Bilder eines Reiches
In den 60er bis 70er Jahren des 19. Jahrhunderts haben einige russische Fotografen versucht, mit Hilfe des für die damalige Zeit neuen Mediums Fotografie auf systematische Weise das Leben im russischen Reich darzustellen. Sie praktizieren sie einen illusionslosen, objektivierenden, realistischen Blick auf das vorrevolutionäre Russland. Eine Ausstellung in Karlsruhe stellt einige dieser Fotoprojekte vor.
Zehn Jahre lang war Alexej Kusnezow aus politischen Gründen ins sibirische Nertschinsk verbannt, die berüchtigtste Strafkolonie des russischen Riesenreiches. Als er wieder in Freiheit war, blieb er dort als Fotograf und dokumentierte 1891 in einer Serie von über 200 Aufnahmen das Leben der Verbannten in den Lagern um die Bleibergwerke. An Schubkarren gefesselte Gefangene; Internierte, deren Haut wie Vieh gebrandmarkt ist, in Ketten geschmiedete Sträflinge, einen zum Tode Verurteilten neben seinem Henker, aber auch Alltagsszenen: nüchtern, präzise, konstatierend. Eine Galerie brutaler Bilder wie aus dem Register des Erkennungsdienstes zieht da an unseren Augen vorüber, und diese Art der fotografischen Dokumentation war eine damals durchaus übliche Praxis, sagt Kuratorin Anastasia Khoroshilova:
"Das hat der Staat sehr schnell übernommen, dass man sein Land nicht nur festhalten, sondern mit Fotografie auch kontrollieren wollte. Schon seit den 70er Jahren war das in dieser berüchtigten 3. Abteilung, man könnte das mit der Polizei des Geistes vergleichen. Das wurde extra vom Zaren eingerichtet, als die ganzen revolutionären Unruhen schon kamen damals, hat man versucht, alle Strafgefangenen zu dokumentieren."
Es war mal wieder das Militär, das sich die Möglichkeiten des neuen Mediums zuerst zunutze machte. Wo immer Offiziere und Pioniere, Topografen und Archäologen im Auftrag des Zaren das Riesenreich durchstreiften, sollten sie die Spuren ihrer Expeditionen fotografisch dokumentieren, damit man in Moskau und St. Petersburg zumindest eine Ahnung hatte, wie und wo die Untertanen des Vielvölkerstaates lebten, wie sie aussahen und welche Gebräuche sie pflegten.
"Man könnte den Krimkrieg als Wendepunkt nennen, wo Russland eine sehr bittere Niederlage erlitt, und da stellte sich die Frage nach einer neuen Selbstrepräsentation des Landes. Und da hat man nach neuen Medien gesucht."
Voller Stolz bannte man technische Errungenschaften wie den Bau der Ural-Eisenbahnlinie mit ihren spektakulären Brücken oder exotische landschaftliche Sehenswürdigkeiten wie die kalmückische Steppe auf die Platten und füllte mit den Abzügen ganze Alben, die man dem Zaren schenkte oder etwa auf der Weltausstellung in Chicago 1885 präsentierte, meist aufwendig handkoloriert.
Doch solche Schönfärberei war die Sache vieler Fotografen nicht. Als die Ausrüstungen handlicher wurden, ging man aus den Studios hinaus und fotografierte das russische Volk direkt bei der Arbeit und in der Natur. Stilbildend für diese kritischen Sozialreportagen war der nach Russland ausgewanderte Schotte William Carrick, der schon vor 1862 das vorwegnahm, was später Literaten wie Turgenjew oder in der Malerei die so genannten Peredwishniki, die "Wandermaler", populär machten: den russischen Realismus, der auch Armut, Unfreiheit oder das Drama der Trunksucht illusionslos zur Darstellung brachte.
"Da hat man zum ersten Mal das Volk in seiner Umgebung abgebildet und die Bauern. Wie Sie wissen, ist die Leibeigenschaft erst 1862 abgeschafft worden, und um diese Wende hat man auch versucht, dann das Volk in der bildenden Kunst darzustellen, was früher nie der Fall war."
Besonders beeindruckend ist eine Serie von Aufnahmen, auf denen der Fotograf Maxim Dmitrijew die Folgen der Missernte von 1891/92 im Gebiet Nishni Nowgorod schildert: Hungerleichen, Typhuskranke, Menschenschlangen vor den Suppenküchen.
Geradezu folkloristisch mutet dagegen an, was Zar Nikolaus II. 15 Jahre zuvor in Moskau inszeniert hatte, inspiriert von der Weltausstellung 1851 im Londoner Kristallpalast: nämlich die "Gesamtrussische ethnografische Ausstellung" von 1867. Herzstück der gigantischen Schau waren 291 nach Fotografien lebensgroß modellierte Puppen aller ethnischen Gruppen und Rassen des russischen Reiches, sorgsam mit den Originaltrachten kostümiert und mitsamt ihren nachgebauten Zelten oder Hütten inszeniert wie in einem blühenden botanischen Garten. Es war ein groß angelegter Versuch der Selbstästhetisierung des russischen Staates zu politischen Zwecken, der vom westlichen Ausland argwöhnisch beäugt wurde.
"Dieses Programm wurde von dem Zaren Alexander II. persönlich bewilligt, und ganz zufällig fand auch ein Slawenkongress zu der Zeit statt, was natürlich in der ausländischen Presse für große Unruhe sorgte, denn man sah da schon ein großes panslawistisches Schiff auf Westeuropa zukommen."
Immerhin gelang es dem Zaren damit, die imperialen Interessen seines Landes neu zu positionieren, auch mit den Mitteln der Fotografie, die später die neuen Machthaber nach der Revolution mindestens ebenso raffiniert für Propagandazwecke zu nutzen wussten.
