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Kompressor | Beitrag vom 10.01.2020

Bildsprache des PunkAngriff auf das Gehirn

Von Jule Hoffmann

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Aus der Ausstellung: PUNK GRAPHICS. TOO FAST TO LIVE, TOO YOUNG TO DIE im Brüssel Design Museum. (Brüssel Design Museum)
Antiautoritär und respektlos war die visuelle Sprache des Punk von Anfang an. (Brüssel Design Museum)

Bloß nicht langweilig werden: Designer, Künstler und die Musiker selbst haben sich die Bildsprache des Punk immer wieder neu angeeignet. Eine Ausstellung in Brüssel zeigt jetzt Flyer, Fanzines und Plattencover – davon viele aus frühen Punk-Jahren.

John Lydon a.k.a. Johnny Rotten, Sänger der Sex Pistols, führt in einem Video auf Youtube durch die New Yorker Ausgabe der Ausstellung, vorbei an verschiedenen Postern seiner Band.

"Langeweile – Nirgendwo", sagt er. "Für die Single von 'Pretty Vacant' wurde uns das hier zugeschickt, von einem jungen Kid, und das war eine super Idee für das Cover der Single. Eine großartige Arbeit, weil es sehr diesen schmierigen Strandpostkarten ähnelt."

Der Sänger Johnny Rotten in der Ausstellung: "Too Fast to Live, Too Young to Die: Punk Graphics" (imago/Pacific Press Agency/Michael Nigro)„Ich hasse den Begriff ‚Kunst‘": Johnny Rotten in der Ausstellung "Too Fast to Live, Too Young to Die: Punk Graphics". (imago/Pacific Press Agency/Michael Nigro)

Das Poster für "Holidays in the Sun", die vierte Single der Sex Pistols, die 1977 erschien, entwarf der bandeigene Designer Jamie Reid: Mehrere Comic-Panels zeigen darauf Szenen aus einem Ferienidyll – natürlich pure Ironie.

"Die besten Posterdesigns fangen die Musik ein"

Killing Joke. Es zeigt ein historisches Foto des katholischen Geistlichen Albanus Schachleiter, wie er winkend durch eine Reihe von Nazis läuft, die den Hitlergruß zeigen.

Antiautoritär, satirisch und respektlos wurde kopiert, ausgeschnitten, neu zusammengesetzt, collagiert, zitiert, angeeignet. Die wütende Energie und Spontaneität des Punkrock spiegelt sich in der visuellen Gestaltung von Postern und Plattencovern, sagt Andrew Krivine, aus dessen Sammlung der größte Teil stammt.

"Das ist einer der Gründe, warum diese Ära heraussticht, weil es diese enge Koordination zwischen Grafikdesign und Musik gab", sagt er. "Ich meine, die besten Posterdesigns fangen die Musik der Band ein. Es ist wie das Einfangen von Sound auf dem Papier."

Das Bild zeigt ein Plattencover der Band Sex Pistols. (Brüssel Design Museum)Eines der bekanntesten Plattencover der Pop-Geschichte: "Anarchy in the U.K." von den Sex Pistols. (Brüssel Design Museum)

Berühmtestes Beispiel hierfür ist das Plattencover des Albums "Unknown Pleasures" von Joy Division aus dem 1979, das Peter Saville designte, und das die Abbildung von weißen wellenlinienförmigen Radiopulsen auf schwarzem Grund zeigt.

Schwarzer Humor gegen den Hippie-Lifestyle

Oft waren die Designer von Plattencovern auch die Musiker selbst, so wie der Frontmann der britischen Band Adam & The Ants oder der Bassist Raymond Pettibon der kalifornischen Band Black Flag, der in seinen Zeichnungen mit schwarzem Humor den Hippie-Lifestyle verspottete, und auch das Logo für seine Band entwarf: vier vertikale schwarze Barren.

