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Buchkritik / Archiv | Beitrag vom 25.06.2014

BilderbuchAuf der Suche nach dem Lebensglück

Eric Carle: "Freunde"

Von Sylvia Schwab

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Eric Carle (r.) und seine Freundin Florence im Jahr 1932. Die Kinderbuchlegende hat seine Freundin aus Kindertagen nach 82 Jahren wiedergefunden.  (dpa / picture alliance)
Eric Carle (r.) und seine Freundin Florence im Jahr 1932. Die Kinderbuchlegende hat seine Freundin aus Kindertagen nach 82 Jahren wiedergefunden. (dpa / picture alliance)

Der amerikanische Kinderbuchautor Eric Carle erschuf einst "Die kleine Raupe Nimmersatt". In seinem neuen Band schildert er die Freundschaft zweier Kinder. Es geht um Verlust, Suche und um den Mut, sich auf einen schwierigen Lebensweg zu machen.

Auf dem Umschlag halten sich ein Mädchen und ein Junge, drei oder vier Jahre alt, fest im Arm und schauen dem Betrachter scheinbar direkt ins Auge. Sie hat langes dunkles Haar, braune Augen und trägt ein getupftes Sommerkleid sowie rote Schuhe. Er hat eine gestreifte kurze Hose und braune Schuhe an, dazu dunkelblondes Haar und blaue Auge. Zwei unterschiedliche Kinder, aber: dicke Freunde.

Wie Eric Carles "Kleine Raupe Nimmersatt" nicht nur von einer hungrigen Vorform des Schmetterlings erzählt, sondern von der Entwicklung des Lebens und der Schönheit, so erzählt "Freunde" nicht nur von der Freundschaft zweier Kinder. Sondern auch von Verlust, Aufbruch, Suche und vom Mut, sich auf einen schwierigen Lebensweg zu machen. Durch den reißenden Fluss und die dunkle Nacht, über einen hohen Berg und durch einen dichten Wald wandert der Junge auf der Suche nach seiner Freundin. Um am Schluss in einem Blumengarten einen Strauß zu pflücken, ihn ihr zu überreichen und sie zu heiraten.

Eric Carle erzählt in wenigen Sätzen und üppigen Bildern ein modernes Märchen, reduziert auf einige wesentliche Eckpunkte. Und da jedes Kind solche Verluste erlebt, und weil dieser hier so allgemein, so wenig individuell gestaltet ist, kann auch jedes Kind sich damit identifizieren. Freundschaft wird zum Inbegriff von Nähe, Heimat und Zuhause. Zur existenziellen Notwendigkeit. Aber Gefühle wie Sehnsucht, Angst oder Traurigkeit werden weder benannt noch gezeigt – sie entstehen in den Betrachtern.

Das Buch ist ein Denkmal für die Freundschaft

Erstaunlich ist, dass Carle hier ein eigenes Erlebnis beschreibt. Am Ende des Buches ist ein Schwarz-Weiß-Foto aus dem Jahr 1932 abgebildet, es zeigt ihn als Dreijährigen mit seiner Lieblingsfreundin und zwar in derselben Haltung wie auf dem Buchcover. Ein rührendes Kinderfoto. Eric Carle hat seine kleine Freundin verloren, als er sechs Jahre alt war und seine deutschstämmigen Eltern 1935 mit ihm zurück nach Deutschland zogen. Erst 1968 kehrte er – nach dem Kunststudium in Stuttgart – in die USA zurück. Das Buch ist ein Denkmal für die Freundin und die Freundschaft.

Nun betrachtet man die Bilder mit anderen Augen. Den Fluss aus lauter dicken, grün-blauen Pinselstrichen, wie von einem Kind gemalt. Die Sterne am dunklen Nachthimmel, wie aus Papier ausgeschnitten. Den Wald, die Wiese, den Regen, die Blumen - schimmernd in ihrer frischen Mischung aus Aquarell, Acryl und Collage. Alle Bilder leuchten intensiv und optimistisch. Carle wendet seinen eigenen Verlust ins Positive und schenkt seinen beiden Freunden ein glückliches Ende.

Und dann fanden Journalisten Eric Carles Kinderfreundin in Florida! Das ist mehr als ein nettes Apercu am Rande. Hat der Autor doch damit in "Freunde" sein eigenes Leben voraus-geschrieben. Sage niemand: "nur" ein nettes Bilderbuch! "Freunde" ist zu Carles 85.Geburtstag eine Schlüsselerzählung über die Suche nach dem Lebensglück – scheinbar einfach, klar wie ein Bergsee, und auch so tief!

Eric Carle: Freunde
Aus dem amerikanischen Englisch von Ulli und Herbert Günther
Gerstenberg Verlag, Hildesheim 2014
32 Seiten, 12,95 Euro

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