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Fazit / Archiv | Beitrag vom 26.05.2008

Bildhauerei aus dem Computer

Ausstellung "Digitale Raumkunst" in Duisburg

Von Ulrike Gondorf

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Digitale Welt: Aus oder Ein. (Stock.XCHNG / Carsten Müller)
Digitale Welt: Aus oder Ein. (Stock.XCHNG / Carsten Müller)

Die Digitalisierung der Arbeitswelt macht auch nicht vor Architekten und Bildenden Künstlern halt. Eine Ausstellung im Lehmbruck Museum Duisburg widmet sich nun erstmals der "Digitalen Raumkunst" und zeigt, wie der Computer neue Möglichkeiten für Kunst schafft.

Karin Sander steht neben sich. Die Schweizer Künstlerin, die in Zürich lehrt und in Berlin lebt, stellt das erste Objekt ihrer Duisburger Arbeit vor: ein dreidimensionales Selbstporträt, das sie in bequemer Haltung mit verschränkten Armen zeigt, den Kopf leicht schräg gelegt, den Blick in die Ferne geheftet.

Die knapp dreißig Zentimeter große Figur steht in einem noch leeren Regal. Im Verlauf der Duisburger Schau wird es sich füllen und viele Ausstellungsbesucher werden ihr dort Gesellschaft leisten. Im Format 1:6, so der Titel der Arbeit, als farbige Bodyscans, die in Gips ausgedruckt werden.

Ein ganzes Laboratorium hat die Künstlerin aufgebaut, um dieses Work in Progress vor Ort entstehen zu lassen. Ein 3D-Weißlichtscanner nimmt in einer Art Fotokabine die Personen auf, die Resultate werden am Computer nachbearbeitet und schließlich an einen Farbstrahldrucker weitergeleitet, der sie als Abbilder in Gips dreidimensional entstehen lässt. Ein Verfahren, dass industriell entwickelt wurde für die Herstellung von hoch präzisen Werkzeugen und Maschinenteilen.

Die Form wird mit Feuchtigkeit gebunden, den rundherum verbleibenden pulverförmigen Gips, kann man - mit der Vorsicht eines Archäologen - einfach wegsaugen und so die Figur freilegen. Die Besucher des Lehmbruck-Museums werden staunen über dieses verblüffende Ergebnis von Hightech. Was bringt das Verfahren der Künstlerin Karin Sander?

"Ich benutze eine Technologie, die eine Art von Übertragung in eine andere Realität vornimmt, das interessiert mich. Die Personen stellen sich in den Scanner, dann werden sie gebaut, ich mach sie nicht dicker, nicht dünner, nicht größer, nicht schmäler, sondern es ist wirklich ein Transportieren der Daten der Oberfläche, und die Oberfläche gibt die Haltung wieder und ich finde es interessant, wie sich doch diese Haltungen sehr unterscheiden und wie die Haltung auf das Individuum zurückschliessen lässt."

Das Spannungsfeld von technischer Objektivität und künstlerischer Subjektivität interessiert Karin Sander, und auch wenn die neue Technologie in ihrer Arbeit so breiten Raum einnimmt, wird sie ihr niemals zum Selbstzweck.

"Ich glaub, dass die Kunst zuerst da ist, man hat sich ja schon lange mit dem Porträt und dem Abbilden beschäftigt, die Idee, eine Figur abzunehmen und wiederzugeben, ist eine sehr alte, und dass die Technik das auch versucht, ist eigentlich nur 'ne logische Folgerung aus dem."

