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Interview | Beitrag vom 11.07.2019

BioinformatikMedikamente, so passgenau wie ein Maßanzug

Jens Meiler im Gespräch mit Dieter Kassel

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DNA in einem Teströhrchen. (imago / Westend 61)
DNA in einem Teströhrchen: Gibt es bald maßgeschneiderte Medikamente für jeden Patienten? Daran forscht Jens Meiler. (imago / Westend 61)

Jeder Körper reagiert anders. Wäre es da nicht von Vorteil, wenn man Krankheiten mit ganz individuellen Medikamenten behandeln könnte? Daran forscht der Chemiker Jens Meiler. Er hofft, so auch bisher unheilbaren Krebs behandeln zu können.

Dieter Kassel: "Ich möchte Medikamente entwickeln, die zu einem Patienten so genau passen wie ein Maßanzug." Das sind große Worte, aber bei Jens Meiler sind sie gerechtfertigt. Denn er ist weltweit im Moment der Experte auf dem Gebiet der Bioinformatik. Seit Jahren forscht er genau an diesem pharmazeutischen Maßanzug, und zwar an der Vanderbilt University in Nashville in den USA und bald auch in Leipzig.

Herr Meiler, mal ganz konkret: Wenn ich mir jetzt vorstelle, Sie hätten das schon so weit vorangebracht, dass es Alltag ist, und ich gehe dann zum Arzt mit einer Krankheit, für die ich ein Medikament benötige – was würde dann genau passieren?

Meiler: In Zukunft wird es sicherlich so sein, dass viel häufiger bei einem Arztbesuch das Genom sequenziert wird, dass man also genau studiert, was ist die DNA des Patienten, und dann die Behandlung auf die persönliche DNA abstimmt. Im Augenblick ist es ja so: Man geht zum Arzt und hat bestimmte Symptome, Kopfschmerzen oder eine Infektionskrankheit, eine Grippe, und dann bekommt man Medikamente verschrieben.

Und das sind dann Medikamente, die man bei einer Grippeinfektion gibt. Wenn man aber die Sequenz, die DNA des Patienten, die Antikörper, die der Patient entwickeln kann, kennt und die DNA des Virus, dann kann man personalisiert therapieren - unter Umständen besser, als man das mit so einer Standardtherapie machen kann.

Krebs besser behandeln können

Kassel: Das heißt, ganz konkret würde der Arzt möglicherweise sagen, geben Sie mir eine Speichelprobe oder ein Haar oder so etwas.

Meiler: Genau. Sicherlich jetzt nicht bei Kopfschmerzen oder einer Erkältung in näherer Zukunft, aber bei Krankheiten, die lebensbedrohlich sind, passiert das zum Teil auch schon. Also zum Beispiel bei Krebserkrankungen in meiner Forschung in Nashville an der Vanderbilt-Universität haben wir in der Tat Patienten, wo die Krebszellen in ihrer DNA aufgeklärt werden und dann auf Basis der Mutation in dieser Krebszelle eine personalisierte Therapie entwickelt wird. Das wird also beginnen mit Krankheiten, die wirklich lebensbedrohlich sind, und sich dann sicherlich nach und nach zu anderen Krankheiten fortsetzen.

Kassel: Bedeutet das dann auch, dass Sie Krebsarten heilen können, die jetzt noch als unheilbar gelten?

Meiler: Das ist die Hoffnung, und das kann sicherlich dazu beitragen. Viele Krebsarten, die heute unheilbar sind, sind neue Mutationen in Krebszellen, die man jetzt noch nicht beobachtet hat, noch nicht kennt und deswegen auch noch nicht weiß, wie man sie optimal behandelt. Ein Krebs ist ja nicht gleich ein Krebs. Ein Brustkrebs ist nicht ähnlich zu einem anderen Brustkrebs. Da können ganz verschiedene Mutationen in den Krebszellen auftreten. Zu verstehen, was die Konsequenz dieser Mutationen ist auf molekularer Basis, wird in der Zukunft dazu führen, dass man dann auch Krebsarten heilen kann, die heute noch unheilbar sind.

Pillen aus dem 3D-Drucker – das ist Zukunftsmusik

Kassel: Aber würde das in Zukunft bedeuten, bei den Krankheiten, bei denen es dann möglich sein wird, also ich gebe eine Speichel-, Haar- oder was auch immer -probe ab, der Computer untersucht das, entwickelt ein Medikament, und dann gibt er diese Information an den 3-D-Drucker weiter, und der druckt die Pillen dann einfach aus?

