Bilder, die uns anschauen

Paul Cezannes Gemälde "Mont Sainte-Victoire Seen From Les Lauves" © AP / Philadelphia Museum of Art
Von Robert Brammer · 11.10.2006
Vor 100 Jahren ist Paul Cézanne gestorben, ein Erfinder der modernen Malerei, "der Vater von uns allen", wie Picasso sagte. Er hat mit genialer Intuition die menschliche Wahrnehmung erforscht. Cézanne hat wahrgenommen, dass unser Sehen selber beweglich ist. Der Maler aus der Provence wollte das Sehen lebendig machen und dieses Sehen sollte mehr sein als nur das Abtasten einer Oberfläche.
Boehm: "Die Moderne hat natürlich viele Väter. Aber Cézanne ist sicherlich einer der wichtigsten."

Kudielka: "Cézanne ist wahrscheinlich der erste Maler, der mit der großen abendländischen Überlieferung des Sehstrahls gebrochen hat, der Vorstellung, die sowohl die Optik, wie die Malerei seit der Renaissance bestimmt hat: dass unser Sehen linear gerichtet ist. Genauso wie der Lichtstrahl selber, so blicken wir. Und so ist ja auch die Zentralperspektive entstanden. "

Paul Cézanne, so der Berliner Kunstwissenschaftler Robert Kudielka, hat die perspektivische Ordnung der Dinge aufgegeben zugunsten wechselnder Ansichten und Details. Wenn er malte, dann versuchte er an möglichst vielen Stellen eines Bildes gleichzeitig zu arbeiten, um unterschiedliche Blickwinkel und Einzelaspekte einer Szene zeitgleich erfassen zu können.

Kudielka: "Cézanne hat in der Wahrnehmung vor der Natur draußen gesehen, wahrgenommen, dass unser Sehen selber beweglich ist, so beweglich wie unsere Eindrücke auch sind. Und zwar nicht in der Weise, dass wir den Kopf hin und her bewegen, sondern dass das Sehen eine Tätigkeit ist, die in großen Sprüngen unwillkürlich vollzogen wird, sakkadischen Sprüngen sagt man heutzutage dazu, und die das den Sehstrahl, die gerade Linie verunsichernde Moment haben, dass unsere Blickachse innerhalb von einer Sekunde drei bis viermal umbricht, bis zu 20 Grad. Und diese Mobilität des Sehens ist zum ersten Mal wirklich realisiert worden in den Bildern von Cézanne."

Für Paul Cézanne, der vor 100 Jahren - am 23. Oktober 1906 – starb, sollte das Sehen mehr sein als nur das optische Abtasten einer Oberfläche. Cézanne wollte von der Wirklichkeit keine fotographischen Abbilder liefern. Er stellte vielmehr die Frage: Was geschieht mit uns, wenn wir ein Bild sehen? Seine Kunst handelt fast ausschließlich vom Sehen und von der Wahrnehmung. Cézannes Treue gegenüber dem Auge und die Genauigkeit seines Blicks, so der Basler Kunsthistoriker Gottfried Boehm, verwandelte die versteinerte Wirklichkeit wieder zu etwas Offenem. In seiner Malerei erscheinen die Dinge deshalb oft wie erneuert, so als würden sie eben erst entstanden sein.

Boehm: "Ich glaube, man kann die Veränderung, die Cézanne in Gang gebracht hat, im Grunde nicht überschätzen. Und zwar deswegen, weil zum ersten Mal, wenn ich Recht sehe, in der europäischen Geschichte so etwas wie eine Sehbewusstheit sich etabliert hat. Das heißt also die Einsicht, dass bereits das Sehen eine Logik hat. Die ganze europäische Tradition war im Grunde darauf abgestellt, dass die Sinnesvermögen den höheren geistigen Vermögen zuliefern, dass sie nur chaotische Voraussetzungen beinhalten, die dann von höherer Instanz geordnet werden müssen; während es jetzt darum geht, dass die Sinnesleistung selbst schon eine eigene Logik hat und diese Logik gilt es zu entdecken. Und Cézanne gehört zu den großen Vorkämpfern dieser Option."