Diese Einschätzung teilen auch die Düsseldorfer Künstler Marie-Charlotte Hoffmann und Christof Hartmann, die eine sakral anmutende Rauminstallation geschaffen haben: Wie das Fundament einer Kirchenruine wirkt ein Karree aus kniehohen Reliefs, die aus Beton gegossen sind. Es ist umstellt von Masken und Köpfen, die aussehen wie primitive Kultfiguren. Und auf einem altarartigen Block in der Mitte steht ein langsam rotierender Laserscanner, der permanent den ganzen Raum abtastet und aus verschiedenen Perspektiven Bilder errechnet, die die Besucher und ihre Bewegungen ebenfalls einbeziehen. Als zweidimensionale Projektion in magisch grün flimmernden Linien wird sie auf die Wand geworfen.

"Archive für Genauigkeit und Seele" nennen die Künstler diese Arbeit.

"Das ist 'ne neuere Entwicklung, ich hab mich da seit Jahren mit auseinandergesetzt so nebenbei, das hat sich vorbereitet. Wir haben das verfolgt über die Zusammenarbeit mit unterschiedlichen Wissenschaftlern und daraus hat sich das ergeben, das Verfahren in direkten Zusammenhang zu bringen. Das ist enorm inspirierend, das wird sicher die bildhauerische Arbeit verändern und wird sich vertiefen."

Sagt Marie-Charlotte Hoffmann, die nicht nur die Düsseldorfer Kunstakademie absolviert hat, sondern auch ein Medizinstudium mit Schwerpunkt Neurologie. Diese rätselhafte Installation thematisiert auf sehr komplexe Weise die Zeit und die Ambivalenz der Zeiterfahrung: Was so urtümlich aussieht, ist heute geschaffen und aktualisiert nur eine Erfahrung von Tradition, die uns alle prägt. Was technisch geradezu futuristisch wirkt, bildet doch einen Moment ab, der bereits vergangen ist.

"Es hat was Archaisches und es hat was Modernes, und dieses Ineinander find ich besonders schön."

Christof Hartmann ist überzeugt, dass neue Technologien das Berufsbild des bildenden Künstlers erweitern und verändern werden - auch was rein handwerkliche und ausbildungspraktische Aspekte angeht - nicht aber das eigentliche künstlerische Konzept.

"Das müsste man mir noch mal genau erklären, wieso ich etwas nur machen kann, wenn ich es im Rechner - es muss ja vorher mal in meinem Hirn gewesen sein, damit ich es in den Rechner projizieren kann, und insofern gibt es für mich nur einen Quellcode, der ist sowieso ganz woanders."

Für die Architekten, die in einer zweiten Abteilung der Duisburger Ausstellung vertreten sind, haben Digitalisierung und Computersimulation einen noch höheren Stellenwert. Nicht nur für die suggestive Veranschaulichung eines geplanten Bauwerks in seiner Umgebung, die in Modellen und Videopräsentationen in der Ausstellung zu sehen ist - ganz so als wäre zum Beispiel das lange geplante Eurogate von Norman Foster im Duisburger Innenhafen bereits städtebauliche Realität.

Oft sind die Möglichkeiten der digitalen Technik schon für die Erfindung eines Baukörpers konstitutiv. Die Ausstellung zeigt das Beispiel der Münchner Allianz-Arena, erbaut von dem Basler Büro Herzog & De Meuron. Ohne digitale Verfahren zur Gestaltung und statischen Berechnung des Raumvolumens wäre dieses fast irreale, wie ein Kissen aus Licht schwebende Gebäude nicht zu konzipieren gewesen.

Kurator Dr. Gottlieb Leinz, der diese erste Museumsausstellung zur digitalen Raumkunst gestaltet hat, schwärmt von einer utopischen Aufbruchsstimmung:

"Die moderne Zeit, die digitale Kunst, die zeigt uns Raum in der Simulation, sie will uns überwältigen, das Licht verwandelt uns, macht uns dynamisch, das ist schon neu. In den Köpfen passiert vieles, das mentale Moment ist sehr stark, und das verändert uns."

Service:
Die Ausstellung "Digitale Raumkunst" ist vom 25.5. bis zum 14.9.08 im Wilhelm Lehmbruck Museum Duisburg zu sehen.

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