Bildhauer Thomas Schütte

„Kunst passiert von alleine“

36:13 Minuten
Porträt von Thomas Schütte.
Die Pandemie hat eine Schütte-Retrospektive im MoMA verhindert. Nun zeigt stattdessen das Berliner Georg Kolbe Museum seine Kunst. © Getty Images / Chesnot
Moderation: Britta Bürger · 19.11.2021
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Thomas Schütte gilt als der derzeit bedeutendste deutsche Bildhauer. Museen und Sammler schätzen die Vielseitigkeit und den Witz des Meisterschülers von Gerhard Richter. Trotz großen Interesses verkauft er aus Prinzip einen Großteil seiner Kunstwerke nicht.
Skulpturen von Thomas Schütte werden derzeit für Millionen Euro verkauft. Ein Ruhm, der ihn auch belaste, weil er ungern im Mittelpunkt stehe: „Man denkt immer, das ist ne Ehre, aber das ist ein totaler Fluch. Man kann in dem ganzen Gerede und dem ganzen Glamour auch verloren gehen.“

"Aus Frustration eine Kappe oben drauf"

In diesem Jahr wollte eigentlich das MoMA in New York eine Retrospektive von Thomas Schüttes Kunstwerken zeigen. Die Pandemie kam dazwischen, jetzt ist die Ausstellung erst für 2024 geplant: „Da bin ich siebzig und weiß nicht, ob ich das dann noch mache.“
Stattdessen zeigt derzeit das Berliner Georg Kolbe Museum bis Ende Februar 2022 Schüttes Kunst. Am Eingang wird der Besucher von „Vater Staat“ empfangen. Die 2007 entstandene Skulptur wiegt eine Tonne. Ihr fehlen die Arme, auf dem Kopf trägt sie eine Kappe: „Man vergisst immer das dreiviertel des Kopfes Haare sind, und die Haare definieren das Zeitalter und die Stile. Es ist unheimlich schwer, Haare in Gips zu machen. Deswegen kam aus Frustration ne Kappe oben drauf.“
Die Skulptur "Vater Staat" zeigt einen alten Mann mit Umhang und Kappe auf dem Kopf.
Weil Haare in Gips schwer nachzubilden sind, hat Thomas Schütte seiner Skulptur "Vater Staat" eine Kappe aufgesetzt.© picture alliance / dpa / Horst Ossinger
Ohne Humor ginge es nicht, betont Schütte, durch dessen Werk sich skurrile Fratzen, zweideutige Anspielungen und das Verkleinern und Vergrößern zieht.

Skulpturenhalle dient auch als riesiges Lager

Seit 2016 betreibt Thomas Schütte eine von ihm selbst entworfene Skulpturenhalle in der Nähe von Neuss: Dort zeigt er im Winter eigene Arbeiten, im Rest des Jahres Werke anderer Künstler.
Da er einen Großteil seiner Kunst nicht mehr verkauft, hat er im Keller der Skulpturenhalle ein riesiges Lager eingerichtet: „So richtig wegschmeißen tue ich nichts. Aber umarbeiten, mache ich liebend gerne oder sanieren und renovieren.“ Aus diesem Fundus bestückt er die weltweiten Ausstellungen, denn selbst eine sehr reiche Institution wie die Fondation Beyeler in Basel sei froh, „wenn es die Werke aus acht, statt aus 80 Adressen holen könne“.

12 Stunden Schlaf und einen leeren Kopf

Schütte erzählt, er schlafe mindestens 12 Stunden, denn er brauche Ruhe und einen leeren Kopf für seine Arbeit. Als Kind eines Ingenieurs habe er immer gebastelt und gezeichnet, „ich konnte stundenlang Lego meterhoch bauen“. Mit 20 Zeichnungen bewarb er sich nach dem Abitur an der renommierten Düsseldorfer Kunsthochschule und wurde sofort genommen. Einer seiner Lehrer: Gerhard Richter.
Von ihm habe er viel gelernt: „Einmal die Idee des Repertoires und einmal der Gedanke, dass man die Leute mit ewigen Ego-Nummern nicht erschöpfen darf, nicht langweilen darf.“ Entdeckt habe ihn der Galerist Kaspar König: „Ich bin dann so rumgereicht worden und ab 1984 kam das richtige Geld.“ Den Kunstmarkt kennt Thomas Schütte also schon lange und sein heutiges Urteil darüber ist hart: „Die Auktionshäuser sind Hehler, die sagen nicht, wo sie es herhaben, die sagen nicht wo es hingeht. Da wird gewaschen ohne Ende.“
(cg)
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