Cézanne "Aix, den 13. September 1903 - Couture sagte seinen Schülern: ‚Pflegt guten Umgang!’, das heißt: ‚Geht in den Louvre!’. Doch nachdem man die großen Meister, die dort ruhen, gesehen hat, muß man sich beeilen, wieder herauszukommen und in sich selbst, im Kontakt mit der Natur, die Instinkte und die künstlerischen Empfindungsmöglichkeiten, die in einem stecken, zu verlebendigen trachten."

Der französische Philosoph Maurice Merleau-Ponty formulierte einmal, dass nichts schwerer zu wissen sei, als das, was wir sehen. Wie vielleicht kein anderer Autor des 20. Jahrhunderts verschrieb sich Merleau-Ponty der Malerei und es war Paul Cézannes künstlerisches Werk und sein Versuch, die Wahrheit des Blicks zu malen, die ihn zu einer Theorie des Sehens inspirierte.

Nach Merleau-Ponty denken wir mit dem Auge. Das bedeutet, die Welt ist nicht nur vor uns - uns gegenüber - sondern wir sind selber sehend in diese Welt verstrickt.

Der französische Philosoph entwickelte aus dieser eigentümlichen Verschränkung von Sehen und Gesehenem ein neues Modell der Selbstreflexion. Das heißt, so Gottfried Boehm: ich empfinde nicht nur optisch, sondern im selben Moment auch leibhaftig.

Boehm: "Es ist vorweggesagt schon sehr bemerkenswert, dass ein werdender Philosoph, noch dazu dieses Kalibers wie Merleau-Ponty, einer der großen Erneuerer der Phaenomologie in Frankreich, sich hat an die Hand eines Malers nehmen lassen, wenn man das so sagen darf. Aber sein eigener Beitrag bestand darin, dass er die Intelligenz des Auges mit derjenigen des Körpers, des Leibes eng verbunden hat. Und dazu war seine Schlüsselerfahrung, dass der Leib, unser eigener Leib, die einzige Stelle in der Welt ist, die zugleich sieht und sich sieht. Man kann die Hand sehen und man kann die Hand zugleich als die eigene Hand sehen und empfinden. Und diese Verschränkung ist der Versuch, nun tatsächlich auch philosophisch der Wahrnehmung einen Ort zu verschaffen. Die Wahrnehmung ist nicht irgendein frei schwebendes Organ des Bewusstseins oder dergleichen, sondern die Wahrnehmung ist ein Organ des Leibes."

Cézannes Malerei wurde für Merleau-Ponty zum Ausgangspunkt seiner Reflexionen über die menschliche Wahrnehmung. Eine seiner Thesen lautete: Nicht wir betrachten das Bild, sondern es ist das Bild, das uns betrachtet. Und: In allem Sehen werden wir selber von dem Gesehenen gesehen.

Boehm: "Ja das klingt so etwas animistisch, dass die Dinge nun auf eine magische Weise belebt wären. Auf der Ebene sollte es man vielleicht doch nicht verstehen. Jedenfalls ist es nicht gemeint, sondern gemeint ist etwas, was jeder Analyse standhält: nämlich dass Bilder eine Dialogqualität bekommen. Und dieses Zurückblicken der Bilder auf uns ist letztlich als eine Fähigkeit der Bilder zum Dialog mit uns zu verstehen. Und wir erwarten ja von einem Dialogpartner, dass er eine eigene Souveränität hat und nicht einfach reflektiert, was wir an ihn herantragen. Der Dialogpartner ist nicht ein Spiegel, sondern ist ein anderes Selbst."

Für Merleau-Ponty ist Wahrnehmung nicht durch die Gerichtetheit unseres Verstandes möglich, sondern es ist das Geschehen, das uns ansieht. Wir schauen uns also nicht nur Cézannes Gebirge vom Montagne Sainte-Victoire an - sondern es ist auch das Gebirge, das uns ansieht...

