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Fazit | Beitrag vom 01.01.2020

Bewahrung des Kulturerbes im JemenKollegiale Unterstützung im Krieg

Von Cornelia Wegerhoff

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Das Nationalmuseum in Sanaa im Jemen. (Deutsches Archäologisches Institut)
Das jemenitische Nationalmuseum in Sanaa - Das Deutsche Archäologische Institut organisiert auch Schulungen für Museumsmitarbeiter. (Deutsches Archäologisches Institut)

Die antiken Tempel, Ausgrabungsstätten und Museen im Jemen sind kostbares Kulturerbe - und akut vom Krieg bedroht. Um sie zu schützen, bekommen einheimische Archäologen auch Hilfe aus Deutschland.

Der Hilferuf aus dem Jemen kam per Sprachnachricht: "Es gab Nagetiere und Insektenbefall. Die Objekte waren in einem sehr schlechten Zustand." Ausgerechnet die sicher geglaubten Bestände des Nationalmuseums seien in Gefahr, berichtete der Archäologe Mohanad al-Sayani, Präsident der Altertümerverwaltung im Jemen, im Frühjahr seiner Kollegin Iris Gerlach in Berlin.

Geheime Depots für Museumsstücke

Schon kurz nach Kriegsbeginn 2015 hatte er die umfangreiche Sammlung in der Innenstadt von Sanaa aus Sicherheitsgründen evakuieren lassen. In einer Nacht- und Nebelaktion wurde damals ein Großteil der rund 120.000 Museumsstücke in geheime Depots gebracht, um sie vor Bombenangriffen zu schützen.

Iris Gerlach: "Wobei man damals gedacht hat: Na ja, ein paar Wochen später können wir sie wieder rausholen. Das heißt: Diese ganze Lagerung ist sehr, sehr provisorisch erfolgt. Und das, was man damals auch nicht kaufen konnte, das ist einfach eine finanzielle Frage gewesen, das sind zum Beispiel große Kisten, in die man diese Objekte hinein legen konnte. Sondern die lagen in mehr oder weniger vorhandenen Regalen, einfach so, also unverpackt."

Soforthilfe gegen Ungeziefer und Feuchtigkeit

Iris Gerlach leitet die DAI-Außenstelle in Sanaa. Wegen der Kämpfe im Jemen musste sie ihre eigene Arbeit vor Ort allerdings schon vor Jahren einstellen. "Aber das heißt nicht, dass wir nichts tun, sondern dass wir von Berlin aus diese Kulturerhalt-Projekte auch wirklich durchführen können, über die Außenstelle Sanaa des Deutschen Archäologischen Instituts, die immer noch geöffnet hat, und auch mit Lokalbeschäftigten besetzt ist."

Und gemeinsam mit diesem Team organisiert Iris Gerlach seit Monaten handfeste Soforthilfe gegen Ungeziefer, Staub und Feuchtigkeit in den geheimen Depots des Nationalmuseums und für die anderen Museen im Jemen.

"Das fängt an mit ganz einfachen Verpackungsmaterialien, von Styropor oder Einwickelpapier bis zu Handwerkern, die rekrutiert werden, um die Fenster und Türen wieder zu reparieren, einer Solaranlage, um dort Strom für Lampen zu schaffen, zuvor musste man wirklich mit Taschenlampen sich durchsuchen. Und das wirklich Entscheidende ist, dass wir mit diesen Geldern auch 40 Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen der Antikenbehörde beschäftigen können", sagt Gerlach.

Deutsche Stiftung sorgt für die Finanzierung

Denn die bekommen aufgrund des Krieges nur noch selten ihre Gehälter. "Jemens Museen in Gefahr", heißt das zweijährige Projekt, das mit finanzieller Unterstützung der Düsseldorfer Gerda-Henkel-Stiftung trotz des anhaltenden Krieges dabei helfen soll, das reiche Kulturerbe des Landes zu schützen. Auch durch die Ausbildung von Fachkräften.

Acht Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der jemenitischen Altertümerbehörde konnten so zu einem einwöchigen Workshop zum DAI nach Berlin eingeladen werden.

Mit Unterstützung eines Dolmetschers erklärt Josephine Schoeneberg das sogenannte GIS, das Geoinformationssystem, durch das sich auch mit Hilfe von Satellitenbildern Informationen über antike Monumente sammeln lassen.

Gerade sucht sie mit den Gästen aus dem Jemen nach einer alten Hafenstadt und sie schauen, wie sie sich über die letzten Jahre entwickelt hat, welche Strukturen noch erhalten sind.

Mitarbeiter-Schulungen orientieren sich am Kriegsalltag

Holger Hitgen hat die Schulung vorbereitet. Die Inhalte orientieren sich an Jemens Kriegsalltag, erklärt er: 

"Zurzeit kann man sich im Jemen kaum bewegen, bedingt durch die Kriegssituation, durch die zusammengebrochene Infrastruktur. Und deshalb ist es den Mitarbeitern der Antiken-Behörde kaum möglich, wichtige Fundplätze zu besuchen, zu überprüfen, ob es Zerstörungen gibt, Plünderungen gibt oder ähnliches. Und dies lässt sich aber - bis zu einem gewissen Grad - über Satellitenbild-Auswertungen tätigen. Dieses Monitoring oder Managing machen wir hier, haben wir entwickelt mit unserem Computerprogramm und zeigen jetzt unseren Kollegen, wie man damit umgehen kann, weil wir dieses Tool genau für sie entwickelt haben, damit sie es selber im Lande einsetzen können."

Archäologin Camelia ist für die deutsche Unterstützung dankbar. Sie gehört zum Team des Nationalmuseums, das in den vergangenen Monaten Zehntausende Objekte gereinigt, verpackt und dokumentiert hat:

"In diesen Vorlesungen haben wir sehr viel gelernt: Zum Beispiel, wie man die Objekte fotografiert, wie man sie für die Aufnahmen besser, aber auch schonend ausleuchten kann. Außerdem haben wir gelernt, wie wir mit Hilfe des GIS-Systems die Bestände besser dokumentieren können. Damit lässt sich in Zukunft auch besser kontrollieren, wenn etwas beschädigt wird oder verloren geht. So Gott will, können wir auf diese Weise unsere Altertümer besser schützen."

Die tiefe Zerrissenheit des Jemen hat allerdings auch in der Altertümerbehörde ihre Spuren hinterlassen. Die Teilnehmer des Workshops in Berlin arbeiten inzwischen für die zwei verschiedenen Regierungen des Landes.

Beim Schutz des Kulturerbes dürfe es aber keine Feindschaft geben, so Mohanad al-Sayani: "Wir müssen die Politik dabei außer Acht lassen. Die Altertümer gehören allen Jemeniten. Und deshalb sollten wir uns einzig und allein darauf konzentrieren, sie zu schützen."

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