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Fazit / Archiv | Beitrag vom 28.07.2014

Bildende Kunst Drehkreuz für den internationalen Künstlernachwuchs

Die Sommerakademie in Salzburg ist die älteste ihrer Art

Von Carsten Probst

Contessa Maria Camilla Pallavicini malt an einem Bild von einer Frau. Im Hintergrund sieht man eine weitere Künstlerin. (dpa / picture alliance / Gerhard Rauchwetter)
Eine der "Stammschüler" der Internationalen Sommerakademie Salzburg: Contessa Maria Camilla Pallavicini (dpa / picture alliance / Gerhard Rauchwetter)

Sie ist mehr als eine Sommerfrische für Freizeitkünstler: Profis und ambitionierte Freizeitkünstler aus aller Welt treffen sich in den Kursen der Sommerakademie in Salzburg. Für viele ist es der erste Zugang zur westlichen Kunstwelt, für manche der Eintritt in ein neues Leben.

Bradeeg studiert Design und Film in Indiens Hauptstadt Delhi. Über einen Professor hat er von der Sommerakademie in Salzburg erfahren, die an ein Stipendienprogramm angeschlossen ist. Er hat sich beworben – und nun ist er zum ersten Mal in Europa, ausgerechnet im idyllischen Salzburg. Hoch oben auf der Burg mit dem prächtigen Alpenblick sitzt er in seinem Kursraum, und versucht, seine Eindrücke zu sammeln.

"Hitler…, Schnitzel..,. Alaba…"

Hitler, Wiener Schnitzel und David Alaba: Mehr war Bradeeg vor seinem Aufenthalt nicht zu Österreich eingefallen. In den ersten Tagen seines Aufenthaltes ist viel Neues. auf ihn eingestürmt.

"Die Unterschiede sind riesig. In Indien ist eine Kunstszene erst im Entstehen. Es ist eher eine Off-Szene, als dass es dort größere Kunstinstitutionen gäbe. Es gibt keinen organisierten Kunstbetrieb. Die wenigen Kunstorganisationen, die es gibt, geben ihr Geld nur den bekanntesten Künstlern. Nachwuchsförderung für neue Künstler gibt es nicht." 

Die zahllosen Möglichkeiten der Künstlerförderung in Europa reizen ihn sehr. Nach der Sommerakademie möchte er von Salzburg gleich weiterreisen nach Prag, wo er Kontakt zur dortigen Filmakademie aufgenommen hat, und dann in die Niederlande, dem europäischen Designzentrum. Die indische Gesellschaft sei in den letzten Jahren liberaler geworden, sagt Bradeeg. Aber die Möglichkeiten für junge Gegenwartskunst sind immer noch bei Null. Er selbst habe zwar nie irgendwelche Steine in den Weg gelegt bekommen. Trotzdem sei das Überleben als Künstler ein ständiger Kampf und auch nicht ganz ohne Tabus:

"Ja, es gibt Künstler, die ziemlichen Ärger haben, weil sie anstößige Sachen gemacht haben. Das gefährlichste Spiel, das du in Indien spielen kannst, ist das Spiel mit Religion. Wenn du mit der Religion spielst, kannst du tief fallen."

Von radikaleren Kunstformen nur am Rande gehört

Über die Bedingungen in ihrer Heimat zu sprechen, ist für manche der jungen Künstler nicht selbstverständlich. Mancher Teilnehmer aus Afrika oder Asien ergeht sich in Freundlichkeiten gegenüber Österreich oder Salzburg, aber bleibt doch pauschal in den Aussagen. Saheena beispielsweise, eine junge, überaus selbstbewusste Frau aus Bahrain, hat soeben die Schule in Abu Dhabi verlassen hat und eine Art Orientierungsjahr in Kunst absolviert. So ist sie auch über ein Stipendium an die Salzburger Sommerakademie gekommen.

"Natürlich beeinflusst mich meine Umgebung in der Art, wie ich ein Bild anfange und wie ich es dann bearbeite. Aber da gibt es nichts, was mich aufhält. Ich lebe nicht in einem Land, das mich in dieser Hinsicht versucht zu beeinflussen, wie ich meine Umgebung wahrzunehmen habe. Niemand redet mir da hinein, und es gibt auch keine Restriktionen",

antwortet sie mit strahlendem Lächeln und in perfektem Englisch auf die Frage, ob sie als Frau und werdende Künstlern nicht möglicherweise auf Vorbehalte in ihrer Heimat gestoßen ist, in der Amnesty International ja nach wie vor systematische Benachteiligungen von Frauen etwa bei der Teilnahme am öffentlichen Leben feststellt. Saheenas Interesse gilt offenkundig eher der älteren Kunst, der abstrakten Malerei der Moderne. Von jüngeren, radikaleren Kunstformen hat sie anscheinend eher am Rande gehört.

Weitere Kontakte geknüpft

Dobzinya ist hingegen über ein Stipendium aus Kiew nach Salzburg gekommen, hat in der Ukraine ursprünglich einen Universitätsabschluss in Marketing gemacht und erst dann beschlossen, Künstler zu werden. Aber als Autodidakt ist er schon seit einigen Jahren mit seinen Installationen in der ukrainischen Kunstszene aktiv. Von der sich immer weiter zuspitzenden Krise in seinem Land fühlt er sich regelrecht überfahren.

"In Kiew war es schwierig. Jeder Künstler war irgendwie in die Maidan-Proteste involviert. Viele haben zum Beispiel Plakate gemalt für die Demonstrationen und waren ständig bei Aktionen mit dabei. Das hörte auf, als es mit der Gewalt losging, Ende Dezember. Künstlerischer Protest ist seitdem kein Mittel mehr. Viele haben sich zurückgezogen, spendeten dann lieber Geld, Essen oder Medikamente. Was mir fehlt, ist noch immer die Distanz. Die Fähigkeit, zu verstehen, was eigentlich passiert ist, und wie es weitergehen, wie man weiterleben und weitermachen oder wie man darauf reflektieren soll."

So, wie er dasitzt, wirkt Dobzinya eher wie ein Flüchtling, dem das Stipendium in Salzburg eine neue Zuflucht eröffnet hat.

"Es war schon recht nützlich für mich, die Ukraine jetzt für fast einen Monat verlassen zu können während er dortigen Zustände. Mein Visum endet am 5. August, und ich sitze hier und denke darüber nach, ob ich den Aufenthalt nicht irgendwie verlängern könnte."

An all diesen Gesprächen wird deutlich, dass die Sommerakademie in Salzburg in den Jahrzehnten ihres Bestehens weit mehr ist als eine Sommerfrische für Freizeitkünstler. Ohne dass die Zugangsschwellen allzu hoch liegen, wie etwa beim Berliner Künstlerprogramm, ist sie ein Drehkreuz auch für den internationalen Künstlernachwuchs. Frühere Teilnehmer etwa aus Krisenstaaten in Lateinamerika oder Asien berichten, wie sie von hier aus weitere Kontakte geknüpft, andere Stipendien erhalten haben. Für manche ist Salzburg der Eintritt zu einem ersehnten Leben als freier Künstler, das ohne Netzwerke und ohne die Möglichkeit, sich öffentlich auch mit kritischen Beiträgen zu zeigen, nicht möglich wäre. Manche kehren Jahrzehnte später als Lehrer an die Sommerakademie zurück.  

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