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Buchtipp / Archiv | Beitrag vom 25.09.2005

Biographie über einen Märtyrer

Ferdinand Schlingensiepen: "Dietrich Bonhoeffer"

Vorgestellt von Margarete Limberg

F. Schlingensiepen: "Dietrich Bonhoeffer", Coverausschnitt (Verlag C. H. Beck)
F. Schlingensiepen: "Dietrich Bonhoeffer", Coverausschnitt (Verlag C. H. Beck)

Die neue Biographie berichtet über einen Märtyrer, der den Tod bewusst auf sich genommen hat. Sie gibt Einblick in sein theologisches Denken, das von frappierender Aktualität ist. Und sie beschreibt eine dem Leben zugewandte Persönlichkeit.

Über dem Portal der Westminster Abbey stehen 10 Statuen von Märtyrern des 20. Jahrhunderts, in ihrer Mitte mit aufgeschlagener Bibel Dietrich Bonhoeffer. Schon wenige Wochen nach seiner Ermordung im KZ Flossenbürg, zu einer Zeit also als Deutschland in aller Welt zutiefst verhasst war, fand in London ein öffentlicher Gedenkgottesdienst für ihn statt, den die BBC übertrug. Der Bischof von Chichester George Bell schildert den Freund mit diesen Worten:

" Sein Tod ist ein Tod für Deutschland, ja für Europa. Er bedeutet, wie sein Leben, etwas unendlich Wertvolles für die Bekennende Kirche. Als einer aus der Gemeinschaft der Märtyrer repräsentiert er beides, den Widerstand, den die glaubende Seele im Namen Gottes allen Angriffen des Bösen entgegensetzt, und den moralischen und politischen Aufstand des menschlichen Gewissens gegen Unrecht und Gewalt. "

Bonhoeffers erster Biograph Eberhard Bethge musste ihn noch gegen Verunglimpfungen in Schutz nehmen. Heute ist klar, dass die vermeintlichen Verräter die wahren Patrioten waren.

Diese neue Biographie schildert das Leben eines außerordentlichen Menschen und eines herausragenden Theologen und beschreibt das Ringen eines gläubigen Menschen, für den das Gebot "Du sollst nicht töten" Richtschnur ist und der dennoch die Ermordung Hitlers für notwendig hält.

Nur wenige sahen so klar wie Bonhoeffer, wohin die Nazis steuerten. Dank seines Schwagers Hans von Dohnányi - ein hoher Beamter im Justizministerium - war Bonhoeffer früh über die verbrecherischen Absichten der Nazis informiert. Kaum ein anderer Theologe hat so früh und klar wie er erkannt, dass die Kirche eines Tages an ihrer Bereitschaft, die Juden zu schützen, gemessen würde. Schon 1933 forderte er:

" Die Kirche ist den Opfern jeder Gesellschaftsordnung in unbedingter Weise verpflichtet, auch wenn sie nicht der christlichen Gemeinde angehören."

In der Bekennenden Kirche kämpft Bonhoeffer gegen die Anpassungsbereiten und Zaghaften für eine klare Stellungnahme gegen das Unrechtsregime. Er ist verzweifelt über das Schweigen zu den Pogromen der so genannten "Reichskristallnacht" am 9.November 1938.

Für Bonhoeffer war der Weg vom öffentlichen Protest zum geheimen Widerstand nach den Pogromen entschieden. Für ihn war klar, dass Hitler ausgeschaltet werden musste, um weitere Verbrechen zu verhindern. 1940 wurde er als Pfarrer beurlaubt - um offiziell an seiner "Ethik" zu schreiben – und in Wirklichkeit Mitarbeiter der militärischen Abwehr unter Admiral Canaris zu werden. Canaris war der Kopf einer geheimen Verschwörung gegen Hitler, in die Bonhoeffer durch seinen Schwager Dohnányi eingeweiht war und an der er nun selbst beteiligt war. Die Zeit der frommen Worte sei vorüber, sagte er damals.

Unter dem Deckmantel der Agententätigkeit nutzte er seine vielfältigen ökumenischen Kontakte in die USA, die Schweiz, nach Schweden und vor allem Großbritannien, um über die Opposition gegen Hitler aufzuklären. Aber zur Tragödie des deutschen Widerstands gehört auch, dass er für die Alliierten als ernstzunehmender Gesprächspartner nicht in Frage kam, daran konnte auch Bonhoeffer nichts ändern. Für Churchill waren alle Deutschen Nazis.

Bonhoeffer selbst hielt ab 1940 Landesverrat und Tyrannenmord für sittlich geboten, um weitere Gräueltaten wie in Polen zu verhindern. Als ihn Dohnányi fragt, ob Christen sich an einem Mord beteiligen dürften, antwortet er, Mord bleibe Mord, auch wenn er wie im Fall Hitlers unbedingt notwendig sei. Aber man müsse bereit sein, die Schuld dafür auf sich zu nehmen. Wenn er an Hitler herankäme, würde er selbst die Bombe werfen.

" Aber so konnte auch Bonhoeffer nur nach erheblichen inneren Kämpfen reden. Man sieht das daran, dass er sich 1941 Gedanken darüber gemacht hat, ob er nach dem Attentat Pfarrer bleiben könne. Er konnte die Bombe nicht selber werfen, aber das Blut Hitlers würde nach einem gelungenen Attentat auch an seinen Händen kleben. Er fragte sich, ob der Teilnehmer an einem Mordkomplott noch das heilige Abendmahl würde austeilen dürfen. Wir machen uns heute von den Skrupeln, die die Verschwörer zu überwinden hatten, kaum noch eine Vorstellung."

Alle Attentatspläne scheiterten. Bonhoeffer, der bereits im Frühjahr 1943 verhaftet worden war, wurde kurz vor Ende des Krieges, am 9. April 1945, im KZ Flossenbürg hingerichtet, auf persönlichen Befehl Hitlers.

Diese bewegende Biographie berichtet über einen Märtyrer, der den Tod bewusst auf sich genommen hat, der in einer extremen Situation die Entscheidung trifft, die notwendig ist. Sie gibt Einblick in das theologische Denken Bonhoeffers, das von frappierender Aktualität ist, sie beschreibt eine vielseitig interessierte und den Menschen und dem Leben zugewandte Persönlichkeit.

Schlingensiepen widersteht der Versuchung, Bonhoeffer zu verklären. Und doch wird sich kaum jemand seiner Ausstrahlungskraft entziehen können.

Ferdinand Schlingensiepen:
Dietrich Bonhoeffer
1906 – 1945 - Eine Biographie
Verlag C.H. Beck, München 2005

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