61. Kunstbiennale von Venedig
Protest des feministischen Performance-Kollektivs Pussy Riot vor dem russischen Pavillon in Venedig. © IMAGO / SGPItalia / Max Montingelli
Kulturkämpfe überschatten die Kunst

Unpolitisch war die Kunstbiennale von Venedig noch nie, doch die 61. Ausgabe wird in besonderer Weise von Protesten und Debatten geprägt.
Gut eine Woche vor der offiziellen Eröffnung kam der Paukenschlag: Im Streit um den Umgang mit Russland und Israel trat die internationale Jury der 61. Kunstbiennale von Venedig geschlossen zurück. Die Eröffnungszeremonie wurde abgesagt - und erstmals seit der Wiedereinführung 1986 werden keine traditionellen Löwen vergeben. Über die Preise soll nun das Publikum entscheiden. Die Biennale in der italienischen Lagunenstadt steht vor einem Scherbenhaufen. Wie konnte es so weit kommen?
Russlands Rückkehr in die Giardini
Alles begann mit der Ankündigung Russlands, erstmals seit Beginn der Invasion in der Ukraine wieder seinen Länderpavillon zu bespielen. 2022 waren es die russischen Künstler, die nicht mehr ausstellen wollten, in der Ausgabe darauf verzichtete das Land selbst auf eine Teilnahme und lieh seinen Pavillon Bolivien.
Nun kehrt Russland in die Giardini mit einem Musik- und Performanceprojekt zurück, kuratiert von Anastassija Kornejewa. Sie ist die Tochter eines Geheimdienstgenerals und leitet in Moskau eine Galerie, zusammen mit einer Tochter des Außenministers Sergej Lawrow.
Biennale-Präsident Pietrangelo Buttafuoco hat die Teilnahme unterstützt und auf 130 Jahre Autonomie der Kunstausstellung verwiesen. Sie ermögliche einen Weg, Abschottung und Zensur draußen - vor dem Eingang der Biennale - zu lassen, meinte Buttafuoco. Er sieht die Kunstausstellung als einen Ort der "kulturellen Waffenruhe".
Protestbrief an den Biennale-Präsidenten
Das führte zu heftigem Widerspruch, unter anderem von der EU. Nach einem Protestbrief an den Biennale-Präsidenten kündigte die Europäische Union an, Zuschüsse in Höhe von zwei Millionen Euro zu streichen.
Auch die italienische Regierung hatte sich gegen die Teilnahme Russlands ausgesprochen, Italiens Kulturminister Alessandro Giuli und Regierungschefin Giorgia Meloni werden der Eröffnung fernbleiben. Giuli wirft Buttafuoco vor, mit der Teilnahme von Russland an der sechsmonatigen Ausstellung Neben-Außenpolitik betreiben zu wollen und damit gescheitert zu sein. "Er ist Opfer einer pazifistischen Fantasie geworden", sagte Giuli der Zeitung La Repubblica.
Inzwischen wird über eine baldige Ablösung des Biennale-Chefs spekuliert, und zwei Tage vor Eröffnung der Biennale protestierte das feministische Performance-Kollektiv Pussy Riot vor dem russischen Pavillon. Ihre Gesichter mit pinken Strickmasken bedeckt, riefen die Aktivistinnen „Blut ist russische Kunst“. Pussy-Riot-Gründerin Nadjeschda Tolokonnikowa sagte, die einzige Kunst, die in Venedig gezeigt werden sollte, sei die von inhaftierten Dissidenten. Auch ukrainische Künstlerinnen und Künstler haben Aktionen in Venedig geplant.
Israel: Boykott, politischer Druck und eine Klausel
Ähnlich kontrovers wird auch die Teilnahme Israels verhandelt. Fast 200 Künstler, Kuratoren und Mitarbeiter der Biennale forderten gemeinsam mit der Initiative Art Not Genocide Alliance (ANGA) im März in einem offenen Brief, das Land nicht zuzulassen.
Doch die Biennale widersetzte sich auch hier den Forderungen, Israel ist dabei. Wegen der Renovierung des Pavillons stellt das Land allerdings im Arsenale aus und hat eine Klausel in den Vertrag mit dem Künstler Belu-Simion Fainaru eingefügt: Auch im Fall von Protesten soll dieser keinen Rückzieher machen dürfen. 2024 hatte die israelische Künstlerin Ruth Patir noch entschieden, ihre Kunst in Venedig erst dann zu zeigen, wenn alle Geiseln befreit seien und die Zerstörung Gazas eingestellt würde.
Dieses Jahr nun gibt es im erbitterten Streit um die Deutung des Nahostkonflikts Entrüstung und Aufregung auf beiden Seiten. Die israelische Seite kritisierte die Biennale-Jury scharf, nachdem diese bekannt gegeben hatte, keine Auszeichnungen für Länderpavillons zu vergeben, deren Staats- und Regierungschef vom Internationalen Strafgerichtshof wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit gesucht werden. Zwar nannte die Jury dabei keine Namen, de facto trifft das aber nur auf Russland und Israel zu. Der italienische Kulturminister Giuli sagte daraufhin Israel seine Unterstützung zu und schickte "Inspektoren" (Gesandte des Ministeriums) nach Venedig.
Südafrika: Ein Pavillon bleibt leer
Und schließlich hat ausgerechnet das Land, das vor dem Internationalen Strafgerichtshof Anklage gegen Israel wegen Völkermordes eingereicht hat, seiner repräsentierenden Künstlerin den Riegel vorgeschoben. Weil sich Gabrielle Goliath in ihrem Werk unter anderem mit der Gewalt im Gazastreifen befasste und nicht ausreichend mit der Geschichte Südafrikas, verlangte Kulturminister Gayton McKenzie Änderungen am Konzept. Das sahen weder Künstlerin noch Kuratorin ein. Der südafrikanische Pavillon bleibt deshalb offiziell leer. Ihr Kunstwerk zeigt Gabrielle Goliath dennoch in Venedig, im Nebenprogramm.
Die 61. Kunstbiennale von Venedig steht unter dem Titel "Minor Keys". Die 2025 verstorbene Kuratorin Koyo Kouoh wollte damit auch die leiseren Töne der Gegenwartskunst hörbar machen. Momentan ist es allerdings sehr laut in Venedig.