Kudielka: "Ja, das ist eine wunderbare Formulierung von Merleau-Ponty und ganz sicher in der Intimität des malerischen Sehens geschieht dies, dass der Maler anfängt, nun wirklich einem Motiv zu gehorchen, wie Cezanne auch sagt, einem Motiv zu gehorchen. Nun muss man immer vorsichtig sein. Man darf sich nicht vorstellen, dass das etwas Geisterhaftes in dem Sinne ist, dass uns ein Naturwesen uns in einem traditionellen Sinne anspricht. Das eigentliche Rätsel Cézannes, das Geheimnis Cézannes, bis heute ist es dies: was hat er überhaupt gemalt? Was in der Tat hat er gemalt, wenn es keine Gegenstände sind, wenn es kein Steinhaufen ist, oder im anderen Falle, wenn es nicht einfach nur Früchte sind? Und warum hat er die Menschen so gemalt, wie er sie gemalt hat? Das Schwierigste an Cézanne ist tatsächlich die Frage: was sehen wir dort? Sind das Landschaften im alten Genresinne, Stillleben im Sine des Genre, was hat er gemalt? Und diese Schwierigkeit besteht bis heute fort und ist einer der Gründe, weswegen sich die Kunstwissenschaft beispielsweise ganz ungern mit Cézanne beschäftigt. Einfach weil die Frage schier unübersteiglich scheint, die Frage: was hat er gemalt?"

Paul Cézanne ist auf ein Sehen aus, das imstande ist, alles wie zum ersten Mal zu zeigen. Er malt die Dinge im Moment ihres Sichtbarwerdens. Für Cézanne, so der Kunstwissenschaftler Robert Kudielka, ist das Sehen jedoch kein statischer Vorgang. Optisch-physikalische Erkenntnisse bestärkten ihn schließlich in seiner Einsicht, dass das Auge nicht alles zugleich, sondern nacheinander registriert.

Kudielka: "Das Sehen ist beweglich. Das ist die ganz schlichte, banale Wahrheit, die inzwischen auch die Gehirnphysiologie entdeckt hat, und der eigentümlicherweise Jahrhunderte von Malerei widersprochen haben in dem Versuch, das Sehen stillzulegen, es zu konstruieren in statischen Räumen. Das, was Cézanne tut, ist diese Beweglichkeit anzunehmen, zu akzeptieren und ein Äquivalent dafür zu suchen. Ich kann also keine Blätter mehr malen, ich male eigentlich gar keine Gegenstände mehr. Ich male farbige Orte. Das sind alles sehr schwierige Fragen, sehr elementare, mit denen sich Cézanne lange Jahre beschäftigt hat, bis er zu seinen Lösungen dazu gekommen ist. Und diese Lösungen sind in der Tat so revolutionär, dass Picasso sagen konnte: Cézanne, das ist der Vater von uns allen. Und was er damit meinte war: der hat etwas getan, was jedem modernen Maler fortan als Problem vor Augen stehen sollte: nämlich er hat mit der einfachen Erfahrung angefangen, für die es keine traditionellen Lösungen gibt: wie verhalte ich mich zur sichtbaren Welt, wenn diese sichtbare Welt eben ein Vorgang ist, eine Bewegung ist, ein Ereignis ist und nicht etwas Statisches. Wie gehe ich damit um?"

Boehm: "Die Struktur seiner Bilder hat ja etwas zu tun mit der inneren Unruhe, die entsteht, wenn etwas prozessuelles und etwas, das sich als stabil erweist, also Werden und Sein, wenn man diese hochtrabenden Begriffe dafür verwenden darf, sich miteinander verschränken. Das Geheimnis dieser Kunst ist, dass es ihm gelungen ist, so etwas wie Mobilität und so etwas wie Stasis im gleichen Bild zusammen zu bringen."

