Bhopal

"Immer noch eine sehr traumatisierte Stadt"

Zeichen des Protestes: Demonstranten im indischen Bhopal erinnern an das Chemie-Unglück vom 3. Dezember 1984. © AP / INDRANIL MUKHERJEE
Jürgen Webermann im Gespräch mit Isabella Kolar · 03.12.2014
Der Unfall in einem Chemiewerk des US-Unternehmens Union Carbide im indischen Bhopal am 3. Dezember 1984 gilt als die bislang größte Umweltkatastrophe: Tonnenweise wurden giftige Cyanidverbindungen freigesetzt, tausende Menschen starben. Bis heute leidet die Region unter den Folgen, hat Indien-Korrespondent Jürgen Webermann vor Ort erfahren.
Isabella Kolar: Der 3. Dezember 1984 ist in die Geschichte eingegangen als Tag der größten Umweltkatastrophe, die die Welt bisher erlebt hat. Es war ein Chemieunfall unvorstellbaren Ausmaßes: An jenem 3. Dezember entwichen nach einer Panne in einem Chemiewerk des US-Multis Union Carbide 42 Tonnen giftige Cyanidverbindungen in die Umwelt – die Schätzungen reichen von 3800 bis 25.000 Toten in der Folge. Das ist jetzt genau 30 Jahre her. Jürgen Webermann, unser Korrespondent in Neu-Delhi: Sie waren gerade in Bhopal. Wie war Ihr erster Eindruck?
Jürgen Webermann: Ja, also der erste Eindruck ist der einer ganz normalen indischen Stadt, die auch an diesem indischen Aufschwung jetzt teilhaben will. Es tut sich auch in Bhopal wie überall im Land unheimlich viel, gerade auch ökonomisch, also auch Investitionen, die nach Bhopal fließen. Aber wenn man dann doch die Menschen spricht, die erinnern sich alle sehr, sehr genau an 1984, an diesen Tag der Katastrophe und an die Folgen.
Damals sind 500.000 Menschen in Bhopal von dieser Gaswolke betroffen gewesen. Das ist natürlich enorm. Und je näher man diesem früheren Werk von Union Carbide, dem US-Konzern, kommt - das ist jetzt eine Ruine, die praktisch mitten im Grünen steht – darum herum sind Slums, darum Armenviertel, und die Menschen dort, für die ist dieses Unglück noch mehr als lebendig eigentlich, weil viele von denen noch unter den Folgen leiden, weil viele von denen auch Angst haben, dass der Boden noch verseucht ist, dass das Grundwasser verseucht ist.
Leider liegt für dieses Bild keine Bildbeschreibung vor
Direkt neben dem ehemaligen Firmengelände ist der Atal Ayub Nagar Slum.© Deutschlandradio / Jürgen Webermann
Also da ist nicht nur die Erinnerung noch sehr lebendig, sondern tatsächlich auch der Alltag wird geprägt von Protesten. Die sind neulich im November noch nach Neu-Delhi marschiert, tausende von Opfern, und haben dort protestiert und gesagt, wir brauchen höhere Entschädigungen, wir haben kein Geld, um Operationen zu bezahlen. Also das ist ein täglicher Überlebenskampf dort, und mein Eindruck ist, dass in weiten Teilen Bhopal immer noch eine sehr traumatisierte Stadt ist, vor allem, wenn man mit Leuten redet, die eben damals schon in Bhopal gelebt haben.
Kolar: Sie haben gesagt, dass die Menschen Angst haben, dass ihr Grundwasser verseucht ist in den Slums. Ist das noch so?
Webermann: Ja, das ist definitiv noch so, das beweisen auch immer wieder Studien. Ich würde fast sagen, im Jahrestakt kommen Wissenschaftler nach Bhopal, um das zu überprüfen. Das Problem war, dass schon vor 1984 Union Carbide versucht hat, diese hochtoxischen Rückstände aus der Produktion dieses Insektenbekämpfungsmittels, was man dort hergestellt hat, auf relativ einfache Weise zu entsorgen. Da hat man dann zum Beispiel Planen ausgelegt, man wollte, dass diese Stoffe einfach von der Sonne mehr oder weniger absorbiert werden und einfach dann verschwinden. Das ist natürlich überhaupt nicht gelungen, schon gar nicht in der Monsunzeit. Da sind unheimlich viele Gifte ins Grundwasser gelangt.
