Bildungsaufstieg einer Bauerntochter

"Man hat sich geschämt"

30:36 Minuten
Gabriele sitzt mit zwei Kindern auf einem Hänger, der in einer Scheune steht
Wuchs auf einem Bauernhof auf: Gabriele Fritsch mit Neffe und Nichte. © privat
Anne-Sophie Schmidt im Gespräch mit Sonja Koppitz · 19.06.2022
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Raus aus dem Dorf, das will Gabriele schon als Kind. Als Erste in der Familie macht sie Abitur und studiert. Doch an der Uni fühlt sie sich unter wohlhabenden Kommilitonen wie ein Fremdkörper. Ganz ohne Vorbilder muss sie ihren eigenen Weg finden.
Gabriele wächst in den 60er-Jahren als jüngste von vier Töchtern auf einem Bauernhof nahe der französischen Grenze auf. Ihre Eltern sind Weinbauern, schon früh muss sie auf dem Hof mithelfen. 
"Mein Vater oder mein Großvater, die saßen den ganzen Tag auf dem Traktor oder haben gearbeitet, Gras gehackt oder so etwas. Und dann hieß es oft bei manchen Arbeiten, wo ich sagte, ja, wieso muss ich da mit? Dann hieß es, ja dann a) bist du aufgeräumt von der Straße und b) zur Unterhaltung."

Ein aufgewecktes Kind

Gabriele ist ein aufgewecktes, neugieriges Kind. Freizeit kennt sie nicht, aber manchmal schafft sie es, sich zwischendurch in einem Zwetschgenbaum zu verstecken und in Ruhe zu lesen.
"Es wurde ja immer geredet auf dem Feld… Und ich habe immer meinen Großvater gefragt vor allen Dingen, Opa, kann ich das auch mal werden, zum Beispiel Königin oder Bundeskanzler. Solche Geschichten haben mich als Kind schon interessiert. Und dann hat mein Großvater zum Beispiel immer gesagt, und das fand ich eben revolutionär damals, ja, warum auch nicht, probiers, dann wirst du schon sehen."
Portrait einer Frau, die in die Kamera lächelt
Gabriele Fritsch musste weggehen, um zu merken, wie prägend die eigene Herkunft ist.© privat

Neues Umfeld am Gymnasium

Als Kind will Gabriele immer raus aus ihrem Dorf, die Welt entdecken. Ein erster Schritt dahin: der Wechsel ans Gymnasium. Dort ist sie das erste Mal in ihrem Leben in einem völlig neuen Umfeld, mit Kindern aus Rechtsanwalts- und Zahnarzt-Familien, die ganz anders aufgewachsen sind. „Da hat es schon angefangen, man hat sich geschämt.“
Im Studium verstärkt sich das Gefühl: Anders als ihre Kommilitonen, bekommt sie keine finanzielle Unterstützung von zu Hause und muss nebenbei arbeiten. Meistens hat sie eine 60-Stunden-Woche und bedient ihre Kommilitonen, die zum Frühstück ins Café kommen.

Fühlt sich wie ein Fremdkörper

Gabriele ist beeindruckt vom leichten Leben ihrer Mitstudierenden – und fühlt sich selbst wieder wie ein Fremdkörper, so sehr scheinen die Lebenswelten auseinanderzuklaffen. Bis ein unverhoffter Samstag ihre Sicht verändert – auf ihre Herkunft, auf ihre Kommilitonen und auf sich selbst.

Per Mail hat sich "Plus Eins"-Hörerin Gabriele Fritsch bei der Redaktion gemeldet. Anne-Sophie Schmidt hat sie getroffen und erzählt eine Geschichte über den Mut, den eigenen Lebensweg zu suchen – und die Erkenntnis, dass man manchmal erst weggehen muss, um zu verstehen, wie sehr einen die eigene Herkunft prägt.

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