Meiler: Das ist sicherlich noch ein paar Jahrzehnte weg, aber ganz stark vereinfacht wäre das natürlich die Vision. Im Augenblick ist es mehr so, dass wir zum Beispiel dazu beitragen, das richtige existierende Krebsmedikament auszuwählen. Wir hatten zum Beispiel einen Fall von einem Lungenkrebspatienten, wo die Standardtherapie nicht angeschlagen hat. Wir haben dann diese Analyse durchgeführt zusammen mit dem Arzt und haben vorgeschlagen, dass der Patient mit einem Medikament, was nur für Brustkrebs zugelassen ist, behandelt werden sollte, weil auf molekularer Ebene die Mutation in diesem Lungenkrebs auf die Therapie für Brustkrebs anspringen sollte.

Kassel: Aber ich überlege mir gerade, wenn das mal weiter ist, also 3-D-Drucker nicht, oder erst Zeiten, die wir vielleicht beide nicht mehr erleben... aber wenn es dann soweit ist, dass der Computer ein Medikament entwickeln kann, das wirklich individuell zugeschnitten ist auf einen Patienten, wie ist es dann rechtlich, wenn ich mir da – es ist in den USA entfernt ähnlich, aber in Deutschland – angucke, wie lange es dauert, eh ein Medikament erprobt ist, zunächst in der Theorie, dann an Tieren, dann an Menschen, und wie lange ein Zulassungsverfahren dauert, ich meine, das würde doch alle Vorteile Ihrer Methode wieder kaputtmachen, wenn das dann so lange dauert.

Meiler: Das ist sicherlich eine berechtigte Frage. Es spielt natürlich im Augenblick noch keine wirkliche Rolle, weil wir noch so weit weg sind von der Realisierung. Ich erwarte schon, dass sich dann auch Zulassungsverfahren ändern und anpassen werden. Wie gesagt, häufig ist es auch so, dass wir praktisch die Verwendung eines existierenden Medikaments für eine neue Diagnose vorschlagen oder im Falle von menschlichen Antikörpern – viele Therapeutika heutzutage sind ja keine kleinen Moleküle mehr, sondern Proteine, häufig auch Antikörper –, denke ich auch, dass es dann da vereinfachte Zulassungsverfahren geben wird für modifizierte Antikörper.

Was ist mit dem Datenschutz?

Kassel: Ich könnte mir vorstellen, dass manch einer, der das jetzt hört und auch in Zukunft, wenn es vielleicht immer konkreter wird, die Frage stellt, wie ist es eigentlich mit dem Datenschutz oder mit meinem Persönlichkeitsschutz, wenn da aufgrund einer Erkrankung vielleicht irgendwann in Zukunft sogar einer relativ alttäglichen Erkrankung mein Genom sequenziert wird, ich spitze es mal zu: Könnte es nicht passieren, dass der Computer sagt, ach, bei dem lohnt sich das nicht mehr, da lesen wir, der wird sowieso in drei Jahren an etwas anderem  sterben?

Meiler: Also zurzeit ist es so, dass wir alle entsprechendes Training bekommen, wie wir mit diesen Daten umzugehen haben. Die Daten sind auch deidentifiziert, also ich sehe die Mutationen, weiß aber nicht, zu welchem Patienten die konkret gehören. Es ist immer so, dass neue Technologien solche ethischen Fragen stellen, und die Gesellschaft muss am Ende diese ethischen Fragen beantworten. Es kann auch sein, dass die Antwort in den USA dann anders ausfällt als vielleicht in Deutschland.

Ich als Wissenschaftler kann versuchen, die Konsequenzen abzuschätzen und das zu erklären, aber die Gesellschaft muss am Ende natürlich entscheiden, was sie erlauben möchte und was nicht. Ich persönlich würde natürlich so eine Analyse, na bei dem lohnt das nicht mehr, das wäre natürlich keine Entscheidungsbasis für meine Forschung. Ich muss Ihnen aber auch sagen, wenn ich mit den Ärzten rede, die die Patienten behandeln, das sind also heutzutage häufig unheilbare Fälle oder Fälle, die als unheilbar angesehen werden, Menschen mit Krebs und auch Menschen mit anderen Krankheiten, und dort steht die Frage nach dem Datenschutz bei dem Patienten konkret häufig erst mal hinten an, sondern der Patient ist erst mal sehr erfreut, dass also es vielleicht noch neue Ansätze gibt, die ihm persönlich dann helfen können.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandfunk Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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