Cézanne, dieser unruhige und unausgeglichene Mensch, versucht zu zeigen, wie beweglich die Beziehungen zwischen unseren Augen und den uns umgebenden Dingen sind. Und er hat bemerkt, dass unser Blick eher umher schweift. Cézanne hat das Sehen für die Kunst thematisiert und dadurch auch für alle nachfolgenden Betrachter verändert. Alberto Giacometti urteilte einmal:

"Cézanne zertrümmerte die Konventionen der Wahrnehmung."

Kudielka: "Der Betrachter im Sinne Cézannes, Cézanne selber und die Betrachter seiner Bilder, erfährt sich nicht mehr als stehendes und bleibendes Ich, das einer objektiven, fixierten Welt gegenübersteht. Sondern man erfährt sich in der Tat als Teilhaber einer Bewegung. Und Cézannes großes Gelingen ist eben dies, dass er diese Beweglichkeit artikuliert hat. Das ist ja viel mehr, als der Vorgang, dass die Bilder laufen lernten. Die reine Veränderlichkeit einer Bildwahrnehmung, wie wir sie im Film haben, führt ja eher dazu, dass man selber träge und statisch wird. Dass man sich nicht mehr selber in der Weise sehend bewegt, sondern dass man sich nur von Außen bewegen lässt. Was Cézannes Bilder tun, geht sehr viel weiter. Sie ziehen uns selber in eine Beweglichkeit hinein, die er an sich selber erfahren hat und zu Zeiten auch negativ erfahren hat, in der Erfahrung nicht mehr Herr seiner selber zu sein - vor dem Motiv."

Cézanne: "Aix, den 21. September 1906 - Jetzt scheint es mir, dass ich besser sehe und dass ich hinsichtlich der Orientierung meiner Studien richtiger denke. Werde ich das so sehr gesuchte und so lange verfolgte Ziel erreichen? Ich wünschte es, aber solange es nicht erreicht ist, bleibt ein gewisser Zustand von Unbehagen bestehen, der erst verschwinden wird, wenn ich den Hafen erreicht haben werde, das heißt, wenn ich etwas realisiert haben werde, das sich besser als bisher entwickelt.

Ich arbeite also weiter nach der Natur, und es scheint mir, als machte ich langsam Fortschritte. Ich hätte Sie gern bei mir gehabt, denn die Einsamkeit bedrückt einen immer ein wenig. Doch ich bin alt und krank und habe mir geschworen, lieber beim Malen zu sterben, als einem entwürdigem Siechtum zu verfallen."

Der Maler aus Aix will die Natur, die sich nicht von selbst offenbart, realisieren. Die Wirklichkeit dokumentiert sich für ihn in Sehdaten. Er spricht von den ‚sensations colorantes‘, von den farbigen Eindrücken im Akt des Sehens. Er unterwirft sich der Logik der Farben, nicht der des Gehirns. Denn nur die Farbe ist für Cézanne der Ort,

Cezanne: "...wo sich unser Gehirn und das Weltall begegnen."

Kudielka: "Sie können einem Baum, wenn Sie ihn wirklich sehen, nicht Blätter anmalen, das gibt es nicht. Das sehen Sie nicht. Sie sehen farbige Empfindungen,’ sensations colorantes’ oder ‚colorées’, wie er das auch genannt hat. Das heißt, sie bewegen sich auf einer Ebene, wie er es selber gesagt hat, von farbigen Empfindungen, die das einzig authentische sind, was sie sehen. Und ich weiß natürlich, dass das Blatt eines Ahornbaumes so aussieht wie es aussieht, wenn ich ganz nahe hingehe. Aber wenn ich es auf zwanzig Meter Entfernung male, dann sehe ich etwas ganz anderes. Ich sehe pleine Ebenen von Farben, verschiedenartig beleuchtet und das versucht Cézanne zu malen. Das ist die eigentliche Treue gegenüber der Wahrnehmung, die keine gegenüber den Gegenständen ist. Denn ich sehe sie ja nicht als Gegenstände diese einzelnen Dinge, diese einzelnen Teile zum Beispiel eines Baumes, die bestimmte Farben an sich tragen."

