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Buchtipp / Archiv | Beitrag vom 09.09.2007

Bilder-Reise durch die Geschichte

Edgar Wolfrum: "Vom Aufbruch bis zur Postmoderne"

Vorgestellt von Angelika Windloff

Geste der Demut und Entschuldigung: Willy Brandts Kniefall vor dem Denkmal für die ermordeten Juden in Warschau (AP-Archiv)
Geste der Demut und Entschuldigung: Willy Brandts Kniefall vor dem Denkmal für die ermordeten Juden in Warschau (AP-Archiv)

Manche Fotos sind zum Sinnbild eines ganzen Jahrzehnts geworden: der Kniefall von Willy Brandt oder der entführte Hanns Martin Schleyer. Edgar Wolfrum lädt mit seinem dreibändigen Werk "Vom Aufbruch bis zur Postmoderne" zu einer Reise in die Geschichte ein. Er dokumentiert Fotos, die das Typische und Einzigartige einer Epoche eingefangen haben.

"Wenn der Name einer besonders berühmten oder berüchtigten Person fällt – von de Gaulle bis Adenauer, von Hitler bis Saddam Hussein - , ist unser Bewusstsein sofort mit einem Bild zu Stelle."

Schreibt Edgar Wolfrum im Vorwort zu der von ihm herausgegebenen Reihe zur visuellen Zeitgeschichte der Bundesrepublik Deutschland.

"Die allermeisten von uns sind diesen Menschen zwar nie begegnet, sind nie auch nur in ihre Nähe gelangt. Und doch meinen wir, sie zu kennen, weil wir Fotografien gesehen haben, die sowohl ihr Äußeres als auch ihren Charakter einfangen."

Edgar Wolfrum: Kalter Krieg und Wirtschaftswunder (Primus Verlag)Edgar Wolfrum: Kalter Krieg und Wirtschaftswunder (Primus Verlag)Ein Kleid, eine Frisur, eine Geste und die Vergangenheit taucht auf, dem Zeitzeugen gleichermaßen vertraut und fremder als in der Erinnerung, dem Nachgeborenen als Blick auf eine Zeit, die manchmal bizarr und eigentümlich scheint. Eine Reise in die Geschichte, mit Hilfe von Fotos aus den Beständen der Deutschen Presseagentur - dazu lädt Edgar Wolfrum die Leser seiner Bildband-Reihe ein. Pro Band ein Jahrzehnt, dargestellt und dokumentiert mit Fotos, die das Typische und Einzigartige einer Epoche eingefangen haben. Etliche der ausgewählten Bilder sind bekannt, vielfach veröffentlichte Ikonen der Zeitgeschichte: das Gesicht des entführten und dann ermordeten Arbeitgeberpräsidenten Hanns Martin Schleyer, eingeklemmt zwischen RAF-Stern und Häftlingsnummer oder das Bild Willy Brandts, der vor dem Mahnmahl im einstigen jüdischen Ghetto in Warschau auf die Knie fällt.

"Durch diese Geste – ein spontaner Einfall – war es ihm gelungen, Vertrauen in einem Land zu wecken, in dem die Deutschen während des Zweiten Weltkrieges sechs Millionen Einwohner … ausgelöscht hatten. In der Bundesrepublik war die symbolträchtige Geste umstritten: Etwas weniger als die Hälfte der Befragten hielt sie für angemessen, die knappe Mehrheit meinte allerdings, sie sei ‚übertrieben'."

Edgar Wolfrum: Eine dynamische Gesellschaft (Primus Verlag)Edgar Wolfrum: Eine dynamische Gesellschaft (Primus Verlag)Wolfrum bindet die Fotos durch knappe Begleittexte ein, die den geschichtlichen Hintergrund der jeweiligen Aufnahmen verdeutlichen. Darüber hinaus fasst er in analytischen Zwischentexten die wichtigsten Ereignisse des jeweiligen Jahrzehnts zusammen. In dieser Mischung von Wort und Bild erinnern die Bücher an Ausstellungskataloge, schnell zu durchblättern, bis der Blick hängen bleibt. Sie können, aber sie müssen nicht chronologisch betrachtet und gelesen werden. Wie beim Gang durch ein Museum der Besucher bestimmen kann, wo der Schwerpunkt seines Interesses liegt, kann bei den Bildbänden der Leser entscheiden, was er liest und was er auslässt, ohne dass es zu größeren Verständnisschwierigkeiten kommt. Alle Texte sind so aufbereitet, dass auch sie wie Schlaglichter daherkommen und dennoch den Historiker erkennen lassen, der die Fakten nicht nur darstellt, sondern auch interpretiert und bewertet.