Und ich selber war auch auf dem Fabrikgelände, das ist schon ein bisschen gespenstisch, denn man findet dort zum Beispiel Quecksilberrückstände – es blinzelt dort an einigen Stellen tatsächlich – und auch andere Chemikalien, wie zum Beispiel Glaswolle, was auch sehr giftig ist zum Einatmen, liegt dort noch haufenweise rum. Das heißt, der Boden ist definitiv verseucht.
Und viele Rückstände sind eben ins Grundwasser gelangt, und das ist das Problem, mit dem wir es zu tun haben. Die Brunnen in diesen Slumvierteln, in den Armenvierteln - dort hat man Wasserproben genommen -, die waren zum Teil verheerend. Also man hat dann mit Fischen getestet schon in den 80er-Jahren, die sind alle binnen kürzester Zeit auch gestorben, als man sie in dieses Wasser gesetzt hat. Und bis eigentlich in diesem Sommer sah es so aus, dass die Menschen auf dieses Wasser angewiesen waren, zum Waschen, zum Trinken, auch wenn sie es vielleicht abgekocht haben oder Ähnliches.
Es gab vor zehn Jahren eine Gerichtsentscheidung, wonach die Menschen in den Slums frisches Wasser brauchen, und zwar am besten über Pipelines von Brunnen hergepumpt, die doch etwas weiter weg liegen, also sicher sind. Und es hat bis zu diesem Sommer gedauert, bis man das umgesetzt hat. Also 30 Jahre lang haben die Menschen dort noch nach dem Desaster eigentlich verseuchtes Wasser zu sich nehmen müssen.
Leider liegt für dieses Bild keine Bildbeschreibung vor
Mitten im Dschungel ragen die Überreste der Fabrik aus dem Dickicht heraus.© Deutschlandradio / Jürgen Webermann
Erst nach 1984 wurde klar, dass es Doppelstandards gab
Kolar: Gibt es heute denn noch viele Menschen, die an den Folgen von Vergiftung und an gesundheitlichen Schäden leiden?
Webermann: Ja, die Zahl, die wird derzeit auf etwa 100.000 geschätzt. Wir waren selber auch in Krankenhäusern in Bhopal, und da sitzen tatsächlich unheimlich viele Menschen, die ganz typische Schäden haben, wie Ärzte uns dann wiederum sagten. Das sind Allergien, Krebsfälle, es gibt eine erhöhte Kindersterblichkeit, gerade in den Slums rund um das ehemalige Fabrikgelände, Leberprobleme, Depressionen, viele haben Lungenprobleme, chronischen Husten - das bekommt man direkt auch mit, wenn man dort ist und mit Leuten spricht.
Wir trafen eine Frau, die hatte unter ihrem Schleier eine riesige Beule praktisch am Hals, so groß wie ein Luftballon, das sah man erst gar nicht, und sie war eigentlich ein recht klassischer Fall, weil sie sagte, eigentlich muss das natürlich operiert werden, das sieht wirklich verheerend aus, aber ihr fehlt schlichtweg das Geld, weil die meisten Menschen einfach zu wenig Geld dort haben. Und das trifft eben auf tausende Menschen in diesen Slums zu, und viele, viele haben uns unheimlich zynische Antworten gegeben.
Leider liegt für dieses Bild keine Bildbeschreibung vor
Abdul Rehman und Shahjahan sind Betroffene des Giftunglücks. Ihre Beule versteckt sie meist unter ihrem Schal.© Deutschlandradio / Jürgen Webermann
Kolar: Union Carbide hat es in all den Jahren ja nicht geschafft, den Giftmüll und die Rückstände der Chemikalien von seinem Gelände zu entfernen. Sie sagten es, da glitzert es teilweise noch. Jetzt wäre Nachfolger Dow Chemical am Zug, der - am Umsatz gemessen - zweitgrößte Chemiekonzern der Welt nach BASF. Also am Geld kann es nicht liegen. Aber die fühlen sich auch nicht zuständig, oder?