Cézanne: "Die Natur - ich wollte sie kopieren. Es gelang mir nicht. Aber ich war mit mir zufrieden, als ich entdeckte, dass sich zum Beispiel die Sonne nicht einfach wiedergeben ließ, dass man sie vielmehr durch etwas anderes zum Ausdruck bringen mußte: durch Farbe."

Kudielka: "Cézanne hat, wenn es nicht sein musste, nicht gemischt. Cézanne hat mit, muss man sich vorstellen, elf Gelbs, fünf Rots, drei Grüns, drei Blaus einem Schwarz und einem Weiß gemalt. Wobei das Weiß in der Regel nur zur Aufhellung des Blaus gedient hat und sonst einfach nur durchscheinende Leinwand oder durchscheinender Papiergrund ist. Das in sich selber verlangt eine geradezu wissenschaftliche Genauigkeit des Sehens, denn ich muss ja auf meiner Palette immer wählen, welche Farbe ich nehme. Monet hat mit sechs, sieben Farben gemalt, die er virtuos gemischt hat. Cézanne hat das nicht getan, sondern zu seiner Genauigkeit des Sehens gehörte eigentümlicherweise die Fähigkeit, nicht nur die unübersehbare Vielfalt der Nuancen draußen in der Natur im Blick zu behalten, sondern auch die Möglichkeiten einer riesigen Palette, die er gehabt hat. Das muss man sich vorstellen, was das mental bedeutet: eine Palette mit cirka zwanzig Farben und dazu hin die verwirrende, undurchschaubare Vielfalt der Nuancen draußen und die Spannung die dann entsteht eigentlich im Arbeiten selber."

Cézanne: "Aix, den 26. Mai 1904 - Plaudereien über Kunst sind fast zwecklos. Der Literat drückt sich durch Abstraktionen aus, während der Maler mit Hilfe der Zeichnung und der Farbe seine Empfindungen und Wahrnehmungen konkretisiert. Man muß das, was man vor sich hat, durchdringen und beharrlich fortfahren, sich so logisch wie möglich auszudrücken."

Sich so logisch wie nur möglich auszudrücken, das ist Paul Cézannes künstlerisches Diktum: alles muss gewissermaßen durch das Nadelöhr des Auges. Er lässt so Bilder entstehen, die selber wie ein Auge aus dem Bildfeld blicken.

Cézanne: "Der Künstler muss eine lichtempfindliche Platte sein, auf der sich die Landschaft abzeichnet."

Die gesehenen Dinge, sie sind in den Bildern des Malers nur ein Klecks Farbe. Die einzelnen Farbflecke, sie bedeuten für Cézanne nichts. Erst aus dem Gewebe dieser Farbflecken entsteht ein Bild. Und zwischen ihnen, so Gottfried Boehm, befindet sich bei Cézanne alles Unwägbare, Ambivalente und Imaginäre. Schon Rilke sprach von den ‚wunderbar angeordneten Flecken‘.

Boehm: "Man muss sich klar machen, dass in Bildern Cézannes jeder einzelne Fleck, den man da beobachten kann, für sich ja einfach zunächst mal er selbst ist, ohne Bedeutung. Und erst in dem wir als Betrachter lernen, diese Fleckenordnung zu realisieren - eine Lieblingswort von Cézanne - in dem Maße tritt uns aus dieser Ordnung von bedeutungsfreien und bedeutungslosen Flecken etwas entgegen, zeigt sich etwas, zeigt sich die Welt, zeigt sich die Realität in einem bestimmten Ausschnitt. Und das ist eine Radikalität des Umgangs, auch eine Bereitschaft zur Offenheit, eine Bereitschaft, Zufälle zuzulassen, die ihn auszeichnet."