"Und dann gab es natürlich Bands wie die Buzzcocks", erzählt Krivine, "für die Malcolm Garrett das komplette Design entwarf. Oder eben die Sex Pistols, die Jamie Reid hatten, der sehr eng mit ihnen und ihrem Manager Malcolm McLaren an der Identität der Band gearbeitet hat. Ich würde sagen, so wie der Plattenproduzent der Beatles, George Martin, als fünftes Bandmitglied galt, waren auch Jamie Reid, Malcolm Garrett und Peter Saville, der für New Order die Designs anfertigte, wichtiger Bestandteil der Bands. Sie übersetzten die Musik in eine visuelle Sprache, die die Bands selbst komplett befürworteten."

Verschiedene Fotos und Texte sind zu einem Bild zusammengesetzt. (Brüssel Design Museum)Das Kopieren und Collagieren ist ein zentraler Aspekt der Fanzine-Kultur. (Brüssel Design Museum)

Diesen legendären Namen gegenüber steht die explodierende DIY-Kultur: Ein ganzer Raum der Ausstellung ist Fanzines gewidmet: mit Schreibmaschine oder handgeschriebene, oft schwarz-weiß kopierte Hefte von Fans und Musikkritikern. Mit teils rostig gewordenen Tackern zusammengeheftet, hinter Vitrinenglas, liegen Magazine wie "Chainsaw", "Vague", oder "i-D", die einst für "25 pence oder weniger" zu haben waren, sagt Andrew Krivine:

"DIY war ein zentraler Impuls. Ein Grundwert von Punk: Dass man kein Experte sein muss, um sich auszudrücken. Vieles entstand in kürzester Zeit. Aber tatsächlich ist es nicht so, dass die ganzen Punksachen von Leuten gemacht wurden, die keine Ausbildung hatten. Speziell in Großbritannien hatten viele der Designer Kunsthochschulen besucht und kannten sich sehr gut aus mit Kunst und Design aus dem 19. und 20. Jahrhundert. Man sieht also, dass es beides gab – es ging los mit relativ primitiven Sachen, aber es gab auch sehr Anspruchsvolles."

"Ich hoffe, du fühlst dich angegriffen"

Plakate für Punkrock-Konzerte, sorgfältig gehängt im White Cube. Die Faltlinien und abgenutzten Ecken der Poster sind erst zu erkennen, wenn man den abgeklebten Bereich auf dem Fußboden übertritt, der einen von den Wänden fernhalten soll. Ist das noch Punk? Andrew Krivine sieht das unkritisch: "Das Leben ist voller Widersprüche. Als das Zeug kreiert wurde, hat niemand von uns erwartet, dass es Bestand haben würde. Es war sehr in der Zeit verhaftet, sehr flüchtig."

"Ich hasse den Begriff 'Kunst', weil er so verbraucht ist." Das sagt Pistols Sänger Johnny Rotten dazu, auf einem Panel anlässlich der New Yorker Ausstellung. "Und das sollte es nicht sein, es sollte ein unverfälschtes Spiegelbild dessen sein, was die Musik transportiert – nämlich Aufrichtigkeit. Ich habe ein Poster oder einen Cartoon nie als Kunst betrachtet. Ich habe sie als unmittelbaren Zugang zu eindringlichem Schmerz gesehen. Ja ich hoffe, du fühlst dich angegriffen. Die Tatsache, dass du es bist, zeigt, dass dein Gehirn funktioniert."

Das Gehirn raucht angesichts der extremen Fülle und Diversität der vielen Plakate in der Ausstellung. Deutlich wird: Die eine visuelle Sprache des Punk gibt es nicht. "Wenn es das gäbe, wäre es kein Punk, schlicht und einfach", sagt Johny Rotten.

Ausstellung "Punk Graphics. Too Fast to Live, Too Young to Die"
ADAM – Brussels Design Museum
20.11.2019 bis 26.4.2020

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