Webermann: Nein, Dow Chemical sagt: Wir haben Union Carbide erst übernommen, nachdem Union Carbide die indische Tochterfirma längst verkauft hatte – was auch so stimmt -, wir sind überhaupt nicht verantwortlich für das, was in Indien passiert ist, und damit übernimmt man auch die Rechtsmeinung von Union Carbide selbst. Der Konzern sagte, das war ein indisches Werk, da waren indische Manager zugange und das ist praktisch nach indischen Richtlinien aufgebaut worden, also wir sind da überhaupt nicht für zuständig, obwohl wir 51 Prozent der Anteile gehalten haben.
Das ist natürlich eine Rechtsmeinung, auf die sich Union Carbide zurückgezogen hat und in Amerika damit auch sehr erfolgreich war, aber natürlich in Indien damit sehr viel Wut hinterlässt. Wir haben zum Beispiel mit einem Techniker gesprochen, der in diesem Werk gearbeitet hat und der gesagt hat, die Pläne für das Werk waren im Grunde die Pläne, die man auch für amerikanische Werke hatte, und man hatte dort den Arbeitern auch immer wieder suggeriert und gesagt: Die Sicherheitsstandards, die wir haben, sind die, die wir 20 Jahre lang in Amerika angewandt haben, und die Technologie hier ist auch die, die wir in Amerika benutzen.
Und erst nach 1984 wurde ihm und anderen klar, dass es eben Doppelstandards gab, dass die Materialien, die da verbaut wurden, andere waren, dass die Technik eine andere war, dass es keine Sicherheitsausbildungen gab und Ähnliches, obwohl eben Abgesandte von Union Carbide aus Amerika nach Indien geschickt wurden, um eben das alles aufzubauen, weil man die Mehrheit hatte. Aber rein rechtlich hat Union Carbide sich zurückgezogen und das sehr erfolgreich und Dow Chemical übernimmt diese Position und sagt: Wir sind ja noch weiter weg als Union Carbide Amerika, wir haben damit überhaupt nichts zu tun.
Extrem spärliche Entschädigung
Kolar: Und auf der anderen Seite heißt es ja auch, dass 90 Prozent des von Union Carbide gezahlten Geldes in Indien verschwunden sei und nie bei den Opfern angekommen sei, Stichwort Korruption. Ist da was dran?
Webermann: Das ist nie nachgewiesen worden, aber wenn man die indischen Verhältnisse kennt, und wenn man mal schaut, wie es in den 80er-Jahren hier in Indien zugegangen ist, Ende der 80er-Jahre, dann ist das natürlich mehr als realistisch: Von den 470 Millionen Dollar, die Union Carbide überwiesen hat, ist in der Tat der Großteil vermutlich tatsächlich verschwunden.
Etwa die Hälfte des Geldes hat die indische Regierung an Opfer ausgezahlt. 2010, als dann die Proteste noch mal richtig groß wurden, da hat die indische Regierung dann noch einmal nachgelegt und noch einmal einen ähnlichen Betrag draufgelegt und noch mehr Opfer entschädigt. Das heißt, insgesamt sind fast 500.000 Menschen entschädigt worden, wenn auch nur extrem spärlich, das muss man sich eigentlich auch noch mal vor Augen führen. 500 Euro für ein Opfer, was im Grunde lebenslang geschädigt ist – das reicht vielleicht für eine Tasse kleinen Tee jeden Tag, aber definitiv eben nicht für eine Operation oder eine vernünftige ärztliche Behandlung, die viele Menschen da durchaus noch nötig hätten.
Das heißt, es ist viel verschwunden, es wurde nachgelegt, und die indische Regierung versucht jetzt eben, noch mehr geltend zu machen bei Union Carbide, aber es ist eben zweifelhaft, ob das gelingt.
Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio Kultur macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.
Mehr zum Thema