freunde, bevorzugen diesen oder jenen Partner. Fische fallen auf optische Täuschungen herein, machen auch andere Fehler, so wie wir es tun.

Sie lernen durch Beobachtung, werden also besser in dem was sie tun, indem sie anderen Fischen zusehen. Sie erkennen die Gesichter von Menschen wieder, und Fische können Schmerz empfinden, versuchen auch, ihn zu vermeiden, können sich an ihn erinnern und unternehmen Schritte, um ihn loszuwerden."

Ob Fische Schmerz empfinden können, darüber wird in der Wissenschaft immer noch gestritten, wobei viele Studien darauf hindeuten, dass sie dazu in der Lage sind:

"Die für mich überzeugendste Studie ist eine, die mit Zebrafischen veranstaltet wurde. In einem Aquarium wurde ein sehr hell ausgeleuchteter Bereich geschaffen - ein Areal, das die Fische normalerweise immer meiden würden. Als den Tieren Säure injiziert wurde, um ihnen bewusst Schmerz zuzufügen, schwammen sie freiwillig dorthin - aber immer nur dann, wenn dort Schmerzmittel aufgelöst wurde. Sie suchen also nach Schmerzlinderung und sind bereit, den Preis dafür zu zahlen.

Leidensfähigkeit hat Folgen für Tierschutz

Ist ein Tier leidensfähig, so darf ihm kein unnötiges Leid zugefügt werden, das ist der Verhaltensmaßstab, das ist aber auch so im Tierschutzgesetz festgehalten. Balcombe fordert einen anderen Umgang mit Fischen und das ist das eigentliche Thema des Buchs. "Den Billionen Unbekannten gewidmet", stellt Balcombe seinem Buch voran.

Und er meint damit die geschätzt 1000 bis 3000 Milliarden Fische, die jährlich den Gewässern entnommen und getötet werden, und von denen etwa 40 Prozent als ungewollter Beifang tot oder schwerverletzt zurück ins Meer geworfen werden. Die Methoden der industriell betriebenen Fischerei sind fatal, wenn sie so weitermache, so das Ergebnis einer Studie, sind die Meere bis zum Jahr 2048 leergefischt.

"Wir dürfen nicht vergessen, dass ein Tier, das Schmerz empfinden kann, auch in der Lage ist, Freude zu empfinden. Es gibt auch Anzeichen dafür, dass Fische spielen."

Freundschaften zwischen Mensch und Fisch

In einem Aquarium im Zoo könne jeder für sich selbst herausfinden, so Jonathan Balcombe, dass Fische Individuen sind, die über ein Bewusstsein verfügen. Wer dort einen einzelnen Fisch beobachtet, würde erkennen, dass sein Verhalten nicht zufällig geschieht, dass die Augen Aufmerksamkeit zeigen, dass die Nähe zu Artgenossen gesucht wird und dass sich Individuen tatsächlich individuell verhalten.

Diskusfische, aufgenommen am 10.8.2015 in einem Aquarium (imago / blickwinkel)Diskusfische in einem Aquarium (imago / blickwinkel)

Mit einer Anekdote, von denen es nicht wenige im Buch gibt, die vom Diskusfisch Jasper handelt, zeigt Balcombe, dass Fisch und Mensch auch miteinander interagieren können:

"Wenn die Frau, die mit ihm lebte, nach Hause kam, spielten sie immer ein Spiel: Sie lief vor dem Aquarium hin und her und Jasper darin tat es ihr nach, schwamm parallel mit ihr hin und her. Danach legte die Frau manchmal ihre zu einer Schale geformten Hände ins Wasser. Jasper schwamm dann auf die Seite und in diese Handschale hinein, blieb dann auf der Seite liegen und ließ sich von ihr mit dem Daumen streicheln.

Diese Kommunikation zeigt den Spaß am Spiel, den Fische haben und die Freude an der Berührung. Ich hab mit vielen Aquarienbesitzern gesprochen und weiß, dass einige von ihnen enge Freundschaften zu ihren Fischen entwickeln. Ein Fisch ist ein Individuum, hat einen eigenen Charakter, Bedürfnisse, Wünsche, Überzeugungen und ein Leben, eine eigene Biografie."

Jonathan Balcombe: Was Fische wissen. Wie sie lieben, spielen, planen - unsere Verwandten unter Wasser
Aus dem Englischen übersetzt von Tobias Rothenbücher
mare Verlag, Hamburg, 2018
352 Seiten, 28 Euro

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