"Anfangs heiter und beschwingt, fiel allerdings ein schwarzer Schatten auf Olympia, als arabische Terroristen Angehörige der israelischen Mannschaft ermordeten. Hier schien bereits das Janusgesicht der 70er Jahre auf: Einerseits voller Lebensfreude, Optimismus und Utopien – andererseits brachen Angst, Pessimismus und triste Realität durch, vor allem in deren zweiten Hälfte."

Edgar Wolfrum: Republik im Aufbruch (Primus Verlag)Edgar Wolfrum: Republik im Aufbruch (Primus Verlag)Ein Foto kann ein Ereignis verfälschen oder dokumentieren, ein Foto kann wahrhaftig sein oder manipulieren, ein Foto kann Äußerlichkeiten abbilden oder weit über das vordergründig gezeigte hinaus ein Zeitgefühl, eine ganze Epoche fixieren, weit unmittelbarer als ein Text und weniger flüchtig als das bewegte Bild von Film und Fernsehen. In einer Zeit, in der visuelle Medien gegenüber dem geschriebenen und gesprochenen Wort immer mehr an Bedeutung zunehmen, verlässt sich Wolfrum nicht mehr allein auf Texte, sondern berücksichtigt bei der Bewertung von Ereignissen Fotos, Filme und das Fernsehen. Denn Bilder können die eine oder andere Unschärfe, die ein Rückblick mit sich bringt, korrigieren oder auch Ereignisse neu interpretieren. Anderseits brauchen vor allem ältere Bilder Texte, die ihren Entstehungszusammenhang erklären, um in ihrer Bedeutung erfasst zu werden. Nicht in der Präsentation der Fotos allein, sondern im Zusammenspiel zwischen Bild und Wort liegt deshalb die Stärke dieser Reihe.

"Das Filmplakat zu ‚Die Sünderin’. Dieser Streifen aus dem Jahr 1951 war der Skandalfilm der 50er Jahre, weil die Hauptdarstellerin Hildegard Knef drei Sekunden lang nackt zu sehen war. Die katholische Kirche protestierte, an zahlreichen Aufführungsorten musste die Polizei mit Gummiknüppeln und Feuerwehrspritzen gegen Demonstranten vorgehen, die sich gegen den Film empörten, oder gegen solche, die den Film sehen wollten, aber nicht konnten, weil Bürgermeister Aufführungsverbote erlassen hatten."

Viele der ausgewählten Fotos sind Porträtaufnahmen im weitesten Sinn: bis weit in die 60er Jahre hinein stehen vor allem Politiker in Erfüllung ihrer Amtsgeschäfte im Focus der Aufmerksamkeit. Immer wieder Adenauer – in den 50er Jahren der meist fotografierte Mensch der Bundesrepublik – dann Erhardt, Brandt, Schmidt. Seit Ende der 60er Jahre deuten Fotos von Demonstrationen, von leergefegten Autobahnen im Zuge der ersten Ölkrise, von verschmutzen Stränden, von Stars und Sternchen und aus der Werbung einen Perspektivwechsel an: weg vom alles dominierenden Politiker hin zu der mehr und mehr das Leben durchdringenden Unterhaltungsindustrie.

Edgar Wolfrum: Vom Aufbruch bis zur Postmoderne – Eine visuelle Reise durch die Geschichte der Bundesrepublik Deutschland
Bd. 1 - 3
Die 50er Jahre: Kalter Krieg und Wirtschaftswunder
Die 60er Jahre: Eine dynamische Gesellschaft
Die 70er Jahre: Republik im Aufbruch
Primus Verlag, Darmstadt 2007

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