Bildergedächtnis

Von Wilhelm Warning |
Mit einem Schwerpunkt auf die Fotografie aus dem 19. Jahrhundert zeigt das "Haus der Kunst" Werke aus dem Archiv des Basler Sammlerehepaars Herzog. Die Ausstellung "der körper der photographie" gleicht einem Blick in ein riesiges Gedächtnis, das preisgibt, wie Menschen die Welt wahrgenommen haben. Die Sammlung wird erstmals außerhalb der Schweiz gezeigt.
Am Anfang ist ein Bild zu sehen, das eine Explosion zeigt. Eine Eisfontäne spritzt zwischen mächtigen Schollen hochaufgischtend in den trüben Winterhimmel. Ein winziger Augenblick, ein Wimpernschlag nur, festgehalten irgendwann Ende des 19. Jahrhunderts von irgendwem, einem heute unbekannten Menschen. Die Kräfte eines Moments im Zeitfluss, die sich entladen, die gleichsam angehalten und festgeschrieben sind. Diese Ausstellung gleicht einem Blick in ein gewaltiges Archiv, in ein Gedächtnis, das preisgibt, wie Menschen die Welt wahrgenommen und in ihrer Bewegung festgehalten haben. Man kann hier im Gehen und Verweilen, im Rhythmus des Blickens über 700 solcher Momente betrachten, die doch nur Fassetten einer unendlichen Fülle sind dessen, was geschehen ist. Dieses unvorstellbare viel Mehr ist spürbar, begleitet einen. Wie das Wissen, dass das Ehepaar Herzog 30.000 Bilder bei sich versammelt hat, hier also nur einen Ausschnitt zeigt aus dem, was sie zusammengetragen haben.

" Diese Geschichte, das ist nicht einfach ein stumpf-blödes Konvolut von 720 Aufnahmen, sondern das ist eine riesige Erzählung. Eine Geschichte, die aus vielen tausenden von Geschichten besteht."

Beinahe alle Bilder habe er im Kopf, erzählt Peter Herzog, und man mag es ihm glauben, angesichts des inneren Engagements, mit dem er und seine Frau sammeln, um der Welt und ihrer Geschichten durch die Poesie der Fotografie habhaft zu werden. Wie einige Seiten eines gigantischen, nicht enden wollenden Buches auf einem Lesepult sind hier die Bilder gleichsam aufgeschlagen: auf abgeschrägte Flächen gelegt, bei gedämpften Licht und, dankenswerterweise, in großer optischer Ruhe. Eine Bibliothek für die Augen, die sich in Verklungenes einsehen, in die Momentaufnahmen einfühlen können. Hier zeigt sich, dass mit der frühen Lichtbildnerei die Welt ganz neu zu entdecken und zu erfahren war. Nicht nur im Sinn eines technischen sich Vorwärtstastens. Vielmehr konnte die ewig bewegte Welt wie ein Körper neu gesehen und wie in eingefrorener Bewegung reproduziert werden. Entsprechend begreift der Sammler seine Bilder wie ein Schatzhaus, sieht sie auch als Körper:

" Eine Sammlung ist ja auch ein Körper. Es kann ein Körper, ein Corpus Juris Civilis sein. Man spricht im übertragenen Sinn auch vom Corpus Gernsheimjensis, die Sammlung des berühmten Fotohistorikers Helmut Gernsheim in Austin, Texas. (…) Also diese Bedeutung Körper - Räumlichkeit. Ein Aufbewahrungsort für beispielsweise Schmuckstücke. Körper im übertragenen Sinn: Sammlung von etwas. Dann natürlich auch Körper der Sammlung und die enge Verbindung, die wir als Sammler mit unserer Sammlung eingegangen sind. Diese Sammlung hat ja über die letzten 31 Jahre unser Leben in nicht ganz unbeträchtlichem Maße beeinflusst. "

Wie ein Körper ist sie auch konzipiert, diese Entdeckungsreise durch die Zeiten und Räume der Welt. Sie lenkt den Blick auf den Menschen, zeigt ihn und seine Lebensäußerungen. Und zeigt, gleichzeitig, den Blick des Menschen selbst, auf sich und auf die Welt. Blumen, Blüten, Landschaft, Natur, Wüste, Eiswüste, Menschen als Wilde und zu Subjekten der Forschung gemacht, Experiment, Wissenschaft, Entdeckung, Portraits, Kinder, Greise, Tote, Grausamkeiten, Zartheiten, Schlösser, Unterkünfte, Reichtum, Elend, Zeitgeschichte.

" Der Kopf ist nie zufrieden, er will immer mehr, der Geist sucht rastlos weiter. (…) Im dritten Saal sehen Sie die Wirkung des Geistes. Also aus dem Kopf entstehen die Wissenschaft, dann die Wissenschaft wiederum führt zur Industrie und die Industrie zur Technik und so weiter. Sie sehen eigentlich die ganze Entwicklung, die die Menschheit mitgemacht hat, die Entwicklung der Industriegesellschaft im 20. Jahrhundert. Wir haben die Säulen: Erster Weltkrieg, russische Revolution, Zwischenkriegszeit, Tanz auf dem Vulkan, dann Zweiter Weltkrieg, den Wiederbeginn nach dem Zweiten Weltkrieg, der Kalte Krieg und dann unsere Konsumgesellschaft, wir reisen wieder, und das letzte Bild der Ausstellung ist eine Reise auf den Mond."

Keine Schilder verraten in der Ausstellung, wer die Urheber der Bilder waren. Denn die Autorenschaft spielt nur eine untergeordnete Rolle bei diesem komplexen und herausragenden Tableau, das hier mit viel Einfühlung ausgesucht und ausgebreitet worden ist. Dabei maßt sich diese Sicht und die Sammlung nichts an, steht doch im letzten Raum zu lesen: "Auch noch so viele Fotografien können die Welt nicht erklären. Sie bleibt in ihrer faszinierenden Vielfalt unfassbar." Aber zuweilen, möchte man anfügen, zeigt sich eine Ahnung des Wunders dieser Vielfalt.

Service:

Die Ausstellung "der körper der photographie" ist vom 6. April bis 12. Juni 2005 im Haus der Kunst in München zu sehen.

Link:

Haus der Kunst München