Cézanne: "Aix, den 8. September 1906 - Schließlich will ich Dir sagen, dass ich als Maler vor der Natur hellsichtiger werde, doch dass bei mir die Realisierung meiner Empfindungen immer sehr mühselig ist. Ich kann nicht die Intensität erreichen, die sich vor meinen Sinnen entwickelt, ich besitze nicht jenen wundervollen Farbreichtum, der die Natur belebt. Hier, am Ufer des Flusses, vervielfachen sich die Motive; dasselbe Sujet, unter einem anderen Blickwinkel gesehen, bietet ein Studienobjekt von äußerstem Interesse und von solcher Mannigfaltigkeit, dass ich glaube, ich könnte mich während einiger Monate beschäftigen, ohne den Platz zu wechseln, indem ich mich bald mehr nach rechts, bald mehr nach links wende."
Boehm: "Man kann ja schwer eindringen in das, was sich da abgespielt hat in seinem Kopf. Es gibt ja diese wunderbare Stelle, in der Rilke von der Malerin Mathilde Vollmüller berichtet, die das so beschrieben hat: er habe vor dem Motiv gesessen oder gestanden wie ein Hund und geschaut und nur geschaut. Und was dieser Hund dann in seinem Auge wahrgenommen hat, wird uns natürlich in einem gewissen Umfang immer verschlossen bleiben."

Realisieren, das heißt für den zurückgezogen lebenden Maler: er muss vom Wissen der Realität absehen. Er begreift die Wirklichkeit als ein Ereignis des Auges und alles vermeintliche und subjektive Wissen über diese Wirklichkeit will er ausschalten. Er will vorurteilslos malen.

Cézanne: "Der Maler soll in sich verstummen lassen alle Stimmen der Voreingenommenheit, vergessen, vergessen, Stille machen, ein vollkommenes Echo sein. Wenn ich beim Malen denke ist alles verloren.

Die Landschaft denkt sich selber in mir, ich bin ihr Bewusstsein."

Die Natur als Kunst zu realisieren, das heißt für Cézanne, sie nicht schon im Voraus zu deuten. Er will die Natur nicht durchschauen, um sie zu entzaubern. Malen was man sieht, nicht malen was man imaginiert - so lautet seine elementarste Forderung.
Cézanne: "Gestatten Sie mir, Ihnen wieder und gewiß ein wenig zu oft, von der Hartnäckigkeit zu sprechen, mit der ich die Realisierung jenes Teils der Natur verfolge, der vor unseren Augen liegend das Bild ergibt. Nun aber ist die zu lösende Aufgabe, das Abbild dessen zu geben, was wir sehen, und dabei alles zu vergessen, was vor uns dagewesen ist."

In Paul Cézannes Bildern ist etwas, das uns anblickt und mit dem Betrachter in einen Dialog tritt. Zudem existiert in ihnen eine intensive Stille, ein freier Spielraum der Imagination. Und dadurch, so Robert Kudielka, lässt sich vielleicht auch Cézannes Faszination beim Kunstpublikum erklären.

Kudielka: "Als Götz Adriani 1982 in Tübingen in einer schrecklichen Vorstadtgegend in einem neuen Museum seine Aquarelle - Ausstellung von Cézanne machte, da war ihm am Anfang nicht bewusst gewesen, welche Besucherlawine auf ihn zustürzen wird an diesem komischen, entlegenen, provinziellem Ort. Cézanne ist nicht nur ein Maler für die Maler. Das ist er ganz unbedingt und zuerst gewesen, sondern erstaunlicherweise für die Menschen, die sich von seinen Bildern im Merleau-Pontyschen Sinne angesprochen fühlen, angeschaut fühlen, und denen dies genug ist, die dabei auf die Frage verzichten können, die für die Kunstwissenschaft so schwierig ist: was hat er eigentlich gemalt?"

Cézanne: "Aix, den 12. Mai 1904 - Ich arbeite sehr langsam, da die Natur sich mir sehr vielgestaltig darstellt und es unablässig gilt, Fortschritte zu machen. Man muß sein Modell gut betrachten und sehr richtig empfinden und sich außerdem noch mit Kraft und Gewähltheit ausdrücken. Der Geschmack ist der beste Richter. Er ist selten. Die Kunst wendet sich nur an eine äußerst beschränkte Zahl von Individuen."

