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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 02.06.2006

Biografisches Dokument einer Grenzerfahrung

Joerg Waehner: "Einstrich - Keinstrich. NVA-Tagebuch"

Rezensiert von Frank Meyer

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NVA-Soldaten in Ostberlin, 1989 (AP)
NVA-Soldaten in Ostberlin, 1989 (AP)

Eine autobiografische Story: Joerg Waehner wird 1982 als 19-Jähriger von der Stasi verhaftet. Weil die "Beweise" gegen ihn nicht ausreichen, wird er direkt zum Dienst in der NVA eingezogen. In "Einstrich - Keinstrich. NVA-Tagebuch" schreibt Waehner seine zumeist bedrückenden und traurigen Erfahrungen bei der Armee, aber auch vom Versuch, Widerstand zu leisten.

7. April 1982. Joerg Waehner, 19 Jahre alt, wird in Karl-Marx-Stadt von vier bewaffneten Männern verhaftet. Bei der örtlichen Staatssicherheitsstelle wird er verhört. Das Ziel dieses Verhörs kann Joerg Waehner ein Jahrzehnt später in seinen Stasi-Akten nachlesen: "Die Vernehmung des Verdächtigen [ist] mit der Zielsetzung durchzuführen, nach weiteren Beweisen der strafrechtlichen Verantwortlichkeit des Verdächtigen die Paragraphen 106 und 213 StGB auszuschöpfen und ein Ermittlungsverfahren mit Haft einzuleiten." Für die Haft reichen die Beweise nicht, aber der Staatssicherheitsdienst hat für Joerg Waehner eine andere Strafe parat: Er wird sofort zu 18 Monaten Grundwehrdienst eingezogen. Von dieser Zeit erzählt das NVA-Tagebuch des Autors.

Zwei inoffizielle Mitarbeiter hatten Joerg Waehner beim Staatssicherheitsdienst denunziert. Grit B. war die eine, eine frühere Freundin, die ein Kind von ihm erwartet. Der andere IM war Gregor M., ein deutlich älterer, väterlicher Freund, in dem Joerg Waehner einen Mentor für seine ersten Versuche als Autor sah. Die beiden hatten der Stasi gesteckt, dass Waehner sich für die Solidarnocs-Bewegung in Polen interessierte, dass er der Kirche nahe stand, dass er Bücher aus dem westlichen Ausland besaß. Das reicht aus, um aus Joerg Waehner eine feindliche Zielperson zu machen.

Seine Karriere als Beobachtungsobjekt kann Waehner bei der Nationalen Volksarmee fortsetzen. Mindestens drei Spitzel sind ständig auf ihn angesetzt. Er ahnt etwas davon, außerdem warnen ihn einige der Soldaten, die für seine Überwachung angeworben werden sollen. Bei jedem vertrauensvollen Gespräch muss sich Waehner deshalb fragen: Ist das ein an mir interessierter Mensch oder ein auf mich angesetzter IM? Den Höhepunkt seiner Laufbahn als feindlich-negatives Element erlebt Joerg Waehner, als er einen Theater-Essay mit dem Titel "Ein Amerikaner in Karl-Marx-Stadt" verfasst. Die Stasi nimmt den fiktiven Text als bare Münze und vermutet ein Einsickern von zehn leibhaftigen Amerikanern nach Karl-Marx-Stadt, gesteuert – natürlich – von der CIA. Die Geschichte schlägt Wellen bis hinauf zum Sicherheitsminister Erich Mielke.

Bei all diesen auch absurden, meistens aber bedrückenden, traurigen und gefährdenden Erfahrungen ist es erstaunlich, mit wie wenig Hass und Eifer Joerg Waehner davon erzählt. Er hat einen Dokumentenband zu zwei Jahren DDR-Geschichte zusammengestellt. Die wichtigste Quelle dafür ist sein NVA-Tagebuch. Dazu kommen Briefe von Freundinnen und Freunden, viele davon sind ebenfalls gerade bei der Armee gelandet. Eine zweite, im geheimen parallel verlaufende Geschichte erzählen Ausschnitte aus seiner Stasi-Akte. Breshnews Tod, das Kriegsrecht in Polen, Verhandlungen über Kredite und Transitstrecken zwischen DDR und BRD - eine dritte Ebene hat Waehner aus Medienberichten zusammengebaut. Mit dieser Mischung bildet er die Schichtungen der DDR-Wirklichkeit ab, den Alltag in der Kaserne, Soldatenrituale und Versorgungsprobleme, offizielle Desinformation und heimlich weitergereichtes Wissen, eigene Beobachtungen und das Beobachtetwerden durch den Staat.

Joerg Wahner erzählt nicht als später Racheengel, sondern als Zeitgenosse vom Leben in der DDR. Von seinen Ängsten und Kompromissen berichtet er genauso wie vom versuchten Widerstand. Sein nüchternes, unpathetisches und materialgesättigtes Erzählen entwickelt einen ganz eigenen Sog. Eine bittere Pointe hat er sich für den Schluss des Buches aufgehoben. Ganz in der Nähe seiner NVA-Kaserne lag die Landes-Heil- und Pflegenanstalt "Sonnenstein". Die Nazis haben dort Waehners Urgroßvater erst eingesperrt und dann in einem Euthanasie-Programm ermordet. Joerg Waehner selbst, das erfährt er nach dem Ende der DDR von früheren Stasi-Offizieren, wäre wie sein Urgroßvater in "Sonnenstein" interniert worden, wenn die DDR ihre schon geplanten "Isolierungslager" für Regimegegner eingerichtet hätte.

Joerg Waehner: Einstrich - Keinstrich. NVA-Tagebuch
Verlag Kiepenheuer und Witsch
325 Seiten, 9,95 Euro

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