Der Vorgänger des Zaren, Nikolaus I. übrigens, hatte sich zeitlebens dagegen gesträubt, fotografiert zu werden. Es gibt nur eine einzige Aufnahme von ihm: Da ist er tot und liegt im Sarg.
Service:
Die Ausstellung "Bilder eines Reiches - Leben im vorrevolutionären Russland" ist noch bis zum 6. August 2006 im Zentrum für Kunst und Medientechnologie in Karlsruhe (ZKM) zu sehen. Sie wird im Rahmen der "18. Europäischen Kulturtage Karlsruhe 2006" gezeigt, die unter dem Thema "Moskau" stehen.
"Das hat der Staat sehr schnell übernommen, dass man sein Land nicht nur festhalten, sondern mit Fotografie auch kontrollieren wollte. Schon seit den 70er Jahren war das in dieser berüchtigten 3. Abteilung, man könnte das mit der Polizei des Geistes vergleichen. Das wurde extra vom Zaren eingerichtet, als die ganzen revolutionären Unruhen schon kamen damals, hat man versucht, alle Strafgefangenen zu dokumentieren."
Es war mal wieder das Militär, das sich die Möglichkeiten des neuen Mediums zuerst zunutze machte. Wo immer Offiziere und Pioniere, Topografen und Archäologen im Auftrag des Zaren das Riesenreich durchstreiften, sollten sie die Spuren ihrer Expeditionen fotografisch dokumentieren, damit man in Moskau und St. Petersburg zumindest eine Ahnung hatte, wie und wo die Untertanen des Vielvölkerstaates lebten, wie sie aussahen und welche Gebräuche sie pflegten.
"Man könnte den Krimkrieg als Wendepunkt nennen, wo Russland eine sehr bittere Niederlage erlitt, und da stellte sich die Frage nach einer neuen Selbstrepräsentation des Landes. Und da hat man nach neuen Medien gesucht."
Voller Stolz bannte man technische Errungenschaften wie den Bau der Ural-Eisenbahnlinie mit ihren spektakulären Brücken oder exotische landschaftliche Sehenswürdigkeiten wie die kalmückische Steppe auf die Platten und füllte mit den Abzügen ganze Alben, die man dem Zaren schenkte oder etwa auf der Weltausstellung in Chicago 1885 präsentierte, meist aufwendig handkoloriert.
Doch solche Schönfärberei war die Sache vieler Fotografen nicht. Als die Ausrüstungen handlicher wurden, ging man aus den Studios hinaus und fotografierte das russische Volk direkt bei der Arbeit und in der Natur. Stilbildend für diese kritischen Sozialreportagen war der nach Russland ausgewanderte Schotte William Carrick, der schon vor 1862 das vorwegnahm, was später Literaten wie Turgenjew oder in der Malerei die so genannten Peredwishniki, die "Wandermaler", populär machten: den russischen Realismus, der auch Armut, Unfreiheit oder das Drama der Trunksucht illusionslos zur Darstellung brachte.
"Da hat man zum ersten Mal das Volk in seiner Umgebung abgebildet und die Bauern. Wie Sie wissen, ist die Leibeigenschaft erst 1862 abgeschafft worden, und um diese Wende hat man auch versucht, dann das Volk in der bildenden Kunst darzustellen, was früher nie der Fall war."
Besonders beeindruckend ist eine Serie von Aufnahmen, auf denen der Fotograf Maxim Dmitrijew die Folgen der Missernte von 1891/92 im Gebiet Nishni Nowgorod schildert: Hungerleichen, Typhuskranke, Menschenschlangen vor den Suppenküchen.
Geradezu folkloristisch mutet dagegen an, was Zar Nikolaus II. 15 Jahre zuvor in Moskau inszeniert hatte, inspiriert von der Weltausstellung 1851 im Londoner Kristallpalast: nämlich die "Gesamtrussische ethnografische Ausstellung" von 1867. Herzstück der gigantischen Schau waren 291 nach Fotografien lebensgroß modellierte Puppen aller ethnischen Gruppen und Rassen des russischen Reiches, sorgsam mit den Originaltrachten kostümiert und mitsamt ihren nachgebauten Zelten oder Hütten inszeniert wie in einem blühenden botanischen Garten. Es war ein groß angelegter Versuch der Selbstästhetisierung des russischen Staates zu politischen Zwecken, der vom westlichen Ausland argwöhnisch beäugt wurde.
"Dieses Programm wurde von dem Zaren Alexander II. persönlich bewilligt, und ganz zufällig fand auch ein Slawenkongress zu der Zeit statt, was natürlich in der ausländischen Presse für große Unruhe sorgte, denn man sah da schon ein großes panslawistisches Schiff auf Westeuropa zukommen."
Immerhin gelang es dem Zaren damit, die imperialen Interessen seines Landes neu zu positionieren, auch mit den Mitteln der Fotografie, die später die neuen Machthaber nach der Revolution mindestens ebenso raffiniert für Propagandazwecke zu nutzen wussten.
Der Vorgänger des Zaren, Nikolaus I. übrigens, hatte sich zeitlebens dagegen gesträubt, fotografiert zu werden. Es gibt nur eine einzige Aufnahme von ihm: Da ist er tot und liegt im Sarg.
Service:
Die Ausstellung "Bilder eines Reiches - Leben im vorrevolutionären Russland" ist noch bis zum 6. August 2006 im Zentrum für Kunst und Medientechnologie in Karlsruhe (ZKM) zu sehen. Sie wird im Rahmen der "18. Europäischen Kulturtage Karlsruhe 2006" gezeigt, die unter dem Thema "Moskau" stehen.
