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Thema / Archiv | Beitrag vom 10.10.2012

Bill Manhire: Es gibt viele unterschiedliche "Neuseeländer"

Literat über eine Lesenation am "Ende des Universums"

Moderation: Susanne Burg

Die neuseeländische Maori-Gruppe Te Matarae führt bei der Eröffnungsfeier der Buchmesse einen Tanz auf. (picture alliance / dpa / Arne Dedert)
Die neuseeländische Maori-Gruppe Te Matarae führt bei der Eröffnungsfeier der Buchmesse einen Tanz auf. (picture alliance / dpa / Arne Dedert)

Mit dem von ihm herausgegebenen Kurzgeschichtenband "Ein anderes Land" möchte der neuseeländische Schriftsteller und Literaturwissenschaftler Bill Manhire gegen das Klischee antreten, mit dem sein Land für sich wirbt: "100 Prozent rein".

Susanne Burg: Von uns aus kann man auf der Erde kaum weiter reisen als nach Neuseeland. 18.000 Kilometer liegen zwischen uns und dem pazifischen Inselreich. Nun rückt Neuseeland für einige Tage sehr viel näher. Es ist Gastland auf der Frankfurter Buchmesse, die heute beginnt. Knapp 70 neuseeländische Schriftsteller reisen dafür an. Und mit dabei ist auch Bill Manhire, Literaturwissenschaftler an der Universität von Wellington, Autor, Lyriker, Leiter einer Schreibschule und eine Art Oberhaupt der literarischen Szene Neuseelands. Viele der wichtigen Autoren und Dichter des Landes haben bei ihm gelernt, und ich freue mich, ihn jetzt in einem Studio in Frankfurt am Main begrüßen zu können. Guten Tag, Herr Manhire, hello!

Bill Manhire: Hello!

Burg: Mister Manhire, Neuseeland gilt als Lesenation, ist aber mit 4,4 Millionen Einwohnern von der Bevölkerungszahl her recht übersichtlich. Wie gut kann man als Schriftsteller in Neuseeland vom Schreiben leben.

Manhire: Es ist in Neuseeland wirklich sehr schwer, von der Schriftstellerei zu leben. Das ist auch einer der Gründe, weshalb die Kurzgeschichte in Neuseeland so blüht, beginnend von Katherine Mansfield, denn eine Kurzgeschichte kann man am Abend oder am Wochenende schreiben, während man an einem Roman ja Tag um Tag, Woche um Woche, monate- oder gar jahrelang sitzt. Und erst über die letzten 30 Jahre hat sich so etwas herausgebildet, dass die Schriftsteller mithilfe von Stipendien, von Preisen, von solchen Bezuschussungen allmählich auch davon leben können, und das hat tatsächlich auch zu einer Blüte der neuseeländischen Literatur geführt.

Burg: Wenn wir auf die Verlagsszene schauen: Lange Zeit wurden Bücher aus Neuseeland nur wahrgenommen, wenn sie in London verlegt wurden. Das ging auf die frühere Zugehörigkeit zum Commonwealth zurück. Wie sehr hat sich die Verlagsszene heute von Großbritannien emanzipiert?

Manhire: Es geht zäher voran, als uns eigentlich lieb ist. Denn immer noch bestimmen die üblichen Handelswege, wie sie im Empire, im Commonwealth sich herausgebildet haben, auch die Entscheidungen. Neuseeländische Schriftsteller, die in London und New York verlegt werden, haben es einfach einfacher dann, nach Europa oder Asien zu den Lesern zu gelangen, und deswegen ist die Frankfurter Buchmesse für uns so wichtig, denn sie öffnet ein Tor direkt zu den Lesern, ohne über den Umweg London, New York oder die englischsprachige Welt zu gehen.

Burg: Schauen wir mal auf die Inhalte der neuseeländischen Literatur: Die Tourismusindustrie präsentiert uns Neuseeländer gerne als naturverbundenes Volk vor idyllischen Postkartenmotiven. Sie haben ein Buch mit Short Storys aus Neuseeland herausgegeben, es heißt "Ein anderes Land". Was ist das für ein anderes Land, das sich dort zeigt?

Manhire: Nun, der Titel ist eigentlich irreführend, es müsste eigentlich heißen "Einige andere Länder" angesichts der Vielfalt, die sich heute in Neuseeland darstellt. "100 Prozent rein" ist ja dieses Schlagwort, unter dem Neuseeland sich anpreist, aber das wird überhaupt nicht dieser Vielfalt, diesen unterschiedlichen Neuseeländern gerecht, die es in Wahrheit gibt.

Burg: Einer dieser Neuseeländer ist Lloyd Jones, heute Schriftsteller, ehemaliges Arbeiterkind. Er sagt, die dunklen Seiten hat es in Neuseeland immer gegeben. In welcher Form tauchen denn diese dunklen Seiten in der neuseeländischen Literatur auf?

Manhire: Nun, es gibt ganz unterschiedliche Arten, wie diese dunklen Seiten auftauchen. Nehmen wir doch nur einmal eines der interessantesten Bilder, eben das der Maoris, also der Ureinwohner Neuseelands. Die werden ja üblicherweise als glückliche Menschen in Baströcken dargestellt, die Willkommensrituale für Touristen vollführen. Wenn Sie aber die Romane, die Filme oder die Kurzgeschichten lesen, die etwa in dem Band enthalten sind etwa von Keri Hulme, dann werden Sie sehen, dass die Maoris heute ganz anders leben. Sie leben in Städten, sie haben komplizierte Lebensformen zu bewältigen, wie alle anderen auch im 21. Jahrhundert. Ob das nun die dunklen Seiten sind oder nicht, das bleibt dahingestellt. Jedenfalls sieht die Wirklichkeit ganz anders aus als das Bild.

