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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 21.03.2007

Bildung für den Frieden

Pia de Simony und Marie Czernin: "Elias Chacour: Israeli. Palästinenser. Christ", Herder Verlag, Freiburg 2007, 224 Seiten

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Auf dem Tempelberg in Jerusalem (Bild) prallen die Religionen aufeinander. Für die Aussöhnung  zwischen Juden, Muslimen und Christen setzt sich Elias Chacour ein. (AP Archiv)
Auf dem Tempelberg in Jerusalem (Bild) prallen die Religionen aufeinander. Für die Aussöhnung zwischen Juden, Muslimen und Christen setzt sich Elias Chacour ein. (AP Archiv)

Die Aussöhnung zwischen Muslimen, Juden und Christen ist das Lebens-Thema von Elias Chacour. Aufgewachsen ist er in Palästina, heute ist er 67 Jahre alt und "Erzbischof von Akko, Haifa, Nazareth und ganz Galiläa". Und er hat in Israel die Mar-Elias-Universität gegründet, in der Israelis, Araber und Christen gemeinsam lernen.

Elias Chacour ist in Palästina aufgewachsen, genau in der der Gegend, wo Jesus von Nazareth mit seinen Jüngern unterwegs gewesen ist. An Sonntagen spazierte Familie Chacour gern über die lieblichen Hügel am Rande des Sees von Genezareth. Vater Moussa zeigte Elias den Ort, wo Jesus seine Bergpredigt gehalten hat. "Selig sind die Friedfertigen" – in diesem Geist wurde Elias erzogen. Seine Eltern waren Christen. Sie gehörten der griechisch-katholischen Kirche an, die sich zum Papst in Rom bekennt: eine Minderheit in muslimischer Umgebung.

"Selig sind die Friedfertigen" – so denken die Chacours auch im Jahre 1948, als nach Gründung des israelischen Staates die zionistische Armee nach Palästina kommt. Vater Chacour schlachtete ein Lamm, um die Juden in ihrer alten Heimat zu begrüßen. Aber die Soldaten kommen nicht zum Friedenfest. Sie kommen, das Gewehr in Anschlag, und vertreiben die Palästinenser aus ihren Häusern. Wer sich weigert zu gehen, wird erschossen – und Chacours Heimatdorf Biram dem Erdboden gleich gemacht.

Familie Chacour hat überlebt. Elias ist ein begabter Schüler. Der Bischof von Galiäa kümmerte sich um seine Ausbildung, schickte ihn aufs Priesterkolleg nach Nazareth und danach zum Studium nach Paris. Schon damals versucht Chacour, den Leiden der Palästinenser im Ausland Gehör zu verschaffen, wird aber erstmal scheel angesehen. Der junge israelische Staat genießt große Sympathie in der westlichen Welt, und in der israelischen Presse ist das Wort "Palästinenser" gleichbedeutend mit "Terrorist".

Nach dem Studium bekommt Chacour ein Priesteramt in Ibillin, einer 400 Seelen-Gemeinde in Galiäa. Das Pfarrhaus ist völlig verwahrlost: verfallen, vermüllt, verwanzt. Die Gemeinde ist wütend auf alle, die sich "Priester" nennen: Ihr letzter hatte nämlich seine eigene Kirche geplündert, war mit der sakralen Kunst und den Mess-Pokalen auf Nimmer-Wiedersehen verschwunden.

Das Buch erzählt (so bewegend wie glaubwürdig) von den Wegen und Umwegen, auf denen Chacour es gelingt, sich allmählich mit seiner Gemeinde zu arrangieren, um dann nach und nach das ganze Dorf zu versöhnen: Christen, Muslime und Juden. Dass er selbst ein "göttliches Talent" in dieser Sache besitzt, erkennt Chacour erst im Vollzug.

Dem Priester dämmert auch: Wenn sich die Palästinenser dauerhaft mit dem Judenstaat Israel arrangieren sollen, dann brauchen sie Arbeit in diesem Land. Dazu wiederum ist Bildung vonnöten. Chacour organisiert einen Marsch zur Knesseth in Jerusalem. Viertausend Teilnehmer, Christen, Muslime und Juden: "Für die Behandlung der Palästinenser als gleichberechtigte Staatsbürger Israels." Ohne Erfolg. Premierministerin Golda Meïr stellt sich taub: "Palästinenser? Wer ist das? Ich kenne diesen Begriff nicht."

Priester Chacour lässt nicht locker. Er will eine Schule bauen in Ibillin, darum hält er Vorträge in aller Welt über die Situation der Palästinenser. Vom niederländischen Königshaus bekommt er 1,2 Millionen Gulden, von der israelischen Regierung aber keine Baugenehmigung.

Chacour beginnt dennoch mit dem Bau der Schule. Dann kauft er sich ein Flugticket nach Washington und klingelt unangemeldet an der Haustür des amerikanischen Außenministers James Baker. Mr. Baker ist nicht zu Hause, aber Mrs. Baker empfängt ihn freundlich. Chacour klagt ihr sein Leid und fliegt retour. Ein paar Wochen später ruft ihn der israelische Außenminister an: "Wenn Sie ein Anliegen haben, dann kommen Sie doch gleich zu mir. Sie müssen das nicht über Washington regeln."

Inzwischen hat Chacour seine weltweite Popularität genutzt, um in Ibillin neben der Schule eine Versöhnungskirche zu bauen und – im Jahre 2003 – sogar eine Universität zu gründen: die erste christlich-arabisch Universität auf israelischem Boden. – Zeichen der Hoffnung in einem Land, wo Hass und Gewalt bisher doch immer wieder aufgeflammt sind. Schon oft hat Chacour Schüler seiner Schule zu Grabe getragen. Des Bischofs Arbeit ist ein unermüdliches "Trotz alledem".

Der Inhalt des Buches ist ergreifend, der Stil lässt leider zu wünschen übrig. Geschrieben hat nämlich nicht Chacour selbst (dem fehlt wahrscheinlich die Zeit zum Schreiben), sondern Pia de Simony, eine österreichische Journalistin. Sie war mit einer Gruppe auf Pilgerreise im Heiligen Land und hat Chacour andächtig zugehört, als er in der Versöhnungskirche aus seinem Leben erzählte.

Das Fatale ist: Die Autorin schreibt in der dritten Person (demnach aus entsprechender Distanz) und versucht dennoch, uns des Priesters Innenleben zu erklären. Das Ergebnis ist unerquicklich: Pia Simonys Erzählton schrammt hart am Kitsch vorbei.

Und doch: Wer mit diesem Ärgernis leben kann, hat hier ein lesenswertes Buch. Das beschreibt die Karriere eines Erzbischofs, die keine "Karriere" ist, sondern ein resolutes Streben im Geist der christlichen Botschaft. So ein Leben gestaltet sich selten bequem. Im Fall von Chacour ist es lebensgefährlich.


Rezensiert von Susanne Mack

Pia de Simony und Marie Czernin: Elias Chacour: Israeli. Palästinenser. Christ
Herder Verlag, Freiburg 2007
224 Seiten, 19,90 Euro

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