Kunst, so Paul Cézanne, sei eine Harmonie parallel zur Natur - eine nicht abschreibbare, eine nicht kopierbare, sondern allein durch Farbe zu repräsentierende Erfahrung der Gegenwart. Seine Bilder, vor allem die immer wieder gemalten Ansichten des provenzalischen Bergmassivs Montagne Sainte-Victoire in der Nähe seines Heimatortes Aix-en-Provence, zeigen die von Cézanne entwickelte Logik der Farben, nach der das Licht, der Horizont oder die Landschaft durch Farbstufungen wiedergegeben werden. Die cirka 60 Gemälde, Zeichnungen und Aquarelle, die über diesen Berg entstehen, werden zu Bildern über die Grundlage des Sehens.

Die Erfahrung dieses faszinierenden Berges in der Landschaft des Midi hat ihn immer und immer wieder gebannt hat und ihm in seinen letzten Lebensjahren das alles bestimmende Motiv gegeben:

Cézanne: "Schauen Sie diesen Sainte-Victoire. Welcher Schwung, welcher gebieterische Durst nach Sonne und welche Melancholie am Abend, wenn diese ganze Schwere sich darauf senkt."

Kudielka: "Also zunächst fasziniert ihn an dem Berg, dass er das Gegenüber schlecht hin ist, zeigt auch in gewisser Weise seinen geradezu maßlosen Anspruch: das ist das Gegenüber. Und dieses direkte Gegenüber nun in einem gewaltigen Ding zu haben, das einen gewissermaßen als Maler arretiert, ein wirkliches großes Gegenüber zu haben, ist sicher die eine motivische Faszination. Die andere Faszination ist die Präsenz des Berges selber in der Landschaft. Der Berg selber ist im Grunde ein riesiges atmosphärisches Ereignis. Er ist ja gewaltig, so als ob man einen Dreitausender in den Alpen abgeschnitten hätte und auf Meereshöhe dort unten gelagert hätte. Manchmal scheint er sich in seiner Nähe und Ferne zu verändern. Manchmal ist er von einer bezwingenden Klarheit und eine halbe Stunde später beginnt er sich atmosphärisch zu verhüllen zu entrücken, nimmt er eine andere Position ein gewissermaßen einem Selber gegenüber. Und ich glaube, das hat Cézanne auch fasziniert, die Beweglichkeit dieser Anschauung selber. Es ist nicht nur, dass sich unser Sehen sich bewegt, sondern die Erscheinung selber ist keine tote, konstante, sondern selbst wenn sie ein Steinhaufen ist, ein Ereignis. Und dass glaube ich ist die zweite Faszination für diesen Berg, warum er ihn so oft gemalt hat, warum er immer, jeden Tag gewissermaßen, neu da gewesen ist für ihn."

Cézanne: "Aix, den 13. Oktober 1906 - Zur Zeit gehe ich zu Fuß und nur mit dem Aquarellsack und verschiebe die Ölmalerei auf später, wenn ich einen Platz zum Unterstellen meines Gepäcks gefunden haben werde. Früher hatte man so etwas für dreißig Francs im Jahr. Ich merke überall die Ausbeutung. Das Wetter ist gewittrig und sehr veränderlich. Mein Nervensystem ist sehr geschwächt, nur die Ölmalerei kann mich aufrechterhalten. Man muß weitermachen. Ich muß also nach der Natur realisieren. Die Skizzen, die Bilder, wenn ich welche machen würde, sie wären nur Konstruktionen nach der Natur, ausgehend von den Mitteln, den Empfindungen, die das Modell suggeriert, doch ich sage immer dasselbe. Könntest Du mir Marzipan in kleinen Mengen besorgen?

Ich umarme Dich und die Mutter von ganzem Herzen!
Dein Vater Paul Cézanne"