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Filme der Woche / Archiv | Beitrag vom 18.12.2013

BeziehungskisteHumoriges Independent-Meisterwerk

James Gandolfini brilliert in seiner letzten Rolle als Charmebolzen

Von Hans-Ulrich Pönack

Eva (Julia Louis-Dreyfus), Albert (James Gandolfini) und Marianne (Catherine Keener) in "Genug gesagt" (20th Century Fox)
Ex-Mann, Ex-Frau und die neue Geliebte: Eva (Julia Louis-Dreyfus), Albert (James Gandolfini) und Marianne (Catherine Keener) begegnen sich in "Genug gesagt". (20th Century Fox)

Sie sind beide Ende 40 und lernen sich in "Genug gesagt" auf einer Party kennen. Es ist keineswegs Liebe auf den ersten Blick. Die Hauptdarsteller Julia Louis-Dreyfus und James Gandolfini geben ein großartig ungleiches Paar. Ihr Geheimnis: Seine Exfrau liegt bei ihr auf der Therapiecouch.

Nicole Holofcener hat in New York Film studiert und danach bei einigen TV-Serien (wie "Sex and the City" und "Gilmore Girls") Regie geführt und Fernsehfilme gedreht. Seit 1996 ist sie im Kinogeschäft.

Ihr Stiefvater war der Produzent Charles H. Joffe (1929 – 2008), der viele Filme von Woody Allen produzierte ("Der Stadtneurotiker", "Manhattan"; "The Purple Rose of Cairo"), und so war Nicole Holofcener in ihrer Jugendzeit viel am Set, wo die Meisterwerke des New Yorker Genies entstanden.

Ein "komisches" Paar

Mit "Enough Said" (Originaltitel) hat sie nun ein wunderbar trockenhumoriges Independent-Meisterwerk hergestellt, das sich ihren Vorbildern Woody Allen oder Robert Altman pointiert nähert. Dabei im Mittelpunkt - ein "komisches" Paar in nicht mehr ganz jungen Jahren. Also um die Ende 40. Eva (Julia -Louis-Dreyfus), schlank und sportlich, ist als therapeutische Masseurin unterwegs und gerade dabei, den Auszug ihrer Tochter zu verkraften. Die geschiedene, alleinerziehende Mutter händelt ihr Leben mit viel guter Energie. Albert, ein korpulenter Charme-Bolzen und Archivar beim Fernsehen (James Gandolfini), nimmt den ebenfalls bevorstehenden "Abgang" seiner flügge gewordenen Tochter eher locker.

Probleme mit den Zähnen

Man begegnet sich auf einer Party und es ist keineswegs "Liebe auf den ersten Blick". Doch ihre Vitalität und seine warmherzige, offene Authentizität passen doch recht gut zusammen. Also kabbelt man sich mit Bemerkungen über Blasen an den Füßen oder mit Informationen über Amalgamfüllungen im Gebiss vergnügt zusammen, zumal Albert mit seiner lebensklugen Selbstironie ihre Bedenken schnell verwischt.

Und dann tritt noch Marianne auf den Plan (Catherine Keener): Eine offensichtlich reiche Lifestyle-Poetin, die in ihrem feudalen Eigenheim schon mal erwähnt, dass sie täglich mit Joni Mitchell telefoniert. Und überhaupt (sehr) viel plappert, wenn Eva sie als neue Kundin besucht. Zum Beispiel über ihren ekligen Ex-Ehemann, einen übergewichtigen Tölpel "mit Paddel-Händen", der unglaublich nervende Marotten pflegt. Klar, es handelt sich eindeutig um Albert. Was Eva aber für sich behält und so immer mehr über ihren Neuen erfährt. Das originelle und reichlich emotionale Kuddelmuddel nimmt seinen aberwitzigen Lauf ... ...

Komödie mit Domino-Effekt

Eine hübsche Geschichte, in der die unangestrengte Genauigkeit alltäglicher Schwächen von gestandenem Personal imponiert. Hier läuft eine gut funktionierende, ebenso temperamentvolle wie amüsant-leise Screwball-Komödie ab, geadelt durch beschwingte Worteskapaden mit Woody Allen-Eloquenz und durch zwei pikobello passende, großartige Hauptdarsteller.

Julia Louis-Dreyfus, die einst in der berühmt-berüchtigten "Saturday Night Live"-TV-Show anfing und mit der Figur der Elaine Benes in der TV-Serie Seinfeld" populär wurde, Gewinnerin von vier "Emmy Awards", den Fernseh-"Oscars", und einem "Golden Globe Award" ist, glänzt hier als herrlich unordentlicher, liebenswert- neurotischer weiblicher Clown.

Die letzte Rolle von James Gandolfini

Er aber ist die eigentliche Überraschung: James Gandolfini, der ewige Mafioso (durch den TV-Serien-Hit "Die Sopranos") und brutaler Angstverbreiter (zuletzt neben Brad Pitt in einem überragenden Viertelstunden-Auftritt als psychopathischer Killer in "Killing Them Softly"). Er, der am 19. Juni 2013 in Rom während eines Kurzurlaubs im Alter von 51 Jahren an einem Herzinfarkt starb und nun in seiner letzten Leinwand-Rolle als Charmeur vom Dienst brilliert mit besonnener Blick-Körpersprache und sensiblem Timing. Was für ein Juwel von Darsteller ist von uns gegangen! Noch einmal große Anteilnahme, Begeisterung und staunendes Vergnügen, danach Abschied. Riesige Trauer über diesen Schauspielerverlust. Die beiden sind ganz zweifellos das Paar des Kinojahrgangs 2013.

 

Buch und Regie: Nicole Holofcener, USA 2012; Kulisse: Xavier Pérez Grobet; Musik: Marcelo Zarvos, 93 Minuten

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