Burg: Neuseeland ist in diesem Jahr Gastland auf der Buchmesse in Frankfurt am Main, und angereist dafür ist der Schriftsteller und Literaturwissenschaftler Bill Manhire, zu Gast hier im Deutschlandradio Kultur. Herr Manhire, Sie haben eben schon die Maori erwähnt. Ein wichtiges gesellschaftliches Thema in Neuseeland ist das Verhältnis von den indigenen Völkern, Maori, zu den Pakeha, den europäischen Siedlern Neuseelands. Frühere weiße Schriftstellergenerationen schreiben gerne über Maori – ohne große Kenntnisse. Wie ist heute das literarische Verhältnis von europäischstämmigen Neuseeländern zu Maori.

Manhire: Das Verhältnis ist heute als ganz eng zu beschreiben. Was Sie da gesagt haben, stimmte sicher für die Vergangenheit, aber ich glaube, in schon 100 Jahren werden nur noch ganz wenige Neuseeländer wirklich reine Pakehas sein. Es ist heute sogar so, dass die reinen Pakehas, also die rein Europäischstämmigen sogar so etwas wie Neid auf jene verspüren, die Maoris sind. Und ich selbst bin froh, dass ich dieses Erbe habe, etwas, was eben weit über die Ankunft der Europäer zurückreicht in die Geschichte des Landes, in die Vergangenheit, hier herrscht mittlerweile eine große Achtung voreinander. Die Vermischung der Kulturen, der Volksgruppen, ist als ein glücklicher Umstand zu sehen, und ich selbst bin froh auch, dass ich eben in diesem Land leben kann, weil es mich irgendwie befreit hat von den Hemmungen, die ich als Europäer habe, mithilfe meiner Maori-Freunde.

Burg: 1975 ist das Waitangi-Tribunal ins Leben gerufen worden, eine neuseeländische Untersuchungskommission, die die jahrhundertealten Ungerechtigkeiten der Maori aufarbeitet. Wie sehr hat es auch die Literaturszene beeinflusst? Wie sehr spielt die koloniale Vergangenheit inzwischen eine Rolle?

Manhire: Ich bin mir nicht so sicher, ob das Waitangi-Tribunal die Literatur wirklich maßgeblich beeinflusst hat, sicherlich gilt das aber für Gesellschaft und Kultur in Neuseeland überhaupt. Es wurde öffentlich anerkannt, dass Ungerechtigkeiten gegenüber den Maoris begangen worden sind, die irgendwie berichtigt werden müssen, teilweise auch durch das Zahlen von Geld. Insgesamt war das eine sehr wohltuende Funktion, weil uns immer wieder vor Augen geführt wird, dass wir uns nicht der Täuschung hingeben dürfen, wir wären da irgendwann angekommen zu Beginn der Geschichte, und hätten da den Wilden im Südpazifik eine anständige Lebensform gebracht. Nein, wir müssen uns wirklich dem aussetzen, was tatsächlich geschehen ist, wir müssen miteinander sprechen, und in diesem Sinne ist die ganze Übung ausgesprochen nützlich und fruchtbar.

Burg: Und trotzdem, wie thematisieren denn neuseeländische Schriftsteller die koloniale Vergangenheit? Ich denke etwa zum Beispiel an Lawrence Patchett mit "I Got His Blood On Me".

Manhire: Ja, das ist in der Tat ein ganz interessantes Buch, das erst in diesem Jahr erschienen ist, Lawrence Patchetts Roman. In dieser Titelgeschichte ist sicherlich das Thema angesprochen, ein Schuldgefühl, das viele Pakehas über ihre Vergangenheit empfinden. Und mir selbst hat das auch etwas ganz deutlich zu Bewusstsein gebracht, was in den letzten drei oder vier Jahren tatsächlich geschehen ist, dass nämlich die neuseeländischen Autoren nicht so sehr über die Gegenwart schreiben, über die wir wohl hinreichend Bescheid wissen, sondern mehr über die Vergangenheit: Woher kommen wir? Wie fing das alles an? Was müssen wir noch aufarbeiten? Wo schulden wir Respekt, wo empfinden wir auch Scham angesichts dessen, was geschehen ist? Es ist eine hochinteressante neue Entwicklung. Katherine Mansfield, die berühmte Kurzgeschichtenautorin, hat ja einmal gesagt, Neuseeland sei ein kleines Land ohne Geschichte. Nun, es gab vor ihr ganz sicherlich eine Geschichte, von der sie damals nichts wusste. Seit ihrem Tod aber hat sich ganz sicherlich eine große und bedeutende Geschichte ereignet.

Burg: … sagt der neuseeländische Schriftsteller und Literaturwissenschaftler Bill Manhire. Er weilt gerade in Frankfurt am Main, wo heute die Buchmesse eröffnet wird mit Neuseeland als Gastland. Das Buch mit Short Storys, das Bill Manhire herausgegeben hat, heißt "Ein anderes Land" und ist bei dtv erschienen. Für die Übersetzung hat Johannes Hampel gesorgt. Vielen Dank fürs Gespräch, Herr Manhire – thank you very much for talking to us, Mister Manhire!

Manhire: